
Die Beste im Juni 2026: Anna Felnhofer
Im Jahr 2021 debütierte Anna Felnhofer mit dem Episodenroman „Schnittbild“. Nun legt die Schriftstellerin und klinische Psychologin ihren zweiten Roman mit dem rätselhaften Titel „Prosopon“ vor. Das Wort kommt vom griechischen Theater und bedeutet Maske, Rolle oder Gestalt, allgemeiner das, was man von außen sehen kann. Eng verwandt ist „Persona“, ein Begriff des Schweizer Begründers der Analytischen Psychologie C. G. Jung. Er bezeichnet die Gesamtheit der nach außen repräsentierten Wesenszüge und damit die soziale Maske eines Individuums, die durch Anpassung an gesellschaftlich erwünschte Vorstellungen entwickelt wird.

Was passiert, wenn die Entwicklung der Persona gestört ist und sich kein sozialverträgliches Verhalten ausbildet, macht Felnhofer exemplarisch im Roman sichtbar. Dessen Keimzelle ist die „schlichteste aller Formeln: ein Mann, eine Frau, das Kind“. Am 15. Oktober 2019 verunfallt der siebenjährige Finn vor der Schule. Seither liegt er ohne Bewusstsein in einem Wiener Krankenhaus, muss mehrfach operiert werden und stirbt fünf Monate später an den Iden des März.

Sein Vater war vor Ort, aber damit beschäftigt, seinen Sohn in der Masse der Schüler zu entdecken. Denn er lebt mit der Diagnose Prosopagnosie. Für ihn zerfallen Gesichter in ihre Einzelteile, was ihm das Erkennen erschwert. Finns Mutter Johanna drängt sich ein furchtbarer Verdacht auf: Hat Jakobs Gesichtsblindheit, die schon einmal für den Tod eines Menschen verantwortlich war, eine Rolle beim Unfallhergang gespielt und trifft ihn eine Mitschuld?

Buchinfo:
Anna Felnhofer: „Prosopon“
Roman, 259 Seiten
Luftschacht
Auch dieser Roman ist episodisch erzählt und zeigt Johannas mäandernde Suche nach Antworten. Die Handlung setzt am Abend vor Finns Tod im Spital ein. Schnell wird klar, dass das Paar nur mehr durch das Sterben des gemeinsamen Kindes zusammengehalten wird. Johanna denkt an einen Neuanfang, die Trennung von Jakob und ein Leben ohne Finn. Noch am selben Abend entfernt sie das gesamte Hab und Gut ihres Sohnes aus der Wohnung. Einige Episoden enthalten blutrünstige Geschichten für Finn, andere gehen Jakobs Biografie nach. Sie erzählen von seiner schwierigen Kindheit, fehlender Liebe, Mobbing und einer Fülle von Gewalterfahrungen. Jakobs Gesichtsblindheit verhindert die Entwicklung einer eigenen Ich-Identität und prägt seine soziale Rolle, weil er gesellschaftlichen Erwartungshaltungen nicht entspricht. Erfolglos erprobt er Strategien, um seinen Makel zu kaschieren. So wird er zu einem Mann, der keine emotionale Bindung kennt, durch Europa streift, mal hier oder dort verweilt, verschiedenen Jobs nachgeht und nirgendwo Spuren hinterlässt. Er ändert seine Identität auch durch den Wechsel seiner Vornamen. Geboren als Johan wird er Jakob, ist Janne auf den Lofoten, Joaquin in Spanien oder Janusz in Polen. Diese Wandlungsfähigkeit unterstreicht die Autorin durch Bezüge zu Proteus, einer Figur der griechischen Mythologie, „der viele war und keiner“.

Wir erfahren, dass ihnen das Kind passierte, kurz nachdem er und Johanna sich begegneten. Sie bemühen sich, als Eltern zu entsprechen, verzweifeln an ihren Rollen und scheitern. Denn nicht nur Jakob ist sozial auffällig und der Normalität entglitten. Johanna hängt „wie an einer Lebensleine“ an Büchern, aber sie weiß nicht, „wie man es anstellte, mit anderen Menschen auszukommen“. Auch mit Finn ist „von Anfang an etwas nicht in Ordnung“. Er neigt zu Wutausbrüchen und verletzt andere Kinder schwer.
Erzählt ist dieses Buch abwechselnd aus der Ich-Perspektive Johannas und aus jener eines personalen Erzählers. Dabei bestechen Felnhofers präzise, bildhafte Sprache, mit der sie ihr komplexes Thema entwickelt, und das lustvolle Spiel mit Alliterationen in ihrem atmosphärisch dichten, souverän erzählten Roman.
Text: Monika Vasik, Die Presse „SPECTRUM“