Birgit Birnbacher sitzend
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Die Beste im Mai 2026: Birgit Birnbacher

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Und dann regnet es im Hirn

Ein Bub mit ADHS, seine Mutter im Dauer-Katastrophen-Modus. Action unter schwerem Unwetter im Hirn und über den Bergen. Wie macht man daraus einen gefühlvollen Abenteuerroman? Birgit Birnbacher zeigt es.

Bernhard Flieher Salzburg Im Hirn des Drittklässlers geht’s zu wie im Song „Paranoid“ von Black Sabbath. Fiebrig. Intensiv. Geisterhaft. Vielleicht wird der Bub deshalb Ozzy gerufen, wie Sabbath-Sänger Ozzy Osbourne. Oder Oz, wie der rettende Zauberer im Fantasieland. Oswald, wie sein Vorname ist, sagt keiner. Oz hat ADHS. Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Und er hat das Problem, dass die Ferien anfangen, er ein gutes Zeugnis hat, aber auch einen Brief heimbringen muss. Disziplinarverfahren. Wie soll er daheim erzählen, was da mit dem Hasen passiert ist? War’s Mord? Oder Erlösung? Wie lässt sich das Prasseln im Kopf ordnen? Und was kann er tun, damit er nicht ins Feriencamp muss? Im Kopf rotiert es.

Buchcover
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Seine Mutter Ann rotiert ohnehin immer. Überfordert, aber liebevoll. Verständnissüchtig, aber verzweifelt. Die aus dem Pongau stammende Birgit Birnbacher verbindet den im Persönlichen schlummernden Irrsinn mit einem Blick auf Missverstandenes und gesellschaftliche Ignoranz. Birnbacher lässt die Schwere eines Themas in ihrer Literatur ganz leicht daherkommen. Birnbacher beherrscht eine Sprache, eine Fantasie, die angstlos dem Vorurteilsbehafteten entgegentritt. Die Ablenkungen im Buben-Hirn, seine in Therapien erlernten Gegenstrategien werden zu Passagen, die direkt aus Hirn und Gefühl des Buben zu berichten scheinen. Bei den Zweifeln und Verzweiflungen der Mutter ist das ebenso. Denken und Fühlen in Mutter und Bub werden nachvollziehbar. Im Buben geht’s zu, als könnte jederzeit ein Unwetter losbrechen.

Spannend, weil vieles in Schwebe bleibt

„Endlich ist die Umwelt einmal auf demselben Alarmstufe-Level, wie ihr Körper das täglich grundlos ist, wenn sie morgens im Bett die Augen aufmacht“, steht da über Ann. Ann ist wenn schon nicht im Katastrophenzustand, dann zumindest am Rand des ganz normalen Wahnsinns. Alles zu viel, wenn man alles immer gut und richtig machen will, aber gar nicht sicher sein kann, wie das geht. Und wenn man streiten muss mit Bildungsbeauftragten und sich ärgern über verschwendete Therapieeinheiten. Manchmal springt Ann über den Rand, schreit, ist bös’ und nimmt an, dass keiner es gut mit ihr und erst recht nicht mit dem Buben meint.

Das Innergebirg als Katastrophenraum

Birgit Birnbacher saugt uns mit knapper, genauer Sprache in eine aufregende Geschichte, in der sie für Gefühlswelt ebenso wie für äußere Ereignisse akkurate Bilder findet. Ganz nebenbei werden Wesenszüge des Innergebirgs, woher Birnbacher stammt, entschlüsselt, und sie entlarvt auch Methoden der Schul- und Therapiewelt.

Birgit Birnbacher im Interview
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Birnbacher lässt vieles in Schwebe, wie man das in einer spannenden Abenteuergeschichte macht. Beim Lesen ahnt und vermutet man und deutet mögliche Folgen und will dann nicht aufhören zu wissen, wie es weitergeht. Birnbachers Roman entwickelt einen unglaublichen Sog, weil sie eine Meisterin kleiner Cliffhanger ist. Jetzt ist schon wieder was passiert. Etwa, wenn Anns Mutter Zäzilia drin im Innergebirg verschwindet. Darum muss sich Ann jetzt auch noch kümmern. Gestresst, aber offenbar alternativlos. Birnbacher entfaltet ohne Schnörkel eine Geschichte, in der dauernd die nächste Katastrophe lauert – und im wahrsten Sinn in der Luft liegt. Denn über allem, noch erstickt in flimmernder Hitze, zieht eine Unwetterfront heran. Die bietet Gelegenheit für Szenen, die gut in jeden Actionfilm passen. Auch das kann Birnbacher. Der Bub, in dem es zugeht, als würde jederzeit ein Unwetter losbrechen können, macht dann, als er abhaut, alles richtig.

Buchinfo:
Birgit Birnbacher: „Sie wollen uns erzählen“
Zsolnay

Birnbacher findet Sprache für Sprachlosigkeit. So erfüllt „Sie wollen uns erzählen“ dann auch den Titel. Das Erzählen erweist sich für alle, vor allem aber für Oz, als ein schwieriges Unterfangen, daheim ebenso wie im familiär belasteten Innergebirg und auch auf dem Hof im Waldviertel, auf dem Anns Schwester Nell daheim ist, deren scheinbare Lockerheit genutzt wird, auch ein schiefes Schwesternverhältnis ins Spiel zu bringen.

Das Erzählen schafft ein Happy End

Wie also wilde Gedanken ordnen? Wie anfangen, darüber zu reden? Wie einen Weg finden, Fürchterliches, aber auch Heilsames so erzählen, dass es gut ausgeht und trotzdem die harte Wahrheit nicht verschwiegen wird? Am Ende lässt Birnbacher Oz erzählen, von einem toten Hasen, davon, dass er sich am Unwetter schuld fühle, wie er dann allein … und, und, und. Es wird, als er sprudelt, dann schon schwer geregnet haben. Es wird Katastrophenwarnung gegeben haben. Es wird vieles weggespült sein. Und trotzdem – oder gar deshalb – gibt es ein Happy End. Jedenfalls für einen Moment in dieser so eindringlich erzählten Mutter-Sohn-Zweisamkeit.

Text: Bernhard Flieher, Salzburger Nachrichten

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