zeit.geschichte

Kurt Schuschnigg, katholisch, diktatorisch, amerikanisch.

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Ein filmisches Porträt abseits jener Betrachtungen, die sich überwiegend mit den Märztagen 1938 beschäftigen

„Gott schütze Österreich“ – ein geschichtsmächtiger und legendär gewordener Satz. Formuliert von Bundeskanzler Kurt Schuschnigg am Abend des 11. März 1938 am Ende seiner Abschiedsrede im Radio. Die Nationalsozialisten hatten ihn zum Rücktritt gezwungen.

Rücktrittsrede Kurt Schuschnigg: Kurt Schuschnigg, zwischen 1934 und 1938 Bundeskanzler im autoritären Ständestatt.
ORF/Österreichische Nationalbibliothek
Kurt Schuschnigg, zwischen 1934 und 1938 Bundeskanzler im autoritären Ständestatt.

Ebenso geschichtsträchtig ist eine andere, höchst patriotisch unterfütterte Botschaft knapp drei Wochen davor, eine bejubelte Parole angekündigter politischer Tatkraft, ausgegeben vor der Bundesversammlung im Wiener Parlament am 24. Februar 1938: „Rot-weiß-rot bis in den Tod.“ Doch der Tod von „rot-weiß-rot“ kam schneller als vermutet. Schuschnigg selbst ist ihm entronnen, doch schon am 12. März 1938 wird er Gefangener des NS-Regimes. Und Österreich wird nicht geschützt. Der Herrschaft der Nationalsozialisten, dem folgenden Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust fielen mehr als 300.000 Österreicherinnen und Österreicher zum Opfer. 

Schuschnigg wird Ende des 19. Jahrhunderts in eine altösterreichische adelige Offiziersfamilie hineingeboren. Nach der Schulzeit meldet er sich 1915 als Kriegsfreiwilliger.

"Menschen & Mächte: Kurt Schuschnigg, katholisch, diktatorisch, amerikanisch."
ORF/Heinrich Schuschnigg
Herma und Kurt Schuschnigg: Hochzeitsfoto 1926

In den 1920er Jahren beginnt für den studierten Rechtsanwalt der steile politische Aufstieg: 1927 zieht er für die Christlich-Soziale Partei als Abgeordneter ins Parlament in Wien ein, 1932 wird er Justizminister. Als solcher unterstützt er ab 1932 den autoritären Kurs von Kanzler Engelbert Dollfuß, die Ausschaltung von Demokratie und Sozialdemokraten. Nach der Ermordung von Dollfuß durch Nationalsozialisten steht er an der Spitze des autoritären Ständestaates. Schuschnigg ist zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 36 Jahre alt. Fortan ist er oberster Hüter, Verwalter und Exekutor des von Engelbert Dollfuß konzipierten, nach Berufsständen geordneten, autoritär-katholischen Ständestaates. In dessen neuer Verfassung geht das Recht nicht mehr vom Volk, sondern von Gott aus. In Zeiten immer stärker erodierender Solidarität und Massenverelendung haben die Nationalsozialisten leichtes Spiel. Außenpolitisch steht die Befreiung aus dem Klammergriff Nazi-Deutschlands auf der Agenda, spätestens mit der Machtübernahme ist dieses Bemühen gescheitert. 

Kurt Schuschnigg, katholisch, diktatorisch, amerikanisch
ORF/Heinrich Schuschnigg
Kurt Schuschnigg jun. mit seiner Mutter Herma Schuschnigg

Vom März 1938 bis zum Untergang des NS-Staates ist Kurt Schuschnigg einer der prominentesten Gefangenen Adolf Hitlers. Die Befreiung erlebt er 1945 als Häftling im KZ Sachsenhausen, nördlich von Berlin. Nach Kriegsende gibt es Widerstand gegen seine Rückkehr nach Österreich, nicht zuletzt von ehemaligen Gesinnungsfreunden aus der 1945 neu gegründeten ÖVP, die sich von Schuschnigg als eine Symbol- und Galionsfigur des Ständestaats abgrenzen möchten. So entscheidet er sich dazu, in die USA auszuwandern. Bis 1967 lebt er in St. Louis/Missouri, unterrichtet an einer Jesuiten-Universität und nimmt auch die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Die letzten zehn Lebensjahre bis 1977 verbringt er in seiner Heimat Tirol, in Mutters nahe Innsbruck. 

"Kurt Schuschnigg, katholisch, diktatorisch, amerikanisch": Der ehemalige Schuschnigg-Student John W. Padberg (SJ) im Gespräch mit Gestalter Gregor Stuhlpfarrer bei den Dreharbeiten auf der Saint Louis University in Missouri/USA im Herbst 2017.
ORF
Der ehemalige Schuschnigg-Student John W. Padberg (SJ) im Gespräch mit Gestalter Gregor Stuhlpfarrer bei den Dreharbeiten auf der Saint Louis University in Missouri/USA im Herbst 2017.

Die Dokumentation macht eine Reihe von Faktoren sichtbar, die den Untergang Österreichs beschleunigt haben. Zu Wort kommt Kurt Schuschnigg selbst, der in einigen TV-Interviews in den 60er und 70er Jahren überwiegend zu den Märztagen 1938 Stellung genommen hat, ebenso Schuschniggs Sohn Kurt und Neffe Heinrich sowie ehemalige Studenten der Saint Louis University.

Gestaltung

Andreas Novak

Gregor Stuhlpfarrer