Menschen & Mächte

Der Russland-Feldzug - Erinnern und Gedenken

Werbung

Die Produktion dieses „Menschen & Mächte“ Zweiteilers fand durch Corona und „Lock Downs“ unter höchst erschwerten Bedingungen statt.

Viele Archive waren geschlossen oder nur zeitweise besetzt, das verzögerte so manche Recherche von Gestalter Robert Gokl. ORF-Moskau-Korrespondentin Carola Schneider, die sich zu Weihnachten 2020 in Österreich befand, musste zwei Monate auf die Rückreise nach Moskau warten da die russischen Behörden, angeblich wegen Corona, die Genehmigung verweigerten. Das wiederum verzögerte vereinbarte Recherchereisen in Russland.

Doku-Gestalterin & ORF- Moskau-Korrespondentin Carola Schneider, Historikerin Olga Pawlenko & Kameramann Taras Rynsa.
ORF
Doku-Gestalterin & ORF- Moskau-Korrespondentin Carola Schneider, Historikerin Olga Pawlenko & Kameramann Taras Rynsa.

Trotzdem gelang es ihr beeindruckende und berührende Zeitzeugen-Erzählungen zu filmen. Dafür reiste sie mehrere tausend Kilometer in den Weiten Russlands herum. Der Schnitt des Zweiteilers, der in Wien stattfand, geriet deshalb zum Novum, da er zwischen ORF-Zentrum und Moskau via Skype, Telefon und intensivem E-Mail Kontakt stattfand, da Carola Schneider in Moskau blieb um nicht nochmals eine monatelang verzögerte Rückkehr zu riskieren.

1945 ist der Krieg zu Ende

Österreich ist befreit vom Nationalsozialismus, die Sowjetunion steht mit ihren Truppen in Wien und in Berlin. Die Folgen des Kriegs aber bleiben „Der Krieg war am Ende sowohl für die Besiegten wie auch für die Sieger ein großes Unglück!“ meint die ehemalige Angehörige der Roten Armee Ekatarina Romanowskaja. Russische und österreichische Zeitzeugen erzählen wie Kriegsgeschichten und Feindbilder ihre Jugend und ihr Leben prägten, während der sowjetischen Besatzungsjahre in Österreich, während des Kaltem Krieges und bis hin zum Zusammenbruch der Sowjetunion.

„Ich kann mich an meinen Vater leider nicht mehr erinnern!“

In beiden Ländern müssen viele Familien mit dem Verlust von Verwandten fertig werden. Franz Teszar wächst ohne Vater auf, er war Russischdolmetsch in der Wehrmacht: „Ich kann mich an meinen Vater leider nicht mehr erinnern!“ Jewgenij Gor verliert in der Leningrader Blockade viele Angehörige, auch seine Schwester: „Je älter ich geworden bin, desto schmerzhafter wurde der Verlust meiner Schwester!“

In Österreich wachsen neue anti-russische Ressentiments

Nach Plünderungen und Vergewaltigungen bei Kriegsende und dem Beginn des Kalten Krieges wachsen in Österreich neue anti-russische Ressentiments. Gleichzeitig wird Österreich in der russischen Öffentlichkeit auf der Basis der Moskauer Deklaration als erstes Opfer Hitler-Deutschlands gesehen. Beide Länder pflegen nach Abschluss des Staatsvertrages unterschiedlichste Formen des Kulturaustausches, der bereits während der Besatzungsjahre begonnen hatte. So reist etwa die Wiener Eisrevue zu ausverkauften Tourneen immer wieder in die Sowjetunion. Damals mit dabei Ingrid Wendl, Europameisterin, Eisrevue-Star und spätere ORF-Sprecherin: „Im russischen Fernsehen liefen den ganzen Tag antifaschistische Kriegsfilme. Aber wir waren ja neutral und das erste Opfer!“

Ende der Fünfzigerjahre war die Wiener Eisrevue mit 3 österreichischen Europameisterinnen auf gefeierten Tourneen in der Sowjetunion (v.l.n.r.): Ingrid Wendl, Hanna Eigel, Eva Pawlik.
ORF/© Roman Seeliger
Ende der Fünfzigerjahre war die Wiener Eisrevue mit 3 österreichischen Europameisterinnen auf gefeierten Tourneen in der Sowjetunion (v.l.n.r.): Ingrid Wendl, Hanna Eigel, Eva Pawlik.

1959 tourt Udo Jürgens mit der Max Greger-Band durch die Sowjetunion

„Wir sind eine Woche lang im ausverkauften Stadion der Roten Armee in Moskau aufgetreten.“ Ende der Achtzigerjahre tritt die steirische Band Opus in Moskau in ausverkauften Stadien auf. Ewald Pfleger, Gitarrist der Band: „Es war eigenartig. Mein Großvater ist in Stalingrad gefallen – und mich bejubelt die Jugend von Moskau.“

Udo Jürgens war 1959 wochenlang auf Tournee durch die UDSSR, mit der Max Greger-Band.
ORF
Udo Jürgens war 1959 wochenlang auf Tournee durch die UDSSR, mit der Max Greger-Band.

Die Millionen Opfer des Zweiten Weltkriegs werfen bis in die Gegenwart Fragen nach Verantwortung und Schuld auf

In Österreich bekennt erst in den Neunzigerjahren Bundeskanzler Franz Vranitzky die Mitschuld Österreichs ein, in der Sowjetunion herrscht nach einem kurzen Beginn der Aufarbeitung unter Chruschtschow wieder Schweigen über die stalinistischen Kriegsverbrechen und die menschenverachtende Kriegsführung der Roten Armee.

Nikita Chruschtschow war 1960 auf Staatsbesuch in Österreich. In Wien gedachte er der bei der Befreiung Österreichs gefallenen Rotarmisten
ORF/© ÖFM
Nikita Chruschtschow war 1960 auf Staatsbesuch in Österreich. In Wien gedachte er der bei der Befreiung Österreichs gefallenen Rotarmisten

„Hitler-Stalin“-Pakt

Lange verschwiegen wurde in der Sowjetunion auch der „Hitler-Stalin“-Pakt, jenes Freundschaftsabkommen von 1939, das auch einen Nichtangriffspakt zwischen beiden Ländern beinhaltete. Andrej Petrow, Kind von Überlebenden der Leningrader Blockade: „Als ich in der Schule fragte, warum im Geschichtsbuch nirgendwo die Rede von Stalin war, wurde ich aus der Geschichtsstunde gejagt.“

In einem Weltkriegsfilmepos wird Stalin zu seinem 70. Geburtstag 1948 als Sieger über
ORF/© ÖFM
In einem Weltkriegsfilmepos wird Stalin zu seinem 70. Geburtstag 1948 als Sieger über Nazi-Deutschland gefeiert.

Aufarbeitung von Kriegserinnerung und Kriegsverbrechen

Erst mit der Öffnung unter Michael Gorbatschow und dem Ende der Sowjetunion konnte mit einer Aufarbeitung von Kriegserinnerung und Kriegsverbrechen begonnen werden, organisiert von der der Menschenrechtsorganisation Memorial. Seit Putin in Russland regiert, wird diese Ausarbeitung aber immer stärker behindert. Heute gelten die Mitarbeiter von Memorial als „ausländische Agenten“. „Es wird behauptet, wir würden den Feinden Russlands das Wort reden,“ erzählt Irina Scherbakowa von Memorial.

Schrecken des Zweiten Weltkriegs

Die Schrecken des Zweiten Weltkriegs haben es allen Nachfolgestaaten schwer gemacht, einen adäquaten Umgang mit ihrer Geschichte zu finden. Robert Gokl und Carola Schneider analysieren für Menschen & Mächte, wie die Fragen der Vergangenheit bis heute Leben und Politik in Europa aber vor allem in Russland bestimmen.

Gestaltung

Carola Schneider

Robert Gokl