Bestenliste-Plakat Juli
ORF

Die besten 10 im Juli 2026

Die Jury hat aus den unzähligen Neuerscheinungen ihre Lieblingsbücher gewählt.

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Buchcover Prosopon
luftschacht

1. Anna Felnhofer (28 Punkte)

Prosopon“, luftschacht

Seit ihren literarischen Anfängen gibt Anna Felnhofer Einblicke in das Thema Psychotherapie. 2021 hat die klinische Psychologin ein viel beachtetes Debüt vorgelegt. „Schnittbild“ handelt vom intendierten Machtungleichgewicht einer jeden Beziehung zwischen Patientinnen und Therapeuten, das jedoch Schwierigkeiten, wie etwa Grenzüberschreitungen, in sich birgt. Felnhofers neuer Roman handelt von einer Wahrnehmungsstörung. Im Zentrum von „Prosopon“ steht ein Mann, der an sogenannter Prosopagnosie leidet, auch Gesichtsblindheit genannt. Betroffene können keine Gesichter wiedererkennen, in der stärksten Ausprägung auch nicht das eigene. So auch Felnhofers Protagonist, der ständig auf der Suche nach sich selbst ist. Anschaulich beschreibt Felnhofer, wie belastend die Störung nicht nur für Betroffene, sondern auch für deren soziales Umfeld sein kann. Mit „Prosopon“ legt sie einen weiteren wissenschaftlich fundierten und einfühlsamen Roman vor.

Winesburg, Ohio
Manesse

2. ex aequo: Sherwood Anderson (21 Punkte) NEU

„Winesburg, Ohio“, Manesse
Übersetzung: Eike Schönfeld

Mit „Winesburg, Ohio" ist jetzt ein Klassiker der amerikanischen Moderne in deutscher Neuübersetzung von Eike Schönfeld zu lesen. 1876 in Camden im Bundesstaat Ohio geboren, hat Sherwood Anderson 1919 mit der Veröffentlichung seiner romanartigen Sammlung an Porträts unterschiedlicher Charaktere, die im fiktiven Örtchen Winesburg leben, für einen Skandal gesorgt. Der US-amerikanische Schriftsteller blickt dabei hinter die Fassade einer kleinstädtischen Gesellschaft und thematisiert anhand vieler Figuren Themen wie außerehelichen Sex, Einsamkeit und Sehnsucht. Dennoch – oder gerade deshalb - ist das Buch zu einem Bestseller avanciert. „Eines der schönsten und melancholischsten Werke der amerikanischen Literatur“, heißt es in Daniel Kehlmanns Nachwort. Sherwood Anderson ist Autor mehrerer Kurzgeschichten, Romane und Gedichte und 1941 in Panama gestorben.

Kaputt
Reprodukt

2. ex aequo: Alison Bechdel (21 Punkte)

„Kaputt“, Reprodukt
Übersetzung: Katharina Erben

Ein bunter, offener Ort und ein Gegenstück zu dem, wozu die USA durch Präsident Donald Trump und den MAGA-Kult verkommen sind: Das ist die Gesellschaft, die Alison Bechdel in „Kaputt“ zeichnet. In den autobiografisch angelegten Comics denkt die homosexuelle Autorin über die Erderwärmung, Auswüchse des Kapitalismus und weitere existenzielle Krisen nach. Ihre Protagonistin lässt sie auf non-binäre, polyamoröse und asexuelle Charaktere treffen, die sich allesamt sozial engagieren. Jede Seite, jeder Comicstrip in „Kaputt“ ist für Bechdel wie gewohnt hochpolitisch. 1960 in Pennsylvania geboren, ist Bechdel innerhalb der US-amerikanischen literarischen Lesbenbewegung eine wichtige Stimme. Ihre vor zwanzig Jahren erschienene Graphic Novel „Fun Home“ über ihr Coming-Out und die Homosexualität ihres Vaters ist so etwas wie ein Genre-Meilenstein gewesen. Ihr aktueller Comicroman „Kaputt“ ist jetzt in deutscher Übersetzung erschienen.

Michaela Kohlhaas
Suhrkamp

4. Heike Geißler (20 Punkte) NEU

„Michaela Kohlhaas“, Suhrkamp

Eine der wohl bekanntesten Figuren der Literaturgeschichte wird in Heike Geißlers neuem Roman zur ostdeutschen Frau: Die Leipziger Schriftstellerin holt Heinrich von Kleists berühmte Novelle ins Jetzt und stellt eine kinderlose Frau - „Michaela Kohlhaas“ – ins Zentrum. Überarbeitet und von ihrem sozialen Umfeld enttäuscht, gibt die Friedhofsgärtnerin ihren Job auf und lässt die Gesellschaft hinter sich. Während Kleists Novelle von einem zunächst rechtschaffenen Menschen handelt, der sich mehr und mehr radikalisiert, erzählt Geißler von einer Frau, die auf ihre Enttäuschung nicht mit Gewalt, sondern mit Rückzug reagiert. Es ist nicht das erste kapitalismuskritische Werk, das Geißler vorlegt. Prekäre Arbeitsverhältnisse und der ständige gesellschaftliche Optimierungswahn sind die zentralen Themen der 1977 im sächsischen Riesa geborenen Schriftstellerin.

Buchcover Königin der Nacht
Rowohlt

5. Lukas Bärfuss (19 Punkte) NEU

„Königin der Nacht“, Rowohlt

Der vielfach ausgezeichnete Schweizer Schriftsteller legt mit seinem neuen Roman ein weiteres höchstpersönliches Buch vor. In „Königin der Nacht“ widmet sich Lukas Bärfuss seiner Mutter. Schonungslos schreibt er über eine empathielose Frau, die sich nicht um ihren Sohn – den jungen Bärfuss- kümmert. Ausgangspunkt des autobiografischen Romans ist der Tod der Mutter, die verarmt in der Dominikanischen Republik gestorben ist. Bärfuss schildert anhand seines Einzelschicksals eine Gesellschaft, die alleinerziehende Mütter vor Hürden stellt. Mit „Königin der Nacht“ legt Bärfuss einen herausfordernden Roman vor, der sich dennoch versöhnlich liest. Tod und Suizid sowie gewaltvolle und kriminelle Milieus zählen zu den zentralen literarischen Themen des Büchner-Preisträgers.  

Buchcover Bruchlinien
Kremayr & Scheriau

6. Gernot Rainer (14 Punkte) NEU

„Bruchlinien“, Kremayr & Scheriau

Mit „Kampf der Klassenmedizin“ hat Rainer bereits ein viel beachtetes Sachbuch vorgelegt, jetzt veröffentlicht der in Klagenfurt geborene Lungenfacharzt seinen Debütroman. „Bruchlinien“ handelt vom gesellschaftlichen Umgang mit der Corona-Pandemie. Rainer begleitet darin mehrere Protagonisten und Protagonistinnen während der beispiellosen Krise der jüngsten Vergangenheit und beschreibt anhand ihrer Geschichten das Konfliktpotenzial, das der jeweilige Umgang mit der Pandemie mit sich gebracht hat – selbst im kleinsten Kreis der Familie. Rainer zeigt in seinem Roman, dass viele Brüche der damaligen Zeit bis heute nachwirken. Neben seiner literarischen Tätigkeit betreibt Rainer eine Wahlarztordination in Wien. Immer wieder übt er Kritik am heimischen Gesundheitssystem und dessen Fokus auf Effizienzsteigerung, der dazu führt, dass Patientinnen und Patienten mehr und mehr auf der Strecke bleiben.

Marmor
Suhrkamp

7. Judith Schalansky (13 Punkte)

„Marmor, Quecksilber, Nebel“, Suhrkamp

Mit „Marmor, Quecksilber, Nebel“ begibt sich Judith Schalansky auf eine Spurensuche nach dem titelgebenden Gestein, dem Schwermetall und dem Wetterphänomen, und vielmehr noch auf die Suche nach dem, „woraus wir gemacht sind“. Ihren dreiteiligen Essay nennt die deutsche Schriftstellerin selbst eine „Buchexpedition“. Sie beginnt auf einer Fähre in Griechenland und führt in die Kunst- und Kulturgeschichte ebenso, wie in die Wissenschaft und Philosophie. Auch persönlich Erlebtes findet sich in Schalanskys neuem Buch, etwa Kindheitserfahrungen in der DDR. Und wie immer geht es auch in diesen Texten - der Verschriftlichung ihrer Frankfurter Poetikvorlesungen – um Schalanskys beeindruckendes Verständnis von Literatur. Die 1980 in Greifswald geborene Autorin ist vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Christine Lavant-Preis, und hat sich auch als Herausgeberin der erfolgreichen Buchreihe „Naturkunden“ einen Namen gemacht.

Schokoladenblut
Hoffmann & Campe

8. ex aequo: Radka Denemarková (12 Punkte) NEU

Schokoladenblut“, Hoffmann & Campe
Übersetzung: Eva Profousová

10 Jahre lang hat Radka Denemarková an „Schokoladenblut“ gearbeitet. Der neue Roman der tschechischen Autorin handelt von den großen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts. Denemarková zeigt anschaulich, wie der damals aufkeimende Nationalismus, die Emanzipationsbewegungen und der Ausbeutungskapitalismus unsere Gegenwart bis heute beeinflussen. Für ihren historischen Roman hat die Autorin und Übersetzerin eine unkonventionelle Erzählform gewählt: Sie verwebt die Biografien der tschechischen Nationaldichterin Bozena Nemcova, der französischen Frauenrechtlerin George Sand und des amerikanischen Ölmagnats John D. Rockefeller zu einem lautmalerischen Sprachkunstwerk mit eigenwilliger Syntax. Radka Denemarková gilt als „Grande Dame“ der tschechischen Gegenwartsliteratur. Ihre Bücher wurden in 25 Sprachen übersetzt und setzen sich stets literarisch hochwertig mit totalitären und patriarchalen Systemen auseinander. Für ihre kritische Beschäftigung mit China wurde Denemarková 2017 mit einem lebenslangen Einreiseverbot belegt.

Buchcover "Hauch"
Jung und Jung

8. ex aequo: Xaver Bayer (12 Punkte)

Hauch“, Jung und Jung

Mit „Hauch“ legt Xaver Bayer einen neuen Roman vor - in Briefform. Die handelnden Figuren sind der Autor Veit, der auf einem Bauernhof lebt, und die Übersetzerin Dora, die ihre Briefe aus dem städtischen Wohnsitz verschickt. Beide beschließen einander ein Jahr lang nicht zu treffen und ausschließlich über Nachrichten zu kommunizieren. Während sie sich zunehmend voneinander entfernen – nicht nur örtlich - verbindet sie das Bedürfnis, sich aus der Welt zurückzuziehen. Anhand der Briefe seiner beiden Figuren wirft Bayer Fragen zu den Krisen der Gegenwart auf. „Die Welt in allen Facetten“ sei sein Thema, so Bayer, und das wird auch in seinem neuesten Roman deutlich. 1977 geboren, lebt Bayer als freier Schriftsteller in Wien. Vielfach ausgezeichnet wurde er für seine Romane, Erzählungen und Theaterstücke. Für den Erzählband „Geschichten mit Marianne“ hat er 2020 den Österreichischen Buchpreis erhalten. Er gilt als einer der wichtigsten und eigensinnigsten Schriftsteller der heimischen Gegenwartsliteratur.

Lärm
Haymon

10. Christoph W. Bauer (11 Punkte)

„Lärm“, Haymon

Er wird zunehmend zur Belastung in Großstädten, seine gesundheitlichen Folgen werden oft unterschätzt: Baustellenlärm. Christoph W. Bauer hat dieser zu seiner neuen Novelle inspiriert. Für den Protagonisten in „Lärm“ wird die einer Großbaustelle geschuldeten Geräuschkulisse in seiner Heimatstadt Innsbruck nicht nur zur Belastung, sondern wird zum Anlass nach den Baustellen in sich selbst Ausschau zu halten. Nicht nur Versäumnisse in der eigenen Vergangenheit, sondern auch die unserer Gesellschaft beginnen ihn umzutreiben. Bauers neues Buch ist ein Plädoyer fürs Innehalten und für genaues Hinhören. Christoph W. Bauer ist 1968 in Kärnten geboren und lebt seit vielen Jahren in Innsbruck. Für seine Gedichte, Prosa, Essays, Hörspiele und Übersetzungen wurde er vielfach ausgezeichnet.

 

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