ORF-Bestenliste Juni
ORF

Die besten 10 im Juni 2026

Die Jury hat aus den unzähligen Neuerscheinungen ihre Lieblingsbücher gewählt.

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Buchcover Prosopon
luftschacht

1. Anna Felnhofer (28 Punkte)

Prosopon“, luftschacht

Seit ihren literarischen Anfängen gibt Anna Felnhofer Einblicke in das Thema Psychotherapie. 2021 hat die klinische Psychologin ein viel beachtetes Debüt vorgelegt. „Schnittbild“ handelt vom intendierten Machtungleichgewicht einer jeden Beziehung zwischen Patientinnen und Therapeuten, das jedoch Schwierigkeiten, wie etwa Grenzüberschreitungen, in sich birgt. Felnhofers neuer Roman handelt von einer Wahrnehmungsstörung. Im Zentrum von „Prosopon“ steht ein Mann, der an sogenannter Prosopagnosie leidet, auch Gesichtsblindheit genannt. Betroffene können keine Gesichter wiedererkennen, in der stärksten Ausprägung auch nicht das eigene. So auch Felnhofers Protagonist, der ständig auf der Suche nach sich selbst ist. Anschaulich beschreibt Felnhofer, wie belastend die Störung nicht nur für Betroffene, sondern auch für deren soziales Umfeld sein kann. Mit „Prosopon“ legt sie einen weiteren wissenschaftlich fundierten und einfühlsamen Roman vor.

Josef Winkler: Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht
Suhrkamp

2. ex aequo: Josef Winkler (27 Punkte)

„Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“, Suhrkamp

Seit seinen literarischen Anfängen setzt sich Josef Winkler mit seiner bäuerlichen Herkunft und der Sprachlosigkeit innerhalb der Dorfgemeinschaft auseinander. Die Werke des 73-jährigen Büchnerpreisträgers erzählen von seiner Kärntner Heimat im Schatten der NS-Vergangenheit, geprägt von einem allgegenwärtigen Katholizismus, sowie gewaltvollen, patriarchalen Strukturen. Sein neuer Roman ist in Winklers Heimatdorf Kamering im Drautal verortet. Winkler schreibt in „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“ über seine Schwester Maria, die während ihrer letzten Lebensjahre in einem psychiatrischen Pflegeheim untergebracht war. Erneut zeigt Winkler wie existenziell das Schreiben für ihn ist, will er seine Schwester damit doch vor dem Vergessenwerden bewahren. Der Roman handelt nicht zuletzt auch von einer Rollenverschiebung: von der älteren Schwester, die sich einst um den fünf Jahre jüngeren „Seppl“ genannten Ich-Erzähler gekümmert hat, hin zu Josef, der für seine seelisch geplagte, von mehreren Selbstmordversuchen gezeichnete Schwester sorgt. Fragmentiert erzählt zeugt „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“ von der tiefen Verbundenheit Josef Winklers zu seiner verstorbenen Schwester.

Marmor
Suhrkamp

2. ex aequo: Judith Schalansky (27 Punkte) NEU

„Marmor, Quecksilber, Nebel“, Suhrkamp

Mit „Marmor, Quecksilber, Nebel“ begibt sich Judith Schalansky auf eine Spurensuche nach dem titelgebenden Gestein, dem Schwermetall und dem Wetterphänomen, und vielmehr noch auf die Suche nach dem, „woraus wir gemacht sind“. Ihren dreiteiligen Essay nennt die deutsche Schriftstellerin selbst eine „Buchexpedition“. Sie beginnt auf einer Fähre in Griechenland und führt in die Kunst- und Kulturgeschichte ebenso, wie in die Wissenschaft und Philosophie. Auch persönlich Erlebtes findet sich in Schalanskys neuem Buch, etwa Kindheitserfahrungen in der DDR. Und wie immer geht es auch in diesen Texten - der Verschriftlichung ihrer Frankfurter Poetikvorlesungen – um Schalanskys beeindruckendes Verständnis von Literatur. Die 1980 in Greifswald geborene Autorin ist vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Christine Lavant-Preis, und hat sich auch als Herausgeberin der erfolgreichen Buchreihe „Naturkunden“ einen Namen gemacht.

Birgit Birnbacher: Sie wollen uns erzählen
Zsolnay

4. Birgit Birnbacher (24 Punkte)

Sie wollen uns erzählen“, Zsolnay

Literatur ist für Birgit Birnbacher keine Sozialarbeit, und doch ist ihr Interesse an sozialer Ungleichheit in jedem ihrer Werke spürbar. Die 1985 in Salzburg geborene Soziologin gilt als eine der wichtigsten Stimmen der österreichischen Literatur. Der neue, vierte Roman der Bachmann-Preisträgerin stellt einen neunjährigen Jungen mit einer neurobiologischen Störung ins Zentrum. „Sie wollen uns erzählen“ führt in die Gedankenwelt eines jungen Burschen mit ADHS, dessen Mutter sich ebenfalls im neurodivergenten Spektrum befindet. Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung wird gegenwärtig vor allem in den sozialen Medien häufig thematisiert, dennoch stoßen Betroffene nach wie vor auf viele Vorurteile. Berührend macht Birnbacher die intensive Gefühlswelt ihres jungen Protagonisten nachvollziehbar und erzählt vom gesellschaftlichen Umgang mit Menschen, die nicht einer vermeintlichen Norm entsprechen.

Verena Stauffer: Strahlen
Frankfurter Verlagsanstalt

5. Verena Stauffer (18 Punkte)

Strahlen“, Frankfurter Verlagsanstalt

Mit „Kiki Beach“, einer Sammlung von Liebesgedichten, hat Verena Stauffer im Juni 2025 den ersten Platz der ORF-Bestenliste erreicht und ist auf der Shortlist des Österreichischen Buchpreises gelandet. Um Beziehungen geht es auch im neuen Roman der 1978 im oberösterreichischen Kirchdorf an der Krems geborenen Lyrikerin, Autorin und Essayistin. „Strahlen“ handelt von einer Wiener Malerin, die sich nach einer Trennung in einer Schaffenskrise befindet. Die Protagonistin trifft auf vier Männer, mit denen sie Beziehungen eingeht, obwohl jeder für sich gefährliche Verhaltensweisen an den Tag legt. Stauffers Text erzählt von toxischen Beziehungen, führt über Wien nach New York bis in den Iran und verhandelt neben zwischenmenschlichen auch politische und religiöse Fragen. Es ist ein weiterer Text, mit dem sich Stauffer als vielseitige Autorin beweist, wie sie es auch mit ihren bisherigen Veröffentlichungen getan hat – mit ihrem Romandebüt, dem historischen Roman „Orchis“ (2018), oder mit „Geschlossene Gesellschaft“ (2021), einem als Tagebuch angelegten Text und literarischen Zeitdokument der Corona-Pandemie.

Kaputt
Reprodukt

6. Alison Bechdel (14 Punkte) NEU

„Kaputt“, Reprodukt
Übersetzung: Katharina Erben

Ein bunter, offener Ort und ein Gegenstück zu dem, wozu die USA durch Präsident Donald Trump und den MAGA-Kult verkommen sind: Das ist die Gesellschaft, die Alison Bechdel in „Kaputt“ zeichnet. In den autobiografisch angelegten Comics denkt die homosexuelle Autorin über die Erderwärmung, Auswüchse des Kapitalismus und weitere existenzielle Krisen nach. Ihre Protagonistin lässt sie auf non-binäre, polyamoröse und asexuelle Charaktere treffen, die sich allesamt sozial engagieren. Jede Seite, jeder Comicstrip in „Kaputt“ ist für Bechdel wie gewohnt hochpolitisch. 1960 in Pennsylvania geboren, ist Bechdel innerhalb der US-amerikanischen literarischen Lesbenbewegung eine wichtige Stimme. Ihre vor zwanzig Jahren erschienene Graphic Novel „Fun Home“ über ihr Coming-Out und die Homosexualität ihres Vaters ist so etwas wie ein Genre-Meilenstein gewesen. Ihr aktueller Comicroman „Kaputt“ ist jetzt in deutscher Übersetzung erschienen.

Die Flucht der Bärin
Suhrkamp

7. ex aequo: Joanna Bator (13 Punkte) NEU

„Die Flucht der Bärin“, Suhrkamp
Übersetzung: Lisa Palmes

Nach ihrer hochgelobten Familiensaga „Bitternis“ ist mit „Die Flucht der Bärin“ jetzt der jüngste Erzählband Joanna Bators auf Deutsch erschienen. Immer schon sind es benachteiligte und widerständige Frauen gewesen, die die polnische Schriftstellerin interessieren. So stehen auch jetzt verschiedene Frauenfiguren des gegenwärtigen Polens im Zentrum ihrer Erzählungen. Die Protagonistinnen der einzelnen Geschichten sind miteinander verbunden und doch können die sechzehn Texte für sich stehend gelesen werden. Da ist etwa eine demente Frau, die nicht mehr leben will, oder eine kinderlose Frau, die wortlos von ihrem Mann verlassen wird. Joanna Bator spürt einmal mehr das Unheimliche im Alltäglichen und die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum auf. Sie gilt als eine der großen Erzählerinnen der Gegenwart. Ihre Bücher sind vielfach übersetzt und Bestseller sowie preisgekrönt, zuletzt mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur.

Slobodan Šnajder: Engel des Verschwindens
Zsolnay

7. ex aequo: Slobodan Šnajder (13 Punkte)

Engel des Verschwindens“, Zsolnay
Übersetzung: Matthias Jacob, Rebekka Zeinzinger

Ein Mietshaus in Zagreb ist der Schauplatz und ungewöhnliche Erzähler in Slobodan Šnajders neuem Roman. Die Handlung von „Engel des Verschwindens“ setzt im Jahr 1941 an, am Beginn der deutschen Okkupation. Anhand seiner Protagonisten, den Bewohnenden des mehrstöckigen Hauses, schildert Šnajder die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts, von der NS-Zeit bis zum Zerfall Jugoslawiens, und spannt sie bis in die Gegenwart. Der renommierte kroatische Theatermacher und Schriftsteller verbindet die Historie mit den Schicksalen einzelner Serben, Kroaten, Ustascha, Kommunisten, Opfern und Tätern. Mit „Engel des Verschwindens“ legt Šnajder ein umfangreiches Epochendrama mit zahlreichen plastischen Figuren vor. Geboren 1948 in Zagreb, ist Šnajder durch sein Stück „Der kroatische Faust“ international bekannt und als erster kroatischer Dramatiker am Wiener Burgtheater aufgeführt worden. Bereits in seinem Roman „Die Reparatur der Welt“ (2019) hat er sich den Extremen des 20. Jahrhunderts gewidmet, ebenfalls aus ungewöhnlicher Perspektive: aus der eines Ungeborenen.

Transkription
Suhrkamp

9. Ben Lerner (10 Punkte) NEU

„Transkription“, Suhrkamp
Übersetzung: Nikolaus Stingl

Es ist eine Angst, die wohl nur eine bestimmte Generation als existenziell empfindet: Im Zentrum von Ben Lerners neuem Roman steht Max, der offline leben muss, nachdem ihm sein Smartphone ins Waschbecken gefallen ist. Nichts zu fotografieren, nicht andauernd Nachrichten zu schreiben und sich ohne technologische Hilfe durchs Leben navigieren zu müssen, versetzt ihn in Unruhe. Vergegenwärtigt wird ihm die eigene Abhängigkeit durch ein Aufeinandertreffen mit seinem ehemaligen Mentor, einem 90 Jahre alten Philologen, der weitgehend analog lebt. In drei Episoden erzählt Lerner neben der Durchdringung unseres Alltags durch Technologien auch von Vaterschaft und Erinnerungskultur. Zudem legt er mit „Transkription“ eine Verneigung vor Alexander Kluge vor. Vielfach ausgezeichnet gilt der 1979 in Kansas geborene, US-amerikanische Lyriker, Romanautor und Essayist als eine der angesehensten literarischen Stimmen seiner Generation.

Lärm
Haymon

10. Christoph W. Bauer (9 Punkte)

„Lärm“, Haymon

Er wird zunehmend zur Belastung in Großstädten, seine gesundheitlichen Folgen werden oft unterschätzt: Baustellenlärm. Christoph W. Bauer hat dieser zu seiner neuen Novelle inspiriert. Für den Protagonisten in „Lärm“ wird die einer Großbaustelle geschuldeten Geräuschkulisse in seiner Heimatstadt Innsbruck nicht nur zur Belastung, sondern wird zum Anlass nach den Baustellen in sich selbst Ausschau zu halten. Nicht nur Versäumnisse in der eigenen Vergangenheit, sondern auch die unserer Gesellschaft beginnen ihn umzutreiben. Bauers neues Buch ist ein Plädoyer fürs Innehalten und für genaues Hinhören. Christoph W. Bauer ist 1968 in Kärnten geboren und lebt seit vielen Jahren in Innsbruck. Für seine Gedichte, Prosa, Essays, Hörspiele und Übersetzungen wurde er vielfach ausgezeichnet.

 

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