László Krasznahorkai
ORF
László Krasznahorkai

Der Beste im Februar 2026: László Krasznahorkai

Werbung Werbung schließen

Wird Ungarn wieder zur Monarchie?

Im neuen Roman des kürzlich mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichneten László Krasznahorkai soll ein 92-jähriger Abkömmling der Arpaden-Dynastie zum König ausgerufen werden. Manches, was sich wie eine konstruierte Groteske liest, ist näher an der ungarischen Realität, als es von außen scheinen mag.

In Ungarn soll die Monarchie wiederhergestellt werden. Einen künftigen König gibt es schon: einen Abkömmling der Arpaden-Dynastie, die Ungarn von 1001 bis 1301 regiert hat; einfache Menschen vom Land haben ihn endlich entdeckt. Dieses Szenario eröffnet den neuen Roman von László Krasznahorkai. Eines der bald aufblitzenden Ironie-Signale ist, dass sich der Autor namentlich in diese ländliche Gesellschaft hineingeschrieben hat – als „Wandersänger mit Gitarre“.

Der Mann, den sie entdeckt haben, Onkel Józsi, steht bereits im 92. Lebensjahr. Es bleibt daher nicht mehr viel Zeit. Onkel Józsi freilich sieht das gelassener – schließlich kann ja auch sein Enkel den ungarischen Thron besteigen. Er selbst ist schon müde: „Ich lege kein Holz mehr nach“ lautet sein mehrfach variierter Eröffnungssatz des Romans; und das heißt: Er will nicht mehr viel von der Welt. Er ist zwar ein ganzes Leben lang mit dem Geheimnis aufgewachsen, er sei der rechtmäßige Thronanwärter, dennoch ist fraglich, „ob er überhaupt wollte, dass sie ihn entdecken“. Aber weil es nun einmal geschehen ist, muss er etwas daraus machen. Auf Seite 157 erfährt man, dass Onkel Józsi 1921 geboren worden ist, daher wird klar: Die Romanhandlung spielt in den Jahren 2012/2013.

Ein Schriftsteller minderen Formats als László Krasznahorkai hätte aus dieser Konstellation eine burleske Farce werden lassen. Doch Onkel Józsi ist ein begnadeter, aber auch widersprüchlicher Schwadroneur, der einen melancholischen Grundton entstehen lässt. Er lebt in einer hehren katholischen Vorstellungswelt, lehnt aber Viktor Orbán radikal ab und weiß über Inflation und schwierige Lebensumstände Bescheid, er kennt die Korruption und die Machtclique. Daher will er an die Macht, um Recht zu schaffen und wieder ein besseres Leben in Ungarn zu ermöglichen.

Buchcover "Zsömle ist weg"
S. Fischer

Buchinfo:
László Krasznahorkai:
Zsömle ist weg
Roman
Übersetzt von: Heike Flemming
S. Fischer

Tragik und Ironie

Seine Anhänger bereiten einen gewaltsamen Umsturz vor, doch Onkel Józsi ist entsetzt, als sie ihn in ein unterirdisches Waffenlager in Budapest führen. Doch nach einer polizeilichen Einvernahme ändert er seine Meinung und löst einen Aufstand aus. Prozesse mit drakonischen Strafen folgen, aber alles passiert im Geheimen – der Staat, der das Recht verteidigt, bricht es selbst. Onkel Józsi landet in einem psychiatrischen Krankenhaus. Wie er sich dort in die angehende Ärztin Etelka verliebt, führt noch einmal seine ganze Tragik vor. Etelka mag ihn und ermöglicht es, dass sein Hund mit dem titelgebenden Namen Zsömle (Semmel) wieder bei ihm sein kann. Und doch nimmt sein Leben kein gutes Ende. Tragik und Ironie liegen hier immer eng beieinander, die Hauptfigur ist eine Karikatur und geht einem dennoch zu Herzen. Manches, was sich wie eine konstruierte Groteske liest, ist näher an der ungarischen Realität, als es von außen scheinen mag. Die mit der Monarchie verbundenen Träume von Großungarn gegen das Trauma des Friedensvertrages von Trianon, bei dem das Land zwei Drittel seines Territoriums verlor, sind in Ungarn höchst lebendig und werden vom Orbán-Regime systematisch bedient. Die Gewaltbereitschaft rechtsextremer Kreise ist nicht zu unterschätzen; die Orbán-Partei muss sich nach außen gerade deswegen davon distanzieren, so insinuiert es der Roman, weil sie zumindest in Teilen mit ihnen sympathisiert.

Dass einen dieser Roman von Anfang bis zu seinem tragischen Ende nicht loslässt, ist wieder einmal den einmaligen Sätzen von László Krasznahorkai zu verdanken. Anders als in seinem letzten Roman „Herscht 07769“ zieht sich nicht ein einziger Satz durch das ganze Buch, sondern es sind elf Sätze – jedes Kapitel ist ein Satz. Der atemlose Sog dieser Sätze reißt einen mit, er transportiert Rede und Gegenrede, lässt direkte und indirekte Rede ineinander übergehen, wirbelt Personen und Perspektiven durcheinander, gelegentlich muss man innehalten, um die Bruchstellen zu sehen und die Satzfragmente zuordnen zu können, doch nie will man aussteigen, bevor ein Kapitel zu Ende ist. Und immer wieder ist man außer sich, was diese reißenden Satzströme alles mit sich führen. Krasznahorkai zu lesen versetzt einen in einen Ausnahmezustand, wird zu einer Ekstase. Mit seiner Literatur kann man sich in jede Tristesse begeben, ohne darin zu versinken, weil einen die dichten, musikalisch komponierten Sätze tragen.

Dass diese Sätze auch auf Deutsch so selbstverständlich fließen, ist wieder einmal der Übersetzerin Heike Flemming zu verdanken. Nur bei den eingestreuten Liedern holpert leider bisweilen der Rhythmus. Und ein deutscher Verlag begreift offenbar noch immer nicht, wie komisch es außerhalb seiner Landesgrenzen klingt, wenn ungarische Dorfbewohner einen Wein „lecker“ finden.

Diese Sätze haben viel mit Thomas Bernhard zu tun, und die Anfänge des Schreibens von László Krasznahorkai sind eng mit der Welt von Franz Kafka verbunden. Krasznahorkai hat viele Einflüsse aufgenommen – nicht zuletzt aus der Kultur und Geisteswelt von Japan, wo er etliche Jahre gelebt hat. Besonders eng ist seine Verbindung zur österreichischen Literatur, und so ist es ein Glücksfall, dass Bernhard Fetz, der Direktor des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, 2024 das gesamte Archiv von László Krasznahorkai für Wien gewinnen konnte. (Der Vorlass von Péter Nádas ist in Berlin, auch der Nachlass von Imre Kertész zum Großteil – ungarische Autoren haben kein Vertrauen zum Umgang des eigenen Landes mit ihren Materialien.) Bis 28.Juni 2026 ist im Literaturmuseum eine Ausstellung zu sehen, die Fotos, einen Video-Ausschnitt und Notizblätter zeigt, welche die Entstehung der wichtigsten Werke von Krasznahorkai nachvollziehbar machen. Die Materialien zu „Zsömle ist weg“ sind noch nicht in Wien, werden aber bald eintreffen.

László Krasznahorkai
ORF
László Krasznahorkai erhielt 2025 den Nobelpreis für Literatur

Wien ist mittlerweile neben Triest und Budapest einer der drei Lebensmittelpunkte von László Krasznahorkai, und so trat er auch zwei Wochen vor der Nachricht vom Nobelpreis im Literaturmuseum auf – damals entstand der Podcast, der in der „Schatzkammer des Wissens“ der Österreichischen Nationalbibliothek zu hören ist. Nach dem Man Booker International Prize und dem Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur ist Krasznahorkai durch den Literaturnobelpreis endgültig zum Weltautor geworden. Er selbst sah darin einen Beweis, „dass die Literatur, über die verschiedensten nicht literarischen Erwartungen hinaus, für sich besteht und dass sie weiterhin gelesen wird“. Vor 40 Jahren ist sein erster Roman „Satanstango“ erschienen, aus dem der Regisseur Béla Tarr einen Kultfilm geschaffen hat. Und László Krasznahorkai schreibt seit damals seine präzise komponierten Satz-Kaskaden, die am Rande von Katastrophen eine Kraft entstehen lassen, die ihnen standhält.

Text: Cornelius Hell, Die Presse

Link: