ORF

Die besten 10 im Juni 2021

Die Jury hat aus den unzähligen Neuerscheinungen ihre Lieblingsbücher gewählt.

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Nil
Wallstein

1. Anna Baar (28 Punkte) NEU

„Nil“, Wallstein

Eine der Hauptfiguren im neuen Roman Anna Baars ist ein Krokodil. Eines, das sich nach seiner Herkunft, dem titelgebenden Nil sehnt. Am Beginn des Textes sei der Wunsch gestanden, sich ganz vom Biographischen im Schreiben zu lösen, sagt die Autorin. So ist Nil ein Buch geworden, das sich in seinem Kern damit beschäftigt, wen wir meinen, wenn wir „Ich“ sagen und was wir meinen, wenn wir „Heimat“ sagen - auch den zentralen Protagonisten treibt das um. Anna Baar legt mit Nil ein Buch vor, das nicht der Logik der Realität folgt und gerade deshalb sehr viel Erkenntnisreiches über diese aussagt.




Suhrkamp

2. Dževad Karahasan (19 Punkte) NEU

„Tagebuch der Übersiedlung“, Suhrkamp
Übersetzung: Katharina Wolf-Grießhaber

Er ist einer der großen europäischen Gelehrten der Gegenwart: der Schriftsteller Dzevad Karahasan. Während des Bosnien-Krieges ist der heute 68jährige Autor nach Österreich geflohen, pendelt heute zwischen Graz und Sarajevo. Einer seiner Schlüsseltexte liegt nun in neuer Übersetzung vor: „Tagebuch der Übersiedlung“ heißt das Buch, das erstmals Anfang der 1990er Jahre, während des Krieges, erschienen ist. „Ich komme aus einem zerstörten Land“, schreibt Dzevad Karahasan darin. Dieses Buch: es ist der Versuch, zu verstehen, was der Krieg war und was er angerichtet hat. Am Beispiels Sarajevos etwa, das bis vor dem Krieg Sinnbild für gelebte multikulturelle und multireligiöse Offenheit war. Dass zur Erträglichkeit des Lebens während des Krieges auch die Kultur beigetragen hat: das macht Karahasan in das „Tagebuch der Übersiedlung“ deutlich. Ein Buch, das man jedenfalls gelesen haben sollte, wenn man die jüngste, schmerzvolle Geschichte Europas besser verstehen möchte.

Wagenbach

3. Erich Fried (18 Punkte) NEU

„Mitunter sogar Lachen“, Wagenbach

Zum 100. Geburtstag Erich Frieds, dem wohl populärsten deutschsprachigen Dichter nach 1945, wurden seine Lebenserinnerungen unter dem Titel „Mitunter sogar Lachen“ neu aufgelegt, ergänzt durch Fotos und einem Nachwort von Josef Haslinger. Als Kind jüdischer Eltern in Wien geboren, musste Fried nach der Machtergreifung der Nazis ins Londoner Exil flüchten, wo er bis zu seinem Tod, mit 67 Jahren, lebte. Der Band versammelt Episoden aus seiner Kindheit und Jugend, seine Erinnerungen vom blutigen Freitag 1927 in Wien, Geschichten aus seiner Schulzeit während des Austrofaschismus und des aufkeimenden Nationalsozialismus und Erzählungen vom Neuanfang als 17jähriger in der englischen Emigration, von wo aus er zahlreiche Juden bei der Flucht vor den Nazis unterstützte.

Wallstein

4. Teresa Präauer (15 Punkte)

„Das Glück ist eine Bohne“, Wallstein

„Eine Summe ihrer Leidenschaften“ nennt Teresa Präauer ihr neues Buch „Das Glück ist eine Bohne“. Knapp 80 Texte umfasst der Band, in dem sich die Schriftstellerin Gedanken über Literatur, Musik und Kunst macht, dazwischen auch vom Snowboarden, vom Ausgehen und sogar von einem Besuch in einem Nagelstudio erzählt. Popkulturellem Kitsch widmet sich Präauer dabei mit derselben Beobachtungsgabe wie Artefakten der Hochkultur – ein tiefgreifendes Bedürfnis, die Welt um sich herum schreibend zu verstehen, spricht aus jedem der Texte. Auch fiktive Erzählungen finden Einzug ins Buch: etwa eine absurd-komische Begegnung mit Britney Spears und eine Liebesgeschichte, die sich als Hommage an den Kunstfilm „Der Lauf der Dinge“ des Schweizer Künstlerduos Fischli und Weiß lesen lässt.

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Hanser Berlin

5. ex aequo: Mathias Enard (14 Punkte) NEU

„Das Jahresbankett der Totengräber“, Hanser Berlin
Übersetzung: Holger Fock, Sabine Müller

Für seinen Roman „Kompass“ wurde Mathias Enard mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, dem wichtigsten Literaturpreis Frankreichs. Nun ist ein neuer Roman Enards auf Deutsch erschienen: „Das Jahresbankett der Totengräber“. Erzählt wird darin von dem jungen Ethnologen David, der aufs Land zieht, um Feldforschung für eine Doktorarbeit über das Moderne Landleben zu betreiben. Es verschlägt den jungen Mann nach La-Pierre-Saint-Christophe, einen verschlafener Ort im französischen Westen – eine Region, in der Mathias Enard aufgewachsen ist. Schnell wird Davids teilnehmende Beobachtung mehr Teilnahme als Beobachtung und er mischt sich in das Dorfleben.

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Klett-Cotta

5. ex aequo: Steve Sem-Sandberg (14 Punkte) NEU

„W.“, Klett-Cotta
Übersetzung: Gisela Kosubek

Der schwedische Schrifftstellter Steve Sem-Sandberg zählt zu den großen Erzählern der europäischen Literatur. Seit kurzem ist er auch im Komitee der schwedischen Akademie und entscheidet über die Vergabe des Literatur-Nobelpreises mit. In seinen Romanen stellt Steve Sem-Sandberg oft erschütternde historische Begebenheiten ins Zentrum. Sein neuer Roman „W“ ist dem historischen Kriminalfall Woyzeck auf der Spur. Die Hauptfigur Woyzeck wird darin als ein von Wahnsinn, Schuld und Liebe zerrissener Mann, der seine Freundin ermordet, beschrieben. Er hört Stimmen, ist schwer traumatisiert und gänzlich unfähig, Empathie zu empfinden. Sem-Sandberg erstellt ein vielschichtiges Psychogramm eines Mörders, mit dem Woyzeck weder auf seine Täterschaft, noch auf seinen Opferstatus festgeschrieben wird.

S. Fischer

7. ex aequo: Arnold Stadler (13 Punkte) NEU

„Am siebten Tag flog ich zurück“, S. Fischer

Eine große Wochenzeitung beauftragt den Ich-Erzähler in Arnold Stadlers neuem Roman, einen Schriftsteller, mit einer Reportage für die Reisebeilage. Das Reiseziel ist frei wählbar und so sucht der Protagonist einen Sehnsuchtsort seiner Kindheit auf - den Kilimandscharo in Tansania. Als „Anti-Reiseroman“ bezeichnet die Kritik Stadlers jüngsten Wurf „Am siebten Tag flog ich zurück“, erzählt der Büchnerpreisträger Arnold Stadler doch nicht nur vom Aufbruch, und den Begegnungen in der Fremde, sondern legt eine Assoziationskette frei, die von deutscher Kolonialgeschichte, Globalisierung und Fluchtbewegungen bis hin zu Analogien zwischen Ostafrika und dem Kindheitsort des Erzählers, „Schwäbisch Mesopotamien“ reicht. Seiner Musikalität in der Sprache und dem heiteren Erzählton bleibt Stadler dabei treu. Eine „vergnügliche, lehrreiche Lektüre“. (Ursula März)

aufbau

7. ex aequo: Barbara Frischmuth (13 Punkte) NEU

„Dein Schatten tanzt in der Küche“, Aufbau

Als Mitglied der legendären Grazer Gruppe rund um Wolfgang Bauer und Peter Handke hat Barbara Frischmuth ihre Karriere Ende der 1960er Jahre mit dem Roman „Klosterschule“ begonnen, seither hat sich die gebürtige Altauseerin immer wieder neu erfunden. Ihr Schreiben ist stark von ihrer Arbeit als Übersetzerin aus dem Türkischen und Ungarischen geprägt, ebenso wie von ihrer jahrzehntelangen Leidenschaft für den Garten und die Natur. Ihr neuer Erzählband „Dein Schatten tanzt in der Küche“ greift auf den gesamten Frischmuth-Kosmos zurück: Die fünf Erzählungen handeln von fünf unterschiedlichen Frauen, die mit schweren Schicksalsschlägen zu kämpfen haben und dabei dennoch konsequent ihren Weg weitergehen. Es sind die kleinen Details, die Frischmuth schillern lässt und aus denen trotz tragischer Wendungen viel Komik spricht.

Luchterhand

9. ex aequo: Ali Smith (12 Punkte)

„Frühling“, Luchterhand
Übersetzung: Silvia Morawetz

Mit „Frühling“ ist nun der dritte Teil von Ali Smiths hochgelobter Jahreszeiten-Tetralogie auf Deutsch erschienen. Vier Bücher in vier Jahren – das Projekt der schottischen Schriftstellerin ist nicht weniger als der Versuch, der Gegenwart im Schreiben habhaft zu werden. Genauer gesagt: die politisch prekäre Entwicklung Großbritanniens seit dem Brexit-Referendum literarisch greifbar zu machen. Dieses Kunststück gelingt Smith durch die enge Verstrickung gesellschaftlicher Diskurse mit dem Figurenarsenal der Romane. Während in „Herbst“ und „Winter“ die Nachwehen des Referendums im Zentrum standen, rückt Ali Smith in „Frühling“ die britische Flüchtlingspolitik in den Fokus.


dtv

9. ex aequo: Michael Hugentobler (12 Punkte) NEU

„Feuerland“, dtv

„Bücher sind unsterblich. Ein Buch als Protagonist erlaubt eine Geschichte zu erzählen, die länger ist als ein Menschenleben“, so der Schweizer Autor Michael Hugentobler, der in seinem zweiten Roman „Feuerland“ die Biografie eines Buches entwirft. In den 1880er-Jahren wächst Thomas Bridges als Waisenkind unter der Obhut eines britischen Missionars in Patagonien unter den Kindern der Yamana auf. Fasziniert von deren Sprache beginnt er eine akribische Sammlung ihrer Wörter. Dieses Wörterbuch fällt 50 Jahre später einem deutschen Ethnologen, Ferdinand Hestermann, in die Hände, der es vor den Nationalsozialisten retten will. Wie sein erster Roman „Louis oder der Ritt auf der Schildkröte“, so kann auch Hugentoblers jüngstes Buch als „unübliche Abenteuergeschichte“ bezeichnet werden, die auf historischen Tatsachen beruht.


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