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Die Alliierten in Österreich - Autriche, mon amour

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Nach dem Einzug der Franzosen machten Tiroler und Vorarlberger erstmals Bekanntschaft mit exotischen Gästen: In der Uniform der „Grande Nation" marschierten Hunderte Marokkaner in Westösterreich ein. Um die „Söhne der Wüste" in alpiner Umgebung ranken sich Anekdoten genauso wie Erinnerungen an Rassismus und Angst.

Mit den Franzosen kam der historische Erbfeind bereits zum zweiten Mal nach Tirol: Nie hatten die Tiroler vergessen, dass Napoleon 1810 den Nationalhelden und Freiheitskämpfer Andreas Hofer hinrichten ließ. Um die historische Hypothek loszuwerden, setzten die Franzosen auf Charmeoffensiven. Im Gegensatz zum 19. Jahrhundert stand die Besatzung nun unter dem Motto: „Ici Autriche, pays amis – hier ist Österreich, ein befreundetes Land.“ Fraternisierung statt Konfrontation war das Programm.

In „Autriche, mon amour“ erzählen Zeitzeugen über den geänderten Umgang mit der Bevölkerung. Demonstrativ stellte die französische Militärverwaltung die neue Verbundenheit zur Schau: sie förderte Trachtentanz und Schützenwesen, half beim Aufbau des Tourismus und des Wintersports, veranstaltete Sprachkurse, Kinowochen und Kunstausstellungen, um die beiden Kulturnationen einander näher zu bringen.

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"Menschen & Mächte: Die Alliierten in Österreich (4) - Autriche, mon amour": Exotische Attraktion: in der französischen Besatzungszone sorgten die vielen Marokkaner für Aufsehen, besonders kurz nach Kriegsende
Stadtarchiv Bregenz
Exotische Attraktion: in der französischen Besatzungszone sorgten die vielen Marokkaner für Aufsehen, besonders kurz nach Kriegsende
"Menschen & Mächte: Die Alliierten in Österreich (4) - Autriche, mon amour": Im Bild links: Emile Bethouard, Oberkommandierender der französischen Besatzungstruppen in Österreich
ORF/Historisches Archiv ORF/Fritz Kern
Im Bild links: Emile Bethouard, Oberkommandierender der französischen Besatzungstruppen in Österreich
"Menschen & Mächte: Die Alliierten in Österreich (4) - Autriche, mon amour": Marokkaner stehen für General de Gaulle Spalier
ORF/Historisches Archiv ORF/Peter Meusburger
Marokkaner stehen für General de Gaulle Spalier
"Menschen & Mächte: Die Alliierten in Österreich (4) - Autriche, mon amour": Nach 60 Jahren Warten: Besatzungskind Heidi Brunner machte sich auf die Suche nach ihrem Vater in Marokko
ORF/Tom Matzek
Nach 60 Jahren Warten: Besatzungskind Heidi Brunner machte sich auf die Suche nach ihrem Vater in Marokko
"Menschen & Mächte: Die Alliierten in Österreich (4) - Autriche, mon amour": Besuch im Bergdorf: auf der Suche nach ihrem marokkanischen Vater fand ein Besatzungskind gleich eine ganze Familie
ORF/Tom Matzek
Besuch im Bergdorf: auf der Suche nach ihrem marokkanischen Vater fand ein Besatzungskind gleich eine ganze Familie
"Menschen & Mächte: Die Alliierten in Österreich (4) - Autriche, mon amour": Erste Begegnungen mit der Welt des Vaters: Besatzungskind Heidi Brunner auf einem marokkanischen Markt
ORF/Tom Matzek
Erste Begegnungen mit der Welt des Vaters: Besatzungskind Heidi Brunner auf einem marokkanischen Markt
"Menschen & Mächte: Die Alliierten in Österreich (4) - Autriche, mon amour": Herzliche Aufnahme für den Überraschungsgast: das österreichische Besatzungskind bei der Familie des marokkanischen Vaters
ORF/Tom Matzek
Herzliche Aufnahme für den Überraschungsgast: das österreichische Besatzungskind bei der Familie des marokkanischen Vaters
"Menschen & Mächte: Die Alliierten in Österreich (4) - Autriche, mon amour": Familie gefunden: Heidi Brunner, das Besatzungskind aus Vorarlberg mit seinen marokkanischen Halbbrüdern
ORF/Tom Matzek
Familie gefunden: Heidi Brunner, das Besatzungskind aus Vorarlberg mit seinen marokkanischen Halbbrüdern
"Menschen & Mächte: Die Alliierten in Österreich (4) - Autriche, mon amour":  Fremd und doch daheim: Kleidung und Handbemalung machen aus der Vorarlbergerin kurzzeitig eine Marokkanerin
ORF/Tom Matzek
Fremd und doch daheim: Kleidung und Handbemalung machen aus der Vorarlbergerin kurzzeitig eine Marokkanerin

Trachtentanz neben französischer Lebensart, alpines Volksbrauchtum neben französischen Filmklassikern. Anton Defregger und Max Weiler neben Pablo Picasso und Henri Matisse. „Die Franzosen haben eine neue Qualität in die heimische Kultur gebracht, das war eine wunderbare Ablenkung von Hunger und Not“, erinnert sich eine Innsbruckerin.

Den spektakulärsten Akt der Versöhnung zwischen Tirolern und Franzosen lieferte der französische Hochkommissar persönlich: General Bethouart ehrte Andreas Hofer öffentlich. Ein hochrangiger Mitarbeiter des Generals, gleichzeitig der letzte Zeitzeuge aus dem „oberen Kreis“ der französischen Militärverwaltung, konnte als Interviewpartner gewonnen werden. Im Zusammenhang mit der Versöhnungsgeschichte zwischen Besetzten und Besatzern lüftet ORF-Dokumentarfilmer Tom Matzek ein besonderes Geheimnis.

Gleichsam als „lebendige Frucht“ entspannter Beziehungen wurden Hunderte Besatzungskinder geboren. Diese intime Form der Fraternisierung sahen die Einheimischen jedoch gar nicht gern - so weit sollte die neue Freundschaft auch wieder nicht gehen. Frauen, die Beziehungen mit Besatzungssoldaten eingingen, waren im Volksmund schnell als „Franzosenhuren“ verschrien. In den wenigsten Fällen wurden Besatzungskinder von ihrer Umgebung akzeptiert. Schon gar nicht, wenn sie aus Verbindungen mit Marokkanern stammten. Sie waren die „Russen des Westens“, gleichzeitig gefürchtet und als Exoten bestaunt. Die Konfrontation mit arabischer Alltags- und Feierkultur haben die Tiroler und Vorarlberger schon vor sechzig Jahren erlebt. Sie führte damals wie heute zu Konflikten. Stellvertretend kanalisierte sich die Ablehnung auf Frauen, die Liebschaften mit Marokkanern eingegangen waren.

Bis heute verschweigen die Kinder solcher Verbindungen lieber ihre Herkunft. In der Öffentlichkeit ist das Thema tabu. Die Tochter eines marokkanischen Besatzungssoldaten war bereit, in dieser TV-Dokumentation Tabus, Schweigen und Anonymität zu brechen: „Meine Mutter wurde als Schande für die ganze Familie bezeichnet, als Schande für das ganze Dorf“, sagt sie. Begleitet von Tom Matzek begab sich die Frau auf die Suche nach ihrem Vater, den sie nie kennen gelernt hatte. Nach dreimonatigen Recherchen in Frankreich und Marokko, nach der Schaltung mehrerer Suchinserate in marokkanischen Zeitungen, gelang eine kleine Sensation.

Ein Film von Tom Matzek