
Universum History
Genosse Tito - Partisan, Volksheld, Diktator
Im Zweiten Weltkrieg führt Tito die antifaschistische Partisanenbewegung an, die vor allem gegen Hitlers Truppen kämpft. Durch den militärischen Erfolg wächst sein Ansehen in der Bevölkerung. Viele Menschen projizieren ihre Hoffnungen auf Tito, der 1945 Staatschef der Volksrepublik Jugoslawien wird. Jahrzehntelang lenkt er die Geschicke des Staates und genießt internationales Ansehen in Politik und Kultur, während er Oppositionelle im eigenen Land unterdrückt und wegsperren lässt.
Die neue „Universum History“ Dokumentation „Genosse Tito – Partisan, Volksheld, Diktator“ von Sasha Djurkovic und Caroline Schaper – szenische Regie: Danielle Proskar – zeichnet nach, wie aus dem gelernten Schlosser ein autokratischer Präsident wurde, dessen Popularität in der Bevölkerung beinahe unantastbar schien. Prominente Zeitzeuginnen geben Einblick, wie man sich in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens bis heute an Tito erinnert. Die Koproduktion von LOOKSfilm, ORF und rbb/Arte dokumentiert Leben und Wirken von Tito und fragt, warum Tito für viele Menschen im ehemaligen Jugoslawien bis heute fast gottgleich ist. Neben einer 90-minütigen Version im linearen TV am Freitag, dem 25. September, um 22.35 Uhr in ORF 2 zeigt ORF ON ab 24. September eine sechsteilige Doku-Serie zu je 30 Minuten.

Stimmen einer vergangenen Republik
Als Zeitzeuginnen und Zeitzeugen kommen ausschließlich Menschen zu Wort, deren Familiengeschichte im ehemaligen Jugoslawien verankert ist. Darunter etwa Slobodan Ranković, der Sohn von Aleksandar Ranković, der lange Titos rechte Hand und zweitmächtigster Mann Jugoslawiens war. Oder die Performance-Künstlerin Marina Abramović, die als Studentin Ende der 1960er Proteste an der Universität in Belgrad organisiert hat. Oder die Journalistin Olivera Stajić, die „die klassische Gastarbeitergeschichte“ anhand der ihrer Eltern erzählt. Dazu kommen zahlreiche Historikerinnen und Historiker, deren Analysen ein Bild der ebenso schillernden wie umstrittenen historischen Figur Tito zeichnen.
Caroline Haidacher, Sendungsverantwortliche „Universum History“: „Tito ist gleichsam schillernd und widersprüchlich. Aus der Vergangenheit wirkt er in die Gegenwart wie kaum ein anderer – aus einem Land und einer Zeit, die es nicht mehr gibt. Seiner Person so nahe wie möglich zu kommen und dabei die Dynamiken verständlich machen, die der Nährboden für eine derartige Legendenbildung sind, ist der Anspruch dieser ‚Universum History‘-Dokumentation.“

Vom Bauernsohn zum Partisanenführer
1892 kommt Josip Broz als Bauernsohn im heutigen Kroatien zur Welt. Damals gehört die Region zur österreichisch-ungarischen Habsburgermonarchie. Während seiner Schlosserlehre findet er Gefallen an den kommunistischen Ideen und schließt sich der Kommunistischen Partei Jugoslawiens an. Als der Zweite Weltkrieg Jugoslawien erreicht, organisiert Tito einen bewaffneten Widerstand gegen die faschistische Besatzung. Seine Partisanenbewegung besteht anfangs nur aus mehreren zehntausend Kämpfern, findet aber schon bald großen Anhang unter den Menschen in Jugoslawien. Auch Frauen schließen sich der Bewegung an und kämpfen mit. Der Zeitzeuge Ivan Fumić erzählt, wie er sich mit seiner Familie als Zwölfjähriger den Partisanen angeschlossen hatte.

Der Mythos vom Volkshelden
Der Partisanenbewegung gelingt es, weite Teile des besetzten Landes zurückzuerobern und große Teile des multiethnischen Volkes zu vereinen. Tito wird zum Symbolbild des antifaschistischen Widerstands in Jugoslawien. Der ehemalige Partisan und nun Zeitzeuge Ivan Mišković erinnert sich daran, dass sie Tito „Vater“ genannt haben. Mithilfe von sowjetischen Soldaten gelingt den Partisanen schließlich die Rückeroberung Belgrads. Die Menschen in Jugoslawien feiern ihre Befreiung und Tito wird zum Volkshelden. Die Vertreibung und Verfolgung von Kollaborateuren, darunter auch Zivilpersonen, bleibt hingegen lange ein Tabu.
Die Schattenseiten von Jugoslawiens Unabhängigkeit
Nach 1945 beginnt unter Titos Führung der Aufbau eines neuen Staates nach Vorbild der Sowjetunion: die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien. Bereits wenige Jahre nach Kriegsende gerät Tito in einen Konflikt mit Josef Stalin, der sich immer weiter zuspitzt und 1948 zum Ausschluss Jugoslawiens aus dem Ostblock führt. Tito muss einen Weg finden, um seine Absetzung oder gar einen Einmarsch der Sowjetunion zu verhindern. Der Bruch mit Stalin ist ein entscheidender Wendepunkt für Tito. Er greift zu brutalen Maßnahmen, um das Land zu „entstalinisieren“. Das Internierungslager auf der Insel Goli Otok gilt als jugoslawischer „Gulag“ und die persönliche Schilderung von Rajko Grlić, dessen Mutter dort inhaftiert war, zeichnet ein dunkles Bild von Titos Regime. Nach Stalins Tod positioniert sich Tito strategisch zwischen Ost und West. Der Westen unterstützt ihn mit Krediten, die Jugoslawien einen Wirtschaftsaufschwung mitsamt Anstieg der Lebensqualität verheißen. Mit der „Bewegung der Blockfreien“ gelingt es Tito, mit anderen Staaten – hauptsächlich aus dem globalen Süden – einen dritten Block zwischen Ost und West zu etablieren.

Titos Erbe zerbricht
Tito verkörpert für viele Menschen Stabilität und gilt als Symbolfigur für die Idee des vereinten Jugoslawiens. Die „Krönung“ erfolgt 1963, als er sich zum Präsidenten auf Lebenszeit erklären lässt. Hinter diesem Bild beginnt der Vielvölkerstaat jedoch bereits im Laufe der 1960er Jahre auseinanderzudriften. Tito ist nicht in der Lage, die Probleme im Land langfristig zu lösen. Sein Tod im Jahr 1980 versetzt viele Jugoslawinnen und Jugoslawen in einen Schockzustand. Etwas mehr als zehn Jahre später versinkt das Land in einen blutigen Bürgerkrieg.
Ein Film von Sasha Djurkovic & Caroline Schaper
Regie Spielszenen: Danielle Proskar
Produktion: LOOKSfilm, ORF und rbb/Arte