ORF-Bestenliste-März
ORF

Die besten 10 im März 2026

Die Jury hat aus den unzähligen Neuerscheinungen ihre Lieblingsbücher gewählt.

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Iris
Jung und Jung

1. ex aequo: Laura Freudenthaler (38 Punkte) NEU

„Iris“, Jung und Jung

Laura Freudenthaler gehört seit ihrem Debüt „Der Schädel von Madeleine“ (2014) zu den eigensinnigsten Autorinnen im deutschsprachigen Raum. Die aus Salzburg stammende, heute 42-jährige Schriftstellerin lebt und schreibt in Wien, wurde inzwischen mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Anton-Wildgans-Preis. Ihr neuer Roman „Iris“ ist eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie man von einer krisengebeutelten Gegenwart auf literarisch gültige Weise erzählen kann. Die titelgebende Hauptfigur ist Schriftstellerin. Sie führt ein prekäres und unstetes Leben, in dem zwischenmenschliche Beziehungen Spiegel und zugleich Hoffnung der Zeit sind, in der sie lebt. Den allgegenwärtigen Zerfallserscheinungen hält sie das Erzählen entgegen: eine moderne Scheherazade.  

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Im ersten Licht
Hanser

1. ex aequo: Norbert Gstrein (38 Punkte) NEU

„Im ersten Licht“, Hanser

Der in Tirol geborene und in Hamburg lebende Schriftsteller Norbert Gstrein zählt zu den bedeutendsten Erzählern der deutschsprachigen Gegenwart. In seinem neuen Roman „Im ersten Licht“, der im Salzkammergut angesiedelt ist, blickt er auf das 20. Jahrhundert zurück: auf die beiden Weltkriege, gesehen aus Nähe und Distanz, im Umfeld von Versehrten, Zeugen und Tätern. Die Hauptfigur in Norbert Gstreins Roman ist Adrian, der vom eigenen Vater mit Gewalt kriegsuntauglich geschlagen wird, was ihn für immer zeichnet. Im Salzkammergut hilft Adrian in einer Villa, in der Versehrte des Ersten Weltkriegs untergebracht sind – entstellte Körper, verlorene Gesichter  und wird so zum Zeugen dessen, was der Krieg aus Menschen macht. Später wird er Geschichtslehrer, einer, der im Unterricht nie bis zum Zweiten Weltkrieg kommt, wie es im Buch heißt. Gstreins Hauptfigur ist ein Mitläufer: früh über die Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs im Osten informiert, entscheidet er sich dennoch für das Schweigen, Widerstand bleibt ihm fremd.

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Buchcover - Die Lebensentscheidung
Suhrkamp

3. Robert Menasse (37 Punkte) NEU

„Die Lebensentscheidung“, Suhrkamp

Robert Menasse hat sich in den vergangenen Jahren den Status eines Chronisten der Europäischen Union erschrieben und mit preisgekrönten Romanen wie „Die Hauptstadt“ bewiesen, dass der Brüsseler Bürokratie-Dschungel großes literarisches Potenzial besitzt. Mit „Die Lebensentscheidung“ hat er seinem Europa-Erzählkosmos ein weiteres Werk hinzugefügt. Der Held von Menasses als Novelle ausgewiesenem Text ist Franz Fiala, ein langjähriger EU-Beamter, der am institutionellen Pragmatismus innerlich zerbricht und Brüssel den Rücken kehrt, um in seine Heimatstadt Wien zurückzukehren. Hier kümmert sich Franz Fiala um seine alte Mutter, die in ihm den Aufstieg sehen will, der ihr verwehrt blieb. Eine Krebsdiagnose erschüttert das gesamte Gefüge: Fiala versucht, den eigenen Tod hinauszuzögern, um seine Mutter zu überleben und ihr den Schmerz seines Sterbens zu ersparen. Gewieft verknüpft „Die Lebensentscheidung“ eine persönliche Tragödie mit der politischen Realität der EU – und erscheint in einem Moment, in dem Europa vor existenziellen Herausforderungen steht.

Buchcover: Schleifen
Zsolnay

4. Elias Hirschl (31 Punkte)

„Schleifen“, Zsolnay

Elias Hirschl, Jahrgang 1994, zählt zu den bemerkenswerten jüngeren Autoren Österreichs. Mit seinem Roman „Salonfähig“, der als grotesker Schlüsselroman über die Kanzlerschaft von Sebastian Kurz gelesen wurde, ist ihm 2021 der literarische Durchbruch gelungen. Mit „Schleifen“ liegt sein inzwischen sechster Roman vor, und während er sich in den Vorgängern vor allem mit zeitgenössischen Themen wie dem Zivildienst oder Künstlicher Intelligenz beschäftigt hat, wagt sich Hirschl diesmal in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück, genauer gesagt: zu den Anfängen der Sprachphilosophie. Franziska Denk heißt seine fiktive Romanheldin, die im Umfeld des Wiener Kreises aufwächst und an einer dubiosen Krankheit leidet, die bewirkt, dass sie jedes Symptom, von dem sie hört, körperlich reproduziert. Die Schulmedizin weiß keine Antworten auf das Problem und so beginnt Franziska ihr Leiden auf eigene Faust zu behandeln, indem sie sich mit Wörtern aus toten Sprachen schützt. Als sie den genialen Mathematiker Otto Mandl kennenlernt, entdeckt sie in ihm einen Seelenverwandten und die beiden setzen sich in den Kopf, die perfekte Sprache zu erfinden. „Schleifen“ ist ein aberwitziger Roman über die Grenzen des Sagbaren.

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Buchcover "Zsömle ist weg"
S. Fischer

5. László Krasznahorkai (29 Punkte)

„Zsömle ist weg“, S. Fischer
Übersetzung: Heike Flemming

Während die Entscheidung der Schwedischen Akademie für den Literaturnobelpreisträger verlässlich für Diskussionen sorgt, herrschte im Feuilleton hinsichtlich des diesjährigen Preisträgers, des Ungarn László Krasznahorkai, ungewohnte Einigkeit. Schließlich ist Krasznahorkais Status als einer der großen europäischen Literaten unserer Zeit schon seit einigen Jahren unbestritten. Sein Werk ist voller Düsternis und Melancholie, zugleich spielt darin Schönheit eine zentrale Rolle: Das gilt für seinen Debütroman „Satanstango“ ebenso wie für seinen neuen Roman „Zsömle ist weg“. Alles dreht sich darin um Onkel Józsi, einen 91 Jahre alten Ungarn, der seit Jahrzehnten in großer Zurückgezogenheit lebt. Er ist der direkte Nachkomme eines alten ungarischen Adelsgeschlechts und hätte sogar Anspruch auf den ungarischen Königsthron – doch Józsi hat schon vor langer Zeit beschlossen, sich aus dem politischen Tagesgeschäft gänzlich rauszuhalten. Ohne sein Wissen hat sich jedoch im Laufe der Jahre eine große Gefolgschaft an Monarchisten und sonstigen konservativen Stimmen gebildet, die das Königreich Ungarn wiederherstellen und so dem Land zu seinem alten Glanz zurückhelfen wollen. An der Spitze dieses neuen alten ungarischen Reichs sehen sie ausgerechnet den alten Onkel Józsi – und so klopfen die Monarchisten eines Tages an seine Tür, um ihn für ihren Plan zu gewinnen. Ein ebenso witziger wie scharfsinniger Roman über Ungarns konservative Wende.

Buchcover: Abschied(e)
Kiepenheuer & Witsch

6. Julian Barnes (28 Punkte)

Abschied(e)“, Kiepenheuer & Witsch
Übersetzung: Gertraude Krueger

Julian Barnes zählt seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten europäischen Autoren der Gegenwart. Sein sehr spezieller literarischer Eigensinn gilt vielen längst als Literatur-Kult. Dieser unverwechselbare, die literarischen Methoden der Postmoderne vor sich hertreibende Eigensinn kommt auch in seinem Buch „Abschied(e)“ zum Ausdruck: Es ist Roman und Essay in einem. Julian Barnes nimmt darin Abschied von seiner Leserschaft, kündigt an, damit sein letztes Buch vorzulegen – spricht, wie häufig in seinen Büchern, die Lesenden direkt an. Dabei lässt der seit Jahrzehnten in London lebende Autor wie nebenbei seine großen Lebensthemen Revue passieren - von der Erinnerung über Flaubert, Proust bis hin zur Identität, Tod und: der Liebe. Sie ist es, die in Form einer scheiternden Liebesgeschichte, das Herz des Romans markiert. „Abschied(e)“ ist ein geradezu rabiat unsentimentales Alterswerk, das vor Luzidität sprüht.  

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Buchcover: Das Blaue vom Himmel
Suhrkamp

7. Magdalena Schrefel (18 Punkte)

„Das Blaue vom Himmel“, Suhrkamp

Die Schriftstellerin Magdalena Schrefel, 1984 in Korneuburg geboren, hat zuletzt mit dem Theaterstück „Die vielen Stimmen meines Bruders“ für Aufsehen gesorgt. Das Stück, in dem sich Schrefel mit der Sprachbehinderung ihres Bruders auseinandersetzt, wurde in der Inszenierung am Wiener Kosmostheater 2024 mit dem Nestroy ausgezeichnet und auf zahlreichen deutschen Bühnen aufgeführt. Nun legt Schrefel ihren ersten Roman vor, der buchstäblich um das titelgebende „Blaue vom Himmel“ kreist. Die Handlung spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der man endlich eine Lösung für die stetige Erwärmung der Erde gefunden hat: in die Stratosphäre geschossene Schwefelpartikel sollen dafür sorgen, dass sich das Sonnenlicht anders bricht und so verhindern, dass sich der Planet weiter aufheizt. Der unerfreuliche Nebeneffekt: Der Himmel wird sich dadurch in eine milchig-graue Farbe hüllen, sein Blau, und damit auch das Blau der Meere, Seen und Flüsse, wird für immer verblassen. Schrefels Hauptfigur Hannah arbeitet an einer Ausstellung, die das Blau des Himmels für die Nachwelt dokumentieren soll. Ein hochinteressantes Gedankenexperiment zu einem Kernproblem unserer Gegenwart.

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Die Liebe kommt immer zu spät
Zsolnay

8. ex aequo: Karl-Markus Gauß (14 Punkte) NEU

„Die Liebe kommt immer zu spät“, Zsolnay

Seit mehr als 30 Jahren erkundet der Autor, Essayist, Kritiker und Chronist Karl-Markus Gauß den europäischen Kontinent und liefert in seinen Texten scharfzüngige wie poetische Kommentare. Immer wieder drehen sich seine schriftstellerischen Gedanken um die Minderheiten und Ethnien des europäischen Kontinents, in seinen Reisereportagen zieht es ihn vor allem nach Mittel- und Südosteuropa. Sein neues Buch „Die Liebe kommt immer zu spät“ versammelt drei Reisegeschichten, die nach Slowenien, Bosnien, Griechenland und Krems führen. Darin spürt er den Lebensgeschichten zweier bedeutender slowenischer Persönlichkeiten nach, Ljuba Prenner und Alma M. Karlin. Prenner, Jahrgang 1906, lebte seit Jugendjahren offen als Mann und lässt sich heute als Pionier der Transbewegung sehen, Karlin wiederum war in der Zwischenkriegszeit eine der meistgelesenen Reiseschriftstellerinnen Europas, die später von den Nazis verfolgt wurde. Eine andere Geschichte kreist um zwei griechische Widerstandskämpfer, die heute längst vergessen sind. Das Herzstück des Buches ist jedoch Gauß’ Bosnienreise, die gleichzeitig ein Abschied an seinen 2023 verstorbenen Freund Dževad Karahasan ist, den er als „geistigen Repräsentanten“ Bosniens würdigt.

Buchcover Heim holen
Residenz

8. ex aequo: Katherina Braschel (14 Punkte)

„Heim holen“, Residenz

Von 1944 bis 1948 wurde nahezu die gesamte Volksgruppe der Donauschwaben, der deutschsprachigen Minderheit des ehemaligen Jugoslawiens, deportiert oder in Lagern interniert. Rund 50.000 Menschen starben, Hunderttausende flüchteten nach Österreich und Deutschland. Der Hintergrund: Die meisten der „Švabe“ hatten mit Nazideutschland kollaboriert und wurden als sogenannte „Volkdeutsche“ zur Wehrmacht eingezogen, die insbesondere am Balkan brutalste Kriegsverbrechen beging. Bedenkt man, wie viele Nachfahren der Donauschwaben bis heute in Österreich leben, ist das Thema in der hiesigen Literaturlandschaft eher unterrepräsentiert. Karl Markus-Gauß und zuletzt auch Kurt Palm zählen zu den wenigen literarischen Stimmen, die sich dem komplexen Schicksal der Donauschwaben angenommen haben – und nun auch die 1992 geborene Katherina Braschel. In „Heim holen“ erzählt sie von Lina, die in den 1990er Jahren in einer donauschwäbischen Gemeinschaft in Salzburg aufwächst, die die Traditionen aus der alten Heimat bis heute hochhält. Als Lina von der SS-Mitgliedschaft ihres Großvaters erfährt, beginnt sie die Opfererzählung, mit der sie aufwuchs, zu hinterfragen und Nachforschungen anzustellen, die sie bis nach Belgrad führen.

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Buchcover: Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt
dtv

10. Bodo Kirchhoff (11 Punkte)

„Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“, dtv

Bodo Kirchhoff zählt zu den arriviertesten Erzählern der deutschsprachigen Literatur. 1990 gelang dem Schriftsteller mit seinem anspielungsreich-erotischen Roman „Infanta“ der Durchbruch, die Komplexität menschlicher Liebesbeziehungen bleibt bis heute ein Kernthema seines Schreibens. So auch in seinem neuen Roman „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“, der um ein Paar kreist, dessen Beziehung nach 50 Jahren Ehe zerbricht. Gleichzeitig lässt sich die Handlung nicht auf ein Beziehungsdrama reduzieren, denn Kirchhoff hat seinen Roman gewieft mit einer Abhandlung über Krieg und Frieden im 21. Jahrhundert verbunden, denn seine Hauptfigur Vigo, etwas älter als seine 68-jährige Frau Terese, ist Friedensforscher und Militärexperte. Er arbeitet gerade an einem aufwendigen Buchprojekt zu der Frage, wie die Welt im abgerüsteten Zustand aussehen würde, doch alles, woran er denken kann, sind die Trümmer seiner Ehe. Er versucht sich in Terese hineinzuversetzen und beginnt die gescheiterte Beziehung aus ihrer Sicht zu erzählen.

 

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