
Menschen & Mächte
Österreich, Italien und das Meer: Sehnsucht Adria
Spätesten seit dem 1970er Jahren haben Hunderttausende Österreicherinnen und Österreicher ein neues Lieblingsziel: die Strände der oberen Adria Italiens. Dort werden aus einstigen Fischerorten große, neue Ferienzentren. Und in diesen Ferienzentren entdecken die Touristinnen und Touristen neue Geschmäcker: Pasta, Pizza und Olivenöl. Die Österreicher fühlen sich dort so wohl, dass sogar die österreichische Innenpolitik im Sommer Wahlkampfversuche zwischen Lignano und Jesolo unternimmt. Vergessen jedenfalls scheint die Zeit, da sich Österreich und Italien gerade in diesem Territorium, am Unterlauf des Flusses Piave, feindlich gegenübergestanden waren. In Bibione oder „Tschesolo“, wie der Wiener gerne sagt, waren alle nun auch irgendwie daheim.
Seit den 1970ern soll eine neue Geschichte zwischen beiden Ländern geschrieben werden, die auch ehemalige Gräben überwinden möge: das Risorgimento, die Grenzziehungen nach 1918 und 1945 – nicht zuletzt aber auch die lange belastende Südtirol-Frage, die mit dem sogenannten „Autonomiepaket II“ in wesentlichen Punkten entschärft werden kann. Fortan kümmert die Österreicherinnen und Österreicher, wenn sie über die Grenze fahren, wie viele Nullen beim Umwechseln auf den Lire-Scheinen stehen – oder ob irgendwo irgendwer wieder streikt. Allgemeine Geschichte zwischen den Ländern wird aufgeladen durch persönliche Geschichte, die weit über eine Generation weitergegeben wird.
Für die neue „Menschen & Mächte“-Dokumentation „Österreich, Italien und das Meer: Sehnsucht Adria“ von Florian Höllerl bricht die Schauspielerin Julia Cencig an die obere Adria auf, in der sie selbst zahlreiche Urlaube mit ihren Kindern verbracht hat. Cencigs Reise wird aber zu einer Reise zurück in die eigene Familiengeschichte. Denn nicht nur Südtirol markiert eine langwährende offene Wunde zwischen Österreich und Italien. Auch das Kanaltal, die Gegend zwischen Tarivs und Pontebba, in dem sich die Karnischen und Julischen Alpen mit den Karawanken treffen, hat eine verdrängte Vergangenheit: Die Richtlinien für die Rückwanderung der deutschsprachigen Bevölkerung aus Südtirol in das nationalsozialistische Deutsche Reich, die sogenannte „Südtiroler Option“ vom 21. Oktober 1939, fand auch auf die Deutschsprachigen des gemischtsprachigen Territoriums von Tarvis ihre Anwendung. 98 Prozent der deutsch- sowie 91 Prozent der slowenischsprachigen Kanaltaler entschieden sich damals für eine Abwanderung in das Deutsche Reich. Einer davon war Julia Cencigs Großvater, der mit ihrer aus Kärnten stammenden Mutter vor 1939 in Reibel am Fuß des Predel-Passes wohnte. Zuhause sprachen der slowenische Großvater und die österreichische Großmutter Italienisch. Als die Familie Reibel verlässt und der Großvater den für ihn tödlichen Schritt in die Wehrmacht setzt, konnte er sich auf Deutsch gar nicht verständigen.
Reibel, die alte Bergwerkstatt, die noch von den Spuren der Monarchie erzählt, kannte ein Gemisch an Sprachen, auch in der Zeit, als Ettore Tolmei, der Erfinder des Begriffs „Alto Adige“ aus Reibel längst den Ort „Cave del Predil“, die Höhlen des Predel-Passes, gemacht hatte. Am Ort mit diesen offenen Fragen sucht Cencig die letzten Erinnerungen an ihre Familie und den Ort, an dem ihr Vater geboren wurde – ein Mensch, der seinen leiblichen Vater nie kennenlernen sollte, der aber die Italien-Sehnsucht als Italienisch-Lehrer zum Erziehungsprojekt gegenüber seinen Kindern machen sollte. Mit dem Gepäck dieser Familiengeschichte bricht Julia Cencig in der von MetaFilm produzierten ORF-Auftragsproduktion wie einst auf an die Orte der oberen Adria und findet Geschichten von Familien, die seit mehr als einer Generation auf die Fischbestände, Hotels oder auch Strandliegen dieser Gegend schauen. Von den Einheimischen erfährt sie, wie die Österreichinnen und Österreicher mit ihrer Sehnsucht an der Adria angekommen sind – und welche Folgen der Massentourismus für die Orte hat, die sich in der Nebensaison zu immer größeren Geisterstädten entwickeln.



















