Zum 75.GT von Elfriede Jelinek am 20.10.:

Die Kinder der Toten

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Österreichische Weltliteratur trifft amerikanische B-Movies – so ließe sich die Metamorphose von Elfriede Jelineks monumentalen Roman „Die Kinder der Toten“ in einen Super-8-Stummfilm mit Blasmusik beschreiben. Diese meisterhafte Transformation zwischen Heimat- und Horrorfilm ist dem Regie-Duo Kelly Copper und Pavol Liska vom Nature Theatre of Oklahoma und dem Produzenten Ulrich Seidl gelungen. An Originalschauplätzen in der Oststeiermark, rund um die Kindheitsorte der Nobelpreisträgerin, lassen sie Gespenster der Vergangenheit auferstehen.

Autounfallopfer
ORF/Ulrich Seidl Filmproduktion

Der groteske Inhalt: Eine Busfahrt mit Touristen aus der Pension Alpenrose endet tödlich. Doch die Verunglückten geistern als Untote weiter durch Wald und Flur. Sie treffen auf syrische Flüchtlinge, eine Poeten-Familie, die „supersensibel für menschliches Leid“ ist. Sie begegnen einem depressiven Förster, der von seinen toten Söhnen verfolgt wird, die schon vor Jahren Selbstmord begangen haben. Karin, eine Sekretärin, sieht sich plötzlich mit einer Doppelgängerin konfrontiert, die sie liebt, während sie ihre Übermutter in den Wahnsinn treibt. Im „CINEMA 666“, das die Witwe eines Nationalsozialisten gegründet hat, trauert das Publikum der Vergangenheit mitsamt seinen Insignien nach. Die untote Gesellschaft kehrt zurück in die Pension Alpenrose und lässt bei Forelle blau und mit von Palatschinken maskierten Gesichtern ihre Geschmacklosigkeiten hochleben.

Filmszene
ORF/Ulrich Seidl Filmproduktion

Jelinek hat „Die Kinder der Toten“als ihr wichtigstes Werk bezeichnet. Die bizarren Handlungsstränge galten als nahezu unverfilmbar.  Copper & Liska konnten die Romanvorlage mangels Deutschkenntnissen nicht einmal lesen, sondern ließen sich die Szenen erzählen. Als Projekt des „steirischen herbst“ 2017 bannten sie mit hundert hochmotivierten, einheimischen Laienschauspieler*innen und den örtlichen Einsatzkräften das 666 Seiten umfassende Konvolut auf 666 Super-8-Filmspulen - eine Groteske, die nach der (Un-) Möglichkeit einer angemessenen Aufarbeitung angehäufter Schuld fragt - surreal, urkomisch, witzig und bitterböse.

Frau läuft panisch über Wiese
ORF/Ulrich Seidl Filmproduktion

Gewinner des FIPRESCI-Preises der internationalen Filmkritiker und Filmjournalisten-Vereinigung auf der Berlinale 2019.

Hergestellt in Zusammenarbeit mit dem ORF Film/Fernseh-Abkommen

Regie
Kelly Copper
Pavol Liska

Link:

Elfriede Jelinek