
Die Beste im November 2026: Anna Baar
Chronik eines Verfalls
Anna Baar erzählt in ihrem Roman „Amseln“ mit Briefen vom Abstieg einer klinischen Psychiaterin. Eine komplexe und herausfordernde Lektüre.
Der Titel von Anna Baars viertem Roman besteht aus einem Anagramm. Klar wird das erst gegen Ende des Textes: Ein sechsundzwanzigjähriger ewiger Psychologiestudent erzählt der dreißig Jahre älteren Protagonistin, er habe als Kleinkind zwei Buchstaben seines Vornamens verwechselt. Da seine Mutter ihn nie korrigiert habe, sei er dabei geblieben – worauf Elda Vera antwortet, sie finde Amseln schöner, denn Anselm heiße „bald einer“. Eine solche Durchschnittsexistenz möchte in diesem Roman niemand sein. „Amseln“ hat freilich eine darüber hinausgehende Bedeutung, denn kein anderes Tier begegnet hier so prominent wie der unscheinbare Singvogel, dem schon Robert Musil ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Auch bei Baar fungieren Amseln nicht allein als geheimnisvolle Namensgeber des Titels, die für Sinnlichkeit und forciertes Balzverhalten stehen, sondern überdies als motivische Verdichtungen des um das Großthema Liebe angelegten Geschehens insgesamt. Sie besitzen magische Kräfte und singen nicht bloß, sondern reden und sind mitunter sogar die Erscheinungsform von Menschen: War es in Musils Novelle die eigene Mutter des Protagonisten Azwei, so ist es hier Marta, die Schwester der Hauptfigur, die in Gestalt einer Amsel auftritt – allerdings nicht Glück verheißend. In Baars Roman geht es auch um Existenzielles, um wundersame und verstörende Erfahrungen des Lebens und des Todes, mindestens ebenso aber um tiefe Wunden und bleibende Verletzungen, die einen Menschen nachhaltig quälen und schließlich zerstören.

Buchinfo:
Anna Baar: „Amseln“
Roman, Erscheinungsdatum: 19.08.2026
Wallstein
Verletztes und verletzendes Wesen
„Amseln“ ist die schonungslose Chronik eines Frauenlebens im späten 20., frühen 21. Jahrhundert. Wie in Arthur Schnitzlers „Therese“ weist die Richtung der Entwicklung beständig nach unten – und das in individueller wie in sozialer Hinsicht. Erzählt wird der Abstieg einer klinischen Psychiaterin, die ihre scheiternden Beziehungen und unzähligen Affären aus Rache am Vater beginnt, schließlich der sexuellen Nötigung eines männlichen Patienten beschuldigt wird und ihren sozialen Status sukzessive verspielt. Im Roman präsentierte Briefe und Notate aus unterschiedlichen Lebensabschnitten ermöglichen eine Rekonstruktion dieser Geschichte. Die puzzlehafte Zusammenfügung des sich auf mehreren Sinn- und Zeitebenen abspielenden disparaten Geschehens bleibt dem Lesepublikum anheimgestellt, denn der Text setzt sich aus einem heterogenen, zunehmend rätselhaften Konvolut zusammen. Dieses besteht aus einem fingierten Herausgebervorwort und einem Schlusswort in der Genretradition des 18. Jahrhunderts, aus dreißig nie verschickten und von der Protagonistin zurückgelassenen Briefen, die der Spätphase der Coronapandemie entstammen, sowie aus Notizen, Beobachtungsprotokollen und Traumnotaten, die der romanesken Suggestion zufolge zwischen 1988 und 2023 ebenfalls von der abgetauchten Protagonistin verfasst wurden.

Eingeflossen in den Plot scheint überdies eine Reflexion über den Kriminalfall um den Klagenfurter Kinderpsychiater Franz Wurst, der minderjährige Patienten missbraucht hat und von der Politik bis zur gerichtlichen Verurteilung gedeckt worden ist. 2020 hat Anna Baar dazu einen Essay veröffentlicht. Darin vertrat sie mit Ingeborg Bachmann die Ansicht, dass die Wahrheit den Menschen „zumutbar“ sei. Sie erklärte es für erforderlich, „mitten ins schwärzeste Schweigen“ zu wühlen, um gegen das Unrecht auftreten zu können. Die Wahrheit ist allerdings ein komplexes Ding, und wenn die Literatur sich zur Aufgabe macht, sie zu vertreten, ist es nicht damit getan, sinistre Fakten zu sammeln und gängige Vorstellungen zu bestätigen. Die Rekonstruktion eines intrikaten Falls bedarf einer Klärung der Frage, wie es dazu kommen konnte. Erforderlich ist ein Blick hinter die Kulissen bürgerlicher Wohlanständigkeit, aber auch literarischer und ideologischer Topoi: Ein Kunstgriff Baars besteht darin, keinen männlichen Arzt und Gewalttäter zu zeichnen, der etwa dem Dr. Jordan aus Bachmanns „Franza“-Fragmenten nachgebildet wäre, sondern eine Täterin, die als zutiefst verletztes und verletzendes Wesen erscheint.
Elda Vera, im Wortsinn „wahre Kämpferin“, wird von ihrem zwischenzeitlichen Ehemann Milan kosend Elli genannt. Sie blickt auf eine Kindheit in einer gutbürgerlichen Familie zurück, die nur in materieller Hinsicht unbeschwert war. Der standesbewusste, alkoholkranke Vater führte darin ein patriarchalisches Regime, das durch die Komplizenschaft der Mutter totalitäre Züge annahm – bis hin zum Missbrauch der Schwester Marta, der stets als „Levitenlesen“ nach angeblichem kindlichen Fehlverhalten camoufliert wird. Daneben spielen weitere Figuren tragende Rollen: Marta selbst, deren verpfuschtes Leben im Lauf der Geschichte unterschiedliche Facetten erhält; Lev, der frühe Geliebte Eldas, dem diese ihre Liebe nie erklärt hat – er ist „unbekannt verzogen“, wie der (einzige) Zwischentitel des ersten der sechs Romanteile heißt, und an ihn sind Eldas späte Briefe adressiert; Milan und dessen Bruder Kleiber, ein Theologiestudent, der einen aus Liebe zu Elda begangenen Suizidversuch überlebt und danach an den Rollstuhl gefesselt bleibt; Anselm Kos, Seelsorger der Einsamkeitshilfe während der Lockdown-Zeit, der einem Patienten Eldas ähnelt; sowie Frau Helga, eine Astrologin, die vor allem eines im Auge hat: ihren pekuniären Vorteil, den sie sich über den desolaten Geisteszustand Eldas verschafft, indem sie ein Monopol auf die entgeltliche Erfüllung von deren Sehnsucht nach Transzendenz aufbaut.

Ausgangspunkt der Handlung ist das überbelichtete Foto einer Ägyptenreise des Jahres 1989: Es zeigt Elda und Marta als junge Frauen an einem Hotelpool in Luxor. Die Überbelichtung lässt sich als Charakterisierung des literarischen Verfahrens lesen, zumal die Aufzeichnung und Wiedergabe auch vermeintlich belangloser Details nicht das gesamte Leben der Protagonistin sicht- und nachvollziehbar macht. Überwältigt von Erinnerungsbildern, die das Foto in ihr auslöst, beschließt Elda, für ihren während jener Reise verschwundenen Geliebten Lev die über drei Jahrzehnte verheimlichte Wahrheit aufzuzeichnen. Eldas Briefe geraten zu einer „Lebensbeichte zwischen Endzeitdrama, mystischem Wahn und Groteske“, wie die Herausgeberstimme selbst grell aufträgt: „ein Psychogramm des fortschreitenden Verfalls in Zeugnissen des Scheiterns an Freundschafts- und Liebesdingen, in Gotteslästerungen, Anklagelitaneien und Bekennerschreiben, Versuchen der Selbstinszenierung und Inventuren der Träume eines vor der Zeit gealterten Mädchens, das seiner Erinnerung nicht mehr trauen konnte.“ Die beanspruchte Groteske hat keine komisch befreiende, sondern eine verstörende Funktion. Aus falscher Loyalität zur illoyalen Mutter und zur freudlosen Schwester sabotiert Elda ihr eigenes Lebensglück, scheitert in allen Freundschafts- und Liebesangelegenheiten und macht sich am Ende im Namen der Liebe sogar schuldig – das allerdings bereits in einer hochgradigen Neurose. Da ein Gutteil ihrer schriftlichen Zeugnisse in diesem Zustand verfasst worden ist und Elda die Umstände ihres geplanten Abtauchens sorgfältig zu verschleiern sucht, bleibt die reklamierte Wahrheit wie das Foto schimmernd und opak – oder zumindest vielschichtig. Und das ist nicht das Schlechteste, was sich einem Roman über die Wahrheit eines Menschen nachsagen lässt. Die Herausforderung der Lektüre besteht weniger im Umstand einer Zumutung als vielmehr in der Komplexität des Zugemuteten.
Text: Norbert Christian Wolf