
Der Beste im April 2026: Josef Winkler
Ein Buch der Liebe
Der Büchnerpreisträger Josef Winkler hat seine bäuerliche Kärntner Herkunftslandschaft längst zu einer der bekanntesten Topografien der Weltliteratur gemacht. In seinem neuen Roman „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“ kehrt er in sein Dorf Kamering im Drautal zurück. Ins Zentrum seiner literarischen Arbeit stellt er diesmal seine Schwester, die ihre letzten Lebensjahre in einem psychiatrischen Pflegeheim verbrachte. Winkler setzt ihr ein literarisches Denkmal: ein Buch der Liebe.
„Ich konnte nicht leben und nicht sterben, ich musste und konnte nur lesen und schreiben“, hieß es in Winklers Büchnerpreis-Rede 2008 in Hinblick auf seine frühen Jahre. Bei dem heute 73-Jährigen, der in Klagenfurt lebt und schreibt und immer wieder auch als Literaturnobelpreiskandidat gehandelt wird, waren Lesen und Schreiben von Beginn an von großer existenzieller Dringlichkeit.
Winkler, im Dorf Kamering im Kärntner Drautal aufgewachsen, kommt aus Verhältnissen, in denen weder das Lesen noch das Schreiben selbstverständlich war: aus einer zutiefst patriarchal geprägten, vom Zweiten Weltkrieg beschädigten, von einer tiefen Sprachlosigkeit gezeichneten Bauernfamilie. In diese Welt taucht er in „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“ erneut ein – und feiert dabei die Wiederholung als erkenntnisvertiefendes Stilmittel.

„Bilderbuch des Erinnerungsvermögens“
Wer Winklers Literatur kennt, wird in dem neuen Buch sehr viel Bekanntes entdecken: das „kreuzförmig gebaute Dorf“ Kamering, den Herrgottswinkel, den Doppelselbstmord zweier Buben im „Pfarrhofsstadel“, Winklers Vater, der ihm „Erzfeind“ und „Erzfreund“ in einem war, den „SS-ler Onkel Franz“, die „wort- und sprachlose“ Mutter und vieles andere mehr.

Buchinfo:
Josef Winkler: „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“
Erschienen am: 11.03.2026
Suhrkamp
Winkler aktualisiert in seinem neuen Werk nicht einfach seine Geschichte, die man nicht zuletzt aus seiner zum Klassiker gewordenen Trilogie „Das wilde Kärnten“ kennt, sondern erschafft aus dem zum Teil bereits Bekannten, aus dem Erinnerten und dem Erdachten, bildreiche Prosaminiaturen, die er auf kunstvolle Weise ineinanderfädelt. Nicht zufällig ist gegen Ende des Romans von einem „Bilderbuch meines Erinnerungsvermögens“ die Rede.
Ein Denkmal für die verlorene Schwester
Ins Zentrum des Buches stellt Winkler seine fünf Jahre ältere Schwester Maria, die gelernte Konditorin war, psychisch erkrankte, sich mehrfach das Leben nehmen wollte und die letzten Lebensjahre in einem psychiatrischen Pflegeheim unweit ihres Dorfes verbrachte. Es gehe ihm darum, so Winkler im ORF-Interview, seine vom Leben gemarterte Schwester dem Vergessen zu entreißen und zurückzuschreiben in die Welt der Erinnerung.
Zugleich mit seiner Schwester kehrte Winkler im Alter von rund 30 Jahren zurück an den elterlichen Hof: beide „gescheiterte Existenzen“, die die „Luftschlösser unserer Zelte mit und ohne Fantasie noch einmal bei euch aufschlagen durften“.
Zum Zeitpunkt der Rückkehr ins Elternhaus hatte er bereits sein Debüt „Menschenkind“ (1979), „Der Ackermann aus Kärnten“ (1980) und „Muttersprache“ (1982) veröffentlicht und damit für viel Aufmerksamkeit gesorgt; auch in seinem Dorf, das er mit diesen Texten exponierte, was ihm viel Ablehnung einbrachte, auch innerhalb der Familie. Der Roman „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“ reflektiert auch das in unterschiedlichsten Spielarten.
Bündnispartnerin in der repressiven Umgebung
Was Winkler, den man als Kind Seppl rief, bitterlich vermisste, bei Vater wie Mutter, bekam er zuweilen von seiner fünf Jahre älteren Schwester: Sie, „das Mitzele“, verteidigte ihn, der als widerspenstiges Kind galt, erhob für ihn das Wort, schenkte ihm Zuneigung und Aufmerksamkeit, soweit sie dazu im Stande war. Selbst wurde ihr zu wenig davon zuteil – die repressive Umgebung, in der Gewalt an Mensch wie Tier, Unterdrückung und Missbrauch zum Alltäglichen zählten, schädigte sie tief, zumal ihre Spielräume als Mädchen, später als Frau noch geringer waren als die ihres Bruders.
Die Scheinheiligkeit der Verhältnisse wirkte sich auf Maria letztlich vernichtend aus. Josef Winkler rettete sich, weil er zur Sprache fand und damit zu einer Form der Befreiung: Auch davon erzählt dieser Roman in der für Winkler so typischen barock-expressiven Sprache.

Literatur wird aus Literatur gemacht
Lesen und Schreiben gehen bei Winkler Hand in Hand. Seine Literatur ist in dem Maß aus Literatur gemacht, wie sie aus gelebtem Leben gewoben ist. Das trifft auch auf den Roman „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“ zu, der voller literarischer Verweise ist, von Anna Achmatowa über Nelly Sachs bis zu Peter Handke, den Winkler verehrt: Handke, bekanntlich auch gebürtiger Kärntner, ist jener Autor, von dem Winkler nach eigenen Angaben am meisten gelesen hat: Tausende Seiten.
Winkler sagt, dass die Arbeit an dem jüngsten Roman eine intensive Beschäftigung mit dem Surrealismus begleitet habe. Es ist also Ausdruck des literarischen Programms, dass gleich auf der ersten Seite der Vater des Surrealismus, Andre Breton, im Text auftaucht. Das Vertrauen in die Kräfte des Unbewussten leitete die Surrealisten. Diesem Unbewussten verleiht Winkler in prachtvollen Sprachbildern Ausdruck, die er vor den Augen der Leserschaft Wort für Wort schafft – und die geprägt sind von christlicher Ikonografie, von der sein Werk durchzogen ist.
Subversive Kraft der Liebe
Als Motor der Avantgarde hat Breton, französischer Dichter und Theoretiker des Surrealismus, die subversive Kraft der Liebe verstanden. Die Liebe, sowohl die körperliche als auch die geistige, spielt auch in Winklers jüngstem Roman eine wichtige Rolle: Winklers Liebe zu Männern wie Frauen, zu seiner Schwester zumal, die er auch in ihren letzten Jahren im psychiatrischen Pflegeheim regelmäßig besuchte, gemeinsam mit seiner Frau.
Von Breton stammt der Satz: „Ich glaube, dass der Verzicht auf die Liebe eines der selten unsühnbaren Verbrechen darstellt.“ Der neue Roman Winklers zeugt davon, dass sich dieser herausragende österreichische Autor, der Kärnten seit Jahrzehnten vor Augen führt, wie weitläufig und weltgewandt es sein könnte, dieses Verbrechens nicht schuldig machen wollte. Im Herzen des Romans leuchtet die Zartheit, die man sowohl Winkler als auch seiner Schwester früh abgewöhnt hat, die sie aber bis zuletzt miteinander verbunden hat gegen alle Widrigkeiten.
Text: Katja Gasser, ORF Kultur