
Menschen & Mächte
Die Bomben des Franz Fuchs. Rechter Terror in Österreich
Mit der ersten Briefbombenserie im Dezember 1993 beginnt eine nie dagewesene Jagd der österreichischen Polizei auf ein Phantom. Gesucht wird ein Bombenleger, der die Bevölkerung in Atem hält. Die mysteriösen Sprengsätze gehen anfangs an Promis aus Politik und Gesellschaft, die sich für Flüchtlinge einsetzen. Später werden die slowenische Volksgruppe in Kärnten und eine Roma-Gemeinde im Burgenland zum Ziel der Anschläge. Vier Menschen sterben, 15 werden zum Teil schwer verletzt. Jahrelang tappt die Polizei im Dunkeln. Erst im Oktober 1997 kann der Bombenbauer durch Zufall verhaftet werden. Es handelt sich um den Steirer Franz Fuchs aus dem kleinen Ort Gralla. Bis heute halten sich Spekulationen über etwaige Mittäter des verkappten, rassistisch motivierten Sonderlings. Der psychopathische Techniker hatte sich nach persönlichen Schicksalsschlägen in Wahnvorstellungen geflüchtet. Durch den Krieg im ehemaligen Jugoslawien und die Balkan-Flüchtlingswelle nach Österreich wurde seine Fremdenfeindlichkeit noch größer.

Die neue „Menschen & Mächte“-Dokumentation „Die Bomben des Franz Fuchs. Rechter Terror in Österreich“ von Georg Ransmayr und Gregor Stuhlpfarrer lässt die wichtigsten Schlüsselpersonen in einem der größten Kriminalfälle der Zweiten Republik zu Wort kommen. Letzte Geheimnisse werden gelüftet, etwa dass Fuchs die Briefbomben-Sonderkommission der Polizei observierte.

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Das Krankenhaus Wagna bei Leibnitz, am 2. Oktober 1997: Der Kriminalist Kurt Linzer, ein junger Briefbomben-Sonderermittler, trifft erstmals auf den damaligen Staatsfeind Nummer 1. Jenen Mann, den die Polizei seit Dezember 1993 fieberhaft sucht: Franz Fuchs. In einem hermetisch abgeriegelten Teil des Krankenhauses sitzt Linzer am Bett des 46-Jährigen, der sich bei der Verhaftung tags zuvor in selbstmörderischer Absicht beide Hände weggesprengt hat.
In den nächsten Wochen und Monaten wird Fuchs von Kurt Linzer und Untersuchungsrichter Erik Nauta einvernommen. Fuchs wird dabei mehrmals in Tränen ausbrechen, er wird technische Details preisgegeben, vieles abstreiten und sich oft auf die „Bajuwarische Befreiungsarmee“, eine letztlich fiktive rechtsextreme Untergrundorganisation, ausreden. „Er versuchte, seine Ideen und seine Motive immer so darzustellen, als sei er das eigentliche Opfer“, so Kurt Linzer über die Verhöre.

Heute weiß man, dass Fuchs die verheerende Bombe von Oberwart im Februar 1995 deponiert hat, weil er es nicht verkraften konnte, dass die Behörden die BBA-Bekennerschreiben lange nicht ernst genommen und stur gegen unbeteiligte Neo-Nazis ermittelt hatten. „Es war tatsächlich so, dass anfangs mit Scheuklappen in eine bestimmte Richtung ermittelt wurde“, sagt Ex-Innenminister Karl Schlögl über seine Amtsvorgänger.

Der Anschlag von Oberwart wird zum traurigen Höhepunkt der Brief- und Rohrbombenserie. Bei den Opfern handelt es sich um vier Männer, die nachts Nachschau gehalten hatten, und beim Versuch, ein Schild mit der Aufschrift „Roma zurück nach Indien“ zu entfernen, von der Sprengfalle getötet wurden. Tragisch endet der Versuch des Polizisten Theo Kelz, der 1994 eine Rohrbombe am Klagenfurter Flughafen durchleuchten wollte. Die Bombe detonierte und riss Kelz beide Hände weg. „Es war von Anfang an eine seltsame Wendung des Schicksals, dass ein Opfer von Franz Fuchs beide Hände verliert und Franz Fuchs später auch seine eigenen“, sagt die damalige ORF-Journalistin Andrea Puschl, die den Fuchs-Gerichtsprozess begleitet hat. Der Wiener Bürgermeister Helmut Zilk verliert durch eine Briefbombe mehrere Finger, die Flüchtlingshelferin Maria Loley aus dem niederösterreichischen Weinviertel wird ebenso verletzt wie ORF-Moderatorin Silvana Meixner oder der Hartberger Stadtpfarrer August Janisch. Letzterer erinnert sich noch gut an die Zeit nach der Verurteilung von Franz Fuchs im März 1999: „Damals ist wirklich ein Durchatmen möglich geworden, so nach dem Motto: Jetzt liegt endlich alles auf dem Tisch.“

Trotzdem halten sich bis heute Stimmen, die davon überzeugt sind, dass Franz Fuchs nicht allein für den Bombenterror von rechts verantwortlich ist. „Ich glaube, dass Franz Fuchs Mittäter hatte“, so die einstige Grünen-Chefin Madeleine Petrovic, die zu den Zielpersonen der Fuchs-Attentate gehörte. Ingo Wieser, der technische Gutachter beim Fuchs-Prozess, legt nach: „Meiner Meinung nach gab es eine Gruppe aus drei bis vier Personen, wobei Franz Fuchs der Bombenbauer war.“ Reinhard Haller, der psychiatrische Prozess-Gutachter, lässt das nicht gelten: „Ich bin nachträglich zur festen Überzeugung gekommen, dass Fuchs ein Alleintäter war. Franz Fuchs war der Meinung, dass man alles selbst perfekt können muss, dass anderen immer Fehler passieren und dass eine Gruppe immer verschiedene Gefahrenmomente hat.“

Für die neue „Menschen & Mächte“-Dokumentation haben die Doku-Gestalter Georg Ransmayr und Gregor Stuhlpfarrer noch einmal alle Schlüsselpersonen aus Polizei, Medien sowie einzelne Opfer zum Interview gebeten. Zentrale Aussagen von Franz Fuchs, die auf Hunderten Verhörprotokollseiten erhalten sind, wurden mit Hilfe von KI-Anwendungen akustisch nachgebildet. Außerdem wurden die spannendsten Fernseh- und Radioberichte aus dem multimedialen ORF-Archiv eingesetzt, um auch das politisch aufgeheizte Umfeld des rechten Terrors der 1990er Jahre zu dokumentieren.
Gestaltung
Gregor Stuhlpfarrer
Georg Ransmayr
