
Der Beste im Oktober 2026: Paulus Hochgatterer
Das lange erwartete neue Buch von Paulus Hochgatterer trägt den Titel „Mio und die Unsterblichkeit“. Seit sieben Jahren wartet seine Leserschaft, die er sich mit „Die Süße des Lebens“ oder zuletzt „Fliege fort, fliege fort“ erschrieben hat, auf diesen Text. Geworden ist es ein kurzer Roman, der lange nachwirkt: Erzählt wird von einem Jugendlichen mit Behinderung, der sich nicht bevormunden lässt, und wie nebenbei mit sämtlichen Tabus und Klischees aufräumt.
Hochgatterer ist einer der bekanntesten Schriftsteller seiner Generation. Zugleich ist der heute 65-Jährige, der zwischen Wien und dem Waldviertel pendelt, einer der renommiertesten Kinder- und Jugendpsychiater Österreichs. Das hinterlässt Spuren in seinem Werk, in dem Kindern eine wichtige Rolle zukommt. So auch in seinem jüngsten Roman. Darin steht ein 16-jähriger Bursche im Zentrum, der eine seltene, genetisch bedingte Erbkrankheit hat: spinale Muskelatrophie, bei der bestimmte Nerven im Rückenmark absterben. Zunehmender Muskelschwund ist die Folge.

Buchinfo:
Paulus Hochgatterer: „Mio und die Unsterblichkeit“
144 Seiten, Zsolnay
Im ORF-Interview sagt Hochgatterer: „Eine der Grunderfahrungen mit Kindern und Jugendlichen ist, dass sie Realisten sind. Sie sind interessiert daran, wie die Dinge wirklich sind. Ingemar, der 16-jährige Junge in meinem Buch, ist ein solches Exemplar.“
Von der Liebe zum Denken
So ist Ingemar einer, der jedwede Beschönigung ablehnt. Stattdessen liebt er das Denken. Es ermöglicht ihm das Überschreiten der Grenzen, die ihm sein Körper setzt – wie das Erzählen, das im Text als existenzielle Notwendigkeit sichtbar gemacht wird.
Hochgatterer zeichnet den Jugendlichen als einen widerständigen Geist, der es nicht leiden kann, wenn in „einfacher Sprache“ mit ihm gesprochen wird, nur weil er körperliche Defizite hat. Überhaupt ist ihm achtsames Sprechen grundsätzlich zuwider, an einer Stelle ist von „esoterisch-pathetischem Gesülze“ die Rede. Er bevorzugt es, die Dinge zu sagen, wie sie sind, zuzuspitzen, bis an die Schmerzgrenze zu gehen.
Zudem hat er eine ausgeprägte Begabung zur Selbstironie. Sie hilft ihm beim Überleben, zumal seine Erkrankung eine ist, die sich stetig verschlechtert. Damit ist Ingemars Lebensperspektive permanent getrübt. Sein Blick auf die Welt ist deshalb einer, der vom Abschied bestimmt ist: Die Endlichkeit des Lebens ist für ihn in besonderer Weise greifbar.
Von der Macht der Sprache
Ingemar nutzt für sich die Macht der Sprache, um sich von den vielen Zuschreibungen freizumachen, die ihm widerfahren. Er trägt nicht nur in dieser Hinsicht durchaus Züge seines Erfinders, der mit einer großen Liebe zur Sprache aufgewachsen ist und noch nie ein Freund einer „sprachpolizistischen Haltung“ war, wie er im ORF-Gespräch ausführt.
Hochgatterer sagt: „Ich habe es nie gemocht, mir sagen zu lassen, was ich darf und nicht darf. Wenn der Ruf nach korrekter Sprache verbunden ist mit einer Haltung, die auf korrekte Handlungen verzichtet, wenn also plötzlich wichtiger wird, Dinge richtig zu sagen, statt sie richtig zu tun, dann ist es vorbei bei mir.“

Literarische Körpererfahrung
Ingemar will sich ebenfalls nicht sagen lassen, was er darf und was er nicht darf, auch nicht bezogen auf Maßnahmen, die sein Leid lindern könnten. Die Macht der Sprache nutzt er außerdem dafür, um die Kontrolle über den eigenen Körper zurückzugewinnen. Das tabulose Sprechen über Sexualität gehört hier naturgemäß dazu. So ist an einer Stelle von „Übungen zur Erhaltung der Masturbationsfähigkeit“ die Rede.
Überhaupt ist in Hochgatterers Werk der Körper ein wichtiger Mitspieler. So hat er in diesem Zusammenhang einmal geschrieben: „Der Körper stellt sich dar als Hort anachronistischer Qualitäten, wie Bedürftigkeit, Verletzbarkeit und Leidenschaft. Er ist die Beweisfläche dafür, dass es so etwas wie Beziehung tatsächlich gibt, in all ihren Spielarten und Extremen.“
Hochgatterers Katzenliebe
Die auf dem Cover zu sehende Katze – sie heißt Mio – ist eine der wichtigsten Akteurinnen im Buch: Zu ihr entwickelt Ingemar eine Beziehung, die von großer Intensität ist, jenseits der Sprache, zutiefst verbindlich und von entwaffnender Selbstverständlichkeit.
Hochgatterer-Lesende wissen, dass dieser Autor ein ausgeprägtes Naheverhältnis zu Katzen hat, sie bevölkern viele seiner Texte. Immer wieder hat Hochgatterer ausgeführt, dass ihm, beim Schreiben über Kinder, die Sprache selbst zur Katze wird: „Sie schnurrt, sie schmeichelt, sie rollt sich ein, sie kratzt, sie buckelt und streckt dabei ihre Zunge raus“, ist in einem seiner poetologischen Texte zu lesen. Letzteres realisiert sich in seinem neuen Roman auf eindrückliche Weise.
Was ist Gerechtigkeit?
Eine der zentralen Fragen im Text, der von hoher atmosphärischer Dichte und erzählökonomischer Raffinesse ist, ist jene nach Gerechtigkeit. Was bedeutet Gerechtigkeit in Anbetracht eines Menschen, der jung ist und leben will, dessen Körper aber nicht mitmacht? Hochgatterer lässt die Figur des „alten Mannes“, der eine der wichtigsten Bezugspersonen der Hauptfigur ist – neben Vater, Mutter, Schwester und einem gewitzt-liebenswürdigen Betreuungsteam – sagen, Gerechtigkeit sei „nichts anderes als ein Wort für die unerfüllbare Sehnsucht nach der Abschaffung von Schicksal und Herrschaft“.
Dass Hochgatterer es scheinbar mühelos schafft, die großen Menschheitsfragen mit der Geschichte eines Einzelnen so zu verbinden, dass man sowohl ins Lachen, Weinen als auch ins Denken gerät, zeigt, dass hier nicht nur ein Erzähler am Werk ist, der sein Handwerk versteht, sondern auch einer, der von Erkenntnisinteresse getrieben ist.
Text: Katja Gasser, ORF Kultur