zeit.geschichte

Die Katastrophe von Kaprun

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Am 11. November 2000 soll in Kaprun die Wintersaison eröffnet werden. An diesem schönen, sonnigen Samstag werden bis zu 10.000 Gäste am Kitzsteinhorn erwartet. Um 07.00 Uhr morgens fährt der verantwortliche Betriebsleiter der Gletscherbahnen Kaprun, Günther Brennsteiner, auf den Berg. Bei der Kontrollfahrt fällt ihm nichts Ungewöhnliches auf – zwei Stunden später verbrennen und ersticken 155 Menschen im Tunnel der Gletscherbahn.

Im bergwärts fahrenden Zug „Kitzsteingams" war kurz nach der Einfahrt in den Tunnel Feuer ausgebrochen, riss Gäste und Bergbahnbedienstete in den Tod. Es gab nur 12 Überlebende, die durch das Feuer hindurch talwärts liefen; die Menschen, die es bergwärts versuchten, holte die tödliche Rauchwolke ein. „Ein japanischer Urlaubsgast schaffte noch 33 Stufen nach oben, ehe er erstickte", erinnert sich Vizeleutnant Manfred Angerer, der als Freiwilliger des Bundesheeres bei den Bergungsarbeiten geholfen hat.

„Meine Tochter hätte auch dabei sein können", graut es August Koller, Leiter der Bergrettung Kaprun. Er war als einer der ersten am ausgebrannten Wrack im Tunnel. „Die Bilder sind ja um die Welt gegangen, es gab nichts mehr zu retten, nur zu bergen, diesen Anblick muss man aber aushalten, sonst ist man bei diesem Job fehl am Platz". „Als Helfer konnte man nicht mehr unterscheiden wer wer ist, man konnte nur unterscheiden, ob es eventuell ein Kind ist", so Vizeleutnant Manfred Angerer.

Der damalige Chefermittler Franz Lang stellt sachkundig zur Situation im Tunnel fest: „Es war eine große schwarze Masse, wir haben 4 bis 5 Tage gebraucht um zu wissen, dass es 155 Opfer sind„. “Auch mein Leben war an der Kippe, wo so viele Menschen ihr Leben verloren haben und ich die Verantwortung mit getragen habe", sagt Brennsteiner 10 Jahre danach, „ich hoffe auf Verzeihung, die wird aber vielleicht bei vielen der Hinterbliebenen nie eintreten".

Im Strafprozess wurde den Verantwortlichen grobe Fahrlässigkeit vorgeworfen. Für die Hinterbliebenen waren die 16 Freisprüche ein harter Schlag. „Ich habe den Glauben an den Rechtsstaat und die Justiz verloren", sagt Erika Prohaczka. Ihr Sohn Martin hatte sich gerade in Kaprun angesiedelt und stand vor einer viel versprechenden Karriere als Trainer und Schilehrer. „Die Begegnung mit den Verantwortlichen war die Katastrophe nach der Katastrophe, es wurde nur geblockt, es wurde nur gemauert", empört sich die deutsche Urlauberin Ursula Geiger, die ihren damals 16-jährigen Sohn Sebastian verloren hat.

„Es ging mir nicht um eine Verurteilung, es wäre jedoch wichtig gewesen, die Schlampereien, die passiert sind, zu nennen. Es ist ein feiges Urteil, das nicht feststellt, dass es vermeidbar gewesen wäre", so Karin Stieldorf. Bitter fügt sie hinzu, „der Lebensweg meines 16-jährigen Sohnes wäre ein guter gewesen".

Auch die Kapruner Bevölkerung trug schwer an der Katastrophe, hatte Opfer zu beklagen und musste mit den Folgen der Katastrophe leben lernen „der Ort stand vor dem Konkurs, da waren Arbeitsplätze in Gefahr, da sind Familien dahinter, Kinder, die auch ein Recht auf Lebensqualität haben", erinnert sich der Geschäftsführer einer großen Sportartikelkette, Christoph Bründl.

Der von 1998 bis 2013 im Amt befindliche Kapruner Bürgermeister Norbert Karlsböck ist rückblickend dankbar dafür, „dass viele Gäste wieder zurück gekommen sind und gesagt haben, wir helfen Euch, wir kommen wieder auf Urlaub". Ursula Geiger, die begeisterte Schifahrerin aus Deutschland, antwortet auf die Frage nach einem neuerlichen Urlaub in Kaprun: „Nein, definitiv nie wieder!" Erika und Gustl Prohaczka sind Kaprun treu geblieben. „Der Berg kann nichts dafür, hier war unser Sohn glücklich, hier sind auch wir nach wie vor glücklich."

Beim Brand im Tunnel der Gletscherbahn am 11. November 2000 in Kaprun starben 155 Menschen – 150 an Rauchgasvergiftung, der Zugführer und ein Tourist im Gegenzug sowie drei Personen auf der Bergstation. Karo Wolm schildert die Chronologie der Ereignisse.

Gestaltung

Karo Wolm