
Die Besten im März 2026: Laura Freudenthaler und Norbert Gstrein
Eine moderne Scheherazade: Laura Freudenthalers neuer Roman „Iris“.
Freudenthaler zählt zu den markantesten österreichischen Autorinnen ihrer Generation. Ihr neuer Roman „Iris“ ist eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie man von einer krisengebeutelten Gegenwart auf literarisch gültige Weise erzählen kann. Die titelgebende Hauptfigur ist Schriftstellerin. Sie führt ein prekäres und unstetes Leben, in dem zwischenmenschliche Beziehungen Spiegel und zugleich Hoffnung der Zeit sind, in der sie lebt. Den allgegenwärtigen Zerfallserscheinungen hält sie das Erzählen entgegen: eine moderne Scheherazade.
Laura Freudenthaler gehört seit ihrem Debüt „Der Schädel von Madeleine“ (2014) zu den eigensinnigsten Autorinnen im deutschsprachigen Raum. Die aus Salzburg gebürtige, heute 42jährige Schriftstellerin lebt und schreibt in Wien, wurde inzwischen mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Anton-Wildgans-Preis.

Buchinfo:
Laura Freudenthaler: „Iris“
76 Seiten, erschienen am 18. Februar 2026
Jung und Jung
Eines der vorherrschenden Themen ihrer Literatur: zwischenmenschliche Beziehungen, zumal die zwischen Mann und Frau. Es sei „eminent politisch über Beziehungen zu schreiben“, sagt Freudenthaler im ORF-Interview, weil sich darin sämtliche tradierte wie aktuelle Machtverhältnisse und Hierarchien widerspiegelten. Nicht nur darin ist Laura Freudenthaler der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann verwandt, auf deren Werke sich ihre Texte immer wieder beziehen. So auch ihr jüngster Roman.
Beziehungen als Spiegel der Gesellschaft
Beziehungen sind es auch, um die der neue Roman gebaut ist: vor allem die zwischen der titelgebenden Schriftstellerin Iris und Anton, dem Künstler, der eine der wichtigsten Bezugspersonen der Hauptfigur ist. Iris führt ein unruhiges Leben, ist viel auf Reisen, auf Lesereisen. Das Gefühl einer sehr grundlegenden Unbehaustheit prägt ihr Leben. Und: Atemlosigkeit, die in den seitenlangen, punktlosen Sätzen zum Ausdruck kommt: jedes Kapitel ein Satz.
Beides, die Unbehaustheit und die Atemlosigkeit, zeichnet Freudenthaler als Effekte einer Welt, in der die Ökonomisierung und Digitalisierung sämtlicher Lebensbereiche rücksichtslos voranschreitet. Dass das Leben, darunter das Wohnen, immer teurer wird, der Wert der Geisteswissenschaften, der Kunst, zunehmend abnimmt, das physische, analoge Leben mehr und mehr an Bedeutung einbüßt, insgesamt also eine Prekarisierung der Verhältnisse stattfindet: all das erzählt Freudenthaler nicht etwa edukativ, sondern vielmehr wie nebenbei, als ein bedrohliches Hintergrundrauschen.
Was Laura Freudenthaler insgesamt literarisch macht, ist in jeder Hinsicht das Gegenteil von Agitprop und ist zugleich doch hoch brisant. Es ist unter anderem die denkerische wie literarische Genauigkeit, die sie davon abhält, ideologische Prosa hervorzubringen. Freudenthaler simplifiziert in ihrer Arbeit weder das Politische noch das Private und denkt es doch von Beginn an konsequent zusammen. So ist sie eine Meisterin darin, das Vertrauteste so darzustellen, dass das Unheimliche darin zum Vorschein kommt: das Unheimliche und das Heimliche werden in ihrem Werk als zwei Seiten derselben Medaille dargestellt.
Der Krieg als schwerstes Menschheitserbe
Sowohl die privaten Verhältnisse im Roman als auch die äußeren sind geprägt von unterschiedlichsten Kriegszuständen. Der Krieg ist in diesem Roman omnipräsent, nicht zuletzt der zwischen den Geschlechtern. Vergangenes wie gegenwärtiges Grauen verwebt Laura Freudentahler in diesem Roman ineinander, auf dass sichtbar wird, dass sich die Menschheit aus unterschiedlichsten Schichten von Gewalt zusammensetzt – im Roman heißt es an einer Stelle: „(…) das zivilisierte Leben mussten wir lernen, den Krieg verlernt man nicht, (…)“.
So ist es auch kein Zufall, dass in „Iris“ den blutigen Hexenprozessen von Salem (‚Salem witch trials‘) eine zentrale Rolle zukommt: die Autorin im Text beschäftigt sich obsessiv mit ihnen: sie haben sich Ende des 17.Jahrhunderts in ‚Neuengland‘, also im Nordosten der USA, ereignet, sind gut dokumentiert und wurden bereits mehrfach literarisch bearbeitet: „…man ging davon aus, Hexenwissen würde von einer Generation zur nächsten weitergegeben, wenn nicht gar vererbt, und sei nur durch die Hinrichtung von Mutter und Tochter auszumerzen, …“, ist in „Iris“ zu lesen.
Neben der Frage, wie der Krieg in unsere Körper kommt, ist die Frage danach, wie es gelingen könnte, das kriegerische Erbe abzustreifen, die virulenteste im Buch. Dass beides auch eine Frage der Sprache ist, eine Frage der Form mithin, daran lässt dieser zarte wie kraftvolle Text keinen Zweifel.
Das Erzählen als Instrument des Überlebens
Als eines der wichtigsten Instrumente des Überlebens und damit Überwindens von Gewalt inszeniert Laura Freudenthaler im Roman das Erzählen selbst. Vergleichbar der Figur der Scheherazade in dem Klassiker der Weltliteratur, „Tausendundeine Nacht“, in dem die Königstochter Scheherazade ihrem Vater, dem König, Geschichten erzählt, um ihn vom Töten seiner Frauen abzuhalten, bäumt sich Iris mit Hilfe des Erzählens auf gegen den eigenen Untergang, gegen die klaffenden Abgründe in ihrer Gegenwart.
Das Erzählen hält Iris lebendig, es ist ihre Art des Widerstands, auch gegen tradierte patriarchale Repressionen. Es ist kein triumphales Erzählen, das Iris betreibt, es ist vielmehr ein tastendes, ein suchendes, eines, das sich an der Mündlichkeit des Erzählens orientiert, das in Freudenthalers Werk in besonderem Maße relevant ist. Freudenthaler sagt, alle ihre Texte entstünden aus einer Suchbewegung heraus: Das zeigt sich an der Fragilität ihrer Spracharbeit, die zugleich von hoher formaler Entschiedenheit und Raffinesse ist.
Ingeborg Bachmann schreibt in ihren bekannten ‚Frankfurter Poetik-Vorlesungen‘, dass es eine Literatur braucht, die „scharf von Erkenntnis“ ist und „bitter von Sehnsucht, um an den Schlaf der Menschen rühren zu können.“ Wer Freudenthalers „Iris“ liest, wird möglicherweise schlecht schlafen, dafür hellwach durch die Tage gehen, ermuntert zu neuer Wahrnehmung und im Bewusstsein, dass Desillusionierung eine Form der Aufklärung ist.
Text: Katja Gasser, ORF.at
Neuerfindung des Antikriegsromans
In Norbert Gstreins neuem Roman „Im ersten Licht“ dreht sich alles um einen, der nie im Krieg war und doch schwer von ihm gezeichnet ist: Adrian Reiter wird im Vorfeld des Ersten Weltkriegs von seinem Vater mit einer Axt am Bein verletzt, um ihn untauglich zu machen. Der Roman ist in der Salzburger Provinz, in Wien und in England angesiedelt und umfasst ein ganzes Jahrhundert – bis hin zu dem, was als „Fall Waldheim“ in die Geschichte eingegangen ist.

Buchinfo:
Norbert Gstrein: Im ersten Licht
416 Seiten, erschienen am 17. Februar 2026
Hanser
Am Anfang des Buches steht die Beschreibung schwerer Gesichtsverletzungen aus dem Ersten Weltkrieg: Adrian, die Hauptfigur des Romans, bekommt junge Männer zu Gesicht, die, für immer vom Krieg sichtbar verunstaltet, in die Salzburger Provinz geschickt werden. Zu diesem Zeitpunkt ist er dort als Rezeptionist in einem Hotel tätig – hinkt als Folge des Axthiebs seines Vaters, weswegen er nicht eingezogen worden war.
Es sind überwiegend Burschen aus dem Wiener Bürgertum, die man in die Nähe von Salzburg verfrachtet, um nach dem Ende des Krieges den zarten Frieden nicht allzu sehr zu stören. Einen davon, Ernest Eller, erklärt seine Familie überhaupt für tot, weil sie ein offizielles Weiterleben in einem solchen Zustand für unzumutbar hält, „mit dem wilden Zickzack von Narben, die sich kreuz und quer durch sein Gesicht zogen und es in vier gegeneinander verschobene Quadranten zerlegten, der Mund wie halb ins Profil versetzt“.
Der Krieg als Zerstörungsmaschine
Romananfänge dienen dazu, die Leserschaft sowohl inhaltlich als auch formal in die Welt des Textes einzuführen. So legt es der heute 64-jährige gebürtige Österreicher, der seit vielen Jahren in Hamburg lebt und zu den wichtigsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart zählt, gleich zu Beginn von „Im ersten Licht“ bildstark dar, worum es im Folgenden gehen wird: um die mannigfaltige und dauerhafte Zerstörung der Menschen durch Gewalt, um die sichtbaren wie subkutanen Folgen von Krieg, der nicht aufhört, nur weil er zu Ende geht.
Dass sich Gstrein dabei für eine Perspektive entscheidet, die außen vor ist und zugleich doch mitten darin, nämlich Adrian, macht das ambitionierte Erzählprojekt in besonderer Weise erkenntnisfördernd. Mit ihm ist eine Figur in der Welt, die in Distanz zum Grauen und doch zutiefst involviert ist.
Schuld und Schweigen im NS-Staat
Je länger der Roman andauert – vom Beginn des 20. Jahrhunderts über den Ersten und Zweiten Weltkrieg bis hinein in die 1980er Jahre –, umso mehr Scham, umso mehr Verrat, umso mehr Lüge breitet sich im Text aus. Und es stellt sich die Frage nach der Mitverantwortung, nach der Schuld von einem, der zwar selbst in keinem Krieg war, aber viel gehört und gewusst und dennoch beharrlich geschwiegen hat, immer dringlicher.
Zumal Adrian maturiert, Englisch und Geschichte studiert und als Lehrer tätig ist, auch während der NS-Diktatur. Widerstand ist ihm fremd, Unterwürfigkeit geläufig. Mit Ende des Zweiten Weltkriegs ist Adrian 44 Jahre alt und im Roman ist von „Stillhalteabkommen“ die Rede: „ein Stillhalteabkommen, das jeder mit jedem eingehen musste, fast ausnahmslos, und er hatte nicht die geringste Ahnung, wie man jemals wieder daraus herausfinden und sich ohne diesen doppelten Blick in die Augen sehen sollte“.
Kurt Waldheim als literarische Figur?
Im zweiten von vier Teilen wird in „Im ersten Licht“ eine Figur ins Zentrum gestellt, die nahe an der Biografie Kurt Waldheims gezeichnet ist, zumindest was die Zeit während des Zweiten Weltkriegs angeht. Waldheims verschwiegene NS-Vergangenheit hat im Zuge der Bundespräsidentenwahl 1986 bekanntlich zu einem der größten politischen Skandale der Zweiten Republik geführt.
Martin Baumgartner heißt dieser Protagonist, er ist ein Schüler Adrians, einer, der über seine Begeisterung für das Heer zum Nazi wird. Dieser junge Mann vertraut sich, wenn auch auf uneindeutige Weise, seinem ehemaligen Lehrer an, erzählt ihm von „Erschießungen“, an denen er „beteiligt“ oder „dabei gewesen“ war. Der Text aber fokussiert weniger auf Baumgartner selbst als vielmehr auf das moralische Dilemma, in das Adrian durch diese Beichte gestürzt wird. Im Roman heißt es schließlich: „Er ergab sich der Wahrheit, dass er dem Ganzen nichts entgegengesetzt hatte.“
Die Feigheit und die Angst
„Im ersten Licht“ steuert auf eine Reise Adrians nach England zu. Er sucht sehnsuchtsvoll die geschichtsträchtigen Downs, die Flachlandschaft Südostenglands, auf im Wissen um die Relevanz dieser Gegend im Kampf gegen das NS-Regime.
Mit der Reise kommt ein ermordeter englischer Soldat ins Spiel, Teddy Stephen, der von den eigenen Leuten wegen angeblicher Feigheit vor dem Feind hingerichtet worden ist während des Ersten Weltkriegs – womit eines der verdrängten Lebensthemen Adrians ans Licht kommt, und damit eine Form des Nachdenkens über den Krieg im Text, die resümierenden Charakters ist: „Vielleicht war das die einzig mögliche Haltung, nicht in den Krieg zu wollen und im Grunde genommen gegen den Krieg zu sein, aber trotzdem in den Krieg zu gehen, wenn es um die gerechte Sache ging, an der natürlich alles hing.“
Kein Entkommen aus der Verantwortung
Gstrein lässt in diesem Roman, der auf motivischer wie auf dramaturgischer Ebene von hoher Kunstfertigkeit zeugt, keinen Zweifel darüber aufkommen, dass es kein Entkommen aus der Verantwortung gibt, kein Abstreifen von Schuld.

Zugleich lässt dieses Buch wie stets bei diesem Autor vieles offen, und das nicht zuletzt über die Form, das spezielle Gstrein’sche Erzählen, das immer auch ein Nachdenken darüber in sich birgt, was Wahrheit ist. Der Grad an Autoreferenzialität ist in Gstreins Texten immer ein sehr hoher: Dass das nicht als Manierismus daherkommt, liegt daran, dass Ästhetik und Ethik bei diesem Autor seit jeher eng miteinander verwoben sind.
Freude am Spiel
Dass sich Gstrein am Ende des Romans noch selbst ins Spiel bringt, indem er sich, im letzten Teil des Buches, gewissermaßen ausrichten lässt, sein Debüt „Einer“ (1988) wäre von mäßiger Relevanz, zeugt davon, dass hier, trotz aller Ernsthaftigkeit, einer am Werk ist, der Freude am Spiel hat, und dazu gehört die Bereitschaft zu Selbstironie – eine allzu seltene Gabe.
„Rührung war das Letzte, was er sich erlauben konnte“, heißt es einmal über Adrian im Roman. Es könnte sein, dass Gstrein das letzte Kapitel von „Im ersten Licht“ vorsorglich gegen die Möglichkeit der billigen Rührung und damit der allzu simplen politischen Deutung in die Welt gesetzt hat.
Text: Katja Gasser, ORF Kultur