
Die besten 10 im Mai 2026

1. Birgit Birnbacher (51 Punkte)
„Sie wollen uns erzählen“, Zsolnay
Literatur ist für Birgit Birnbacher keine Sozialarbeit, und doch ist ihr Interesse an sozialer Ungleichheit in jedem ihrer Werke spürbar. Die 1985 in Salzburg geborene Soziologin gilt als eine der wichtigsten Stimmen der österreichischen Literatur. Der neue, vierte Roman der Bachmann-Preisträgerin stellt einen neunjährigen Jungen mit einer neurobiologischen Störung ins Zentrum. „Sie wollen uns erzählen“ führt in die Gedankenwelt eines jungen Burschen mit ADHS, dessen Mutter sich ebenfalls im neurodivergenten Spektrum befindet. Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung wird gegenwärtig vor allem in den sozialen Medien häufig thematisiert, dennoch stoßen Betroffene nach wie vor auf viele Vorurteile. Berührend macht Birnbacher die intensive Gefühlswelt ihres jungen Protagonisten nachvollziehbar und erzählt vom gesellschaftlichen Umgang mit Menschen, die nicht einer vermeintlichen Norm entsprechen.

2. Norbert Gstrein (45 Punkte)
„Im ersten Licht“, Hanser
Der in Tirol geborene und in Hamburg lebende Schriftsteller Norbert Gstrein zählt zu den bedeutendsten Erzählern der deutschsprachigen Gegenwart. In seinem neuen Roman „Im ersten Licht“, der im Salzkammergut angesiedelt ist, blickt er auf das 20. Jahrhundert zurück: auf die beiden Weltkriege, gesehen aus Nähe und Distanz, im Umfeld von Versehrten, Zeugen und Tätern. Die Hauptfigur in Norbert Gstreins Roman ist Adrian, der vom eigenen Vater mit Gewalt kriegsuntauglich geschlagen wird, was ihn für immer zeichnet. Im Salzkammergut hilft Adrian in einer Villa, in der Versehrte des Ersten Weltkriegs untergebracht sind – entstellte Körper, verlorene Gesichter – und wird so zum Zeugen dessen, was der Krieg aus Menschen macht. Später wird er Geschichtslehrer, einer, der im Unterricht nie bis zum Zweiten Weltkrieg kommt, wie es im Buch heißt. Gstreins Hauptfigur ist ein Mitläufer: früh über die Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs im Osten informiert, entscheidet er sich dennoch für das Schweigen, Widerstand bleibt ihm fremd.
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3. Josef Winkler (37 Punkte)
„Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“, Suhrkamp
Seit seinen literarischen Anfängen setzt sich Josef Winkler mit seiner bäuerlichen Herkunft und der Sprachlosigkeit innerhalb der Dorfgemeinschaft auseinander. Die Werke des 73-jährigen Büchnerpreisträgers erzählen von seiner Kärntner Heimat im Schatten der NS-Vergangenheit, geprägt von einem allgegenwärtigen Katholizismus, sowie gewaltvollen, patriarchalen Strukturen. Sein neuer Roman ist in Winklers Heimatdorf Kamering im Drautal verortet. Winkler schreibt in „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“ über seine Schwester Maria, die während ihrer letzten Lebensjahre in einem psychiatrischen Pflegeheim untergebracht war. Erneut zeigt Winkler wie existenziell das Schreiben für ihn ist, will er seine Schwester damit doch vor dem Vergessenwerden bewahren. Der Roman handelt nicht zuletzt auch von einer Rollenverschiebung: von der älteren Schwester, die sich einst um den fünf Jahre jüngeren „Seppl“ genannten Ich-Erzähler gekümmert hat, hin zu Josef, der für seine seelisch geplagte, von mehreren Selbstmordversuchen gezeichnete Schwester sorgt. Fragmentiert erzählt zeugt „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“ von der tiefen Verbundenheit Josef Winklers zu seiner verstorbenen Schwester.

4. Xaver Bayer (30 Punkte) NEU
„Hauch“, Jung und Jung
Mit „Hauch“ legt Xaver Bayer einen neuen Roman vor - in Briefform. Die handelnden Figuren sind der Autor Veit, der auf einem Bauernhof lebt, und die Übersetzerin Dora, die ihre Briefe aus dem städtischen Wohnsitz verschickt. Beide beschließen einander ein Jahr lang nicht zu treffen und ausschließlich über Nachrichten zu kommunizieren. Während sie sich zunehmend voneinander entfernen – nicht nur örtlich - verbindet sie das Bedürfnis, sich aus der Welt zurückzuziehen. Anhand der Briefe seiner beiden Figuren wirft Bayer Fragen zu den Krisen der Gegenwart auf. „Die Welt in allen Facetten“ sei sein Thema, so Bayer, und das wird auch in seinem neuesten Roman deutlich. 1977 geboren, lebt Bayer als freier Schriftsteller in Wien. Vielfach ausgezeichnet wurde er für seine Romane, Erzählungen und Theaterstücke. Für den Erzählband „Geschichten mit Marianne“ hat er 2020 den Österreichischen Buchpreis erhalten. Er gilt als einer der wichtigsten und eigensinnigsten Schriftsteller der heimischen Gegenwartsliteratur.

5. Verena Stauffer (29 Punkte)
„Strahlen“, Frankfurter Verlagsanstalt
Mit „Kiki Beach“, einer Sammlung von Liebesgedichten, hat Verena Stauffer im Juni 2025 den ersten Platz der ORF-Bestenliste erreicht und ist auf der Shortlist des Österreichischen Buchpreises gelandet. Um Beziehungen geht es auch im neuen Roman der 1978 im oberösterreichischen Kirchdorf an der Krems geborenen Lyrikerin, Autorin und Essayistin. „Strahlen“ handelt von einer Wiener Malerin, die sich nach einer Trennung in einer Schaffenskrise befindet. Die Protagonistin trifft auf vier Männer, mit denen sie Beziehungen eingeht, obwohl jeder für sich gefährliche Verhaltensweisen an den Tag legt. Stauffers Text erzählt von toxischen Beziehungen, führt über Wien nach New York bis in den Iran und verhandelt neben zwischenmenschlichen auch politische und religiöse Fragen. Es ist ein weiterer Text, mit dem sich Stauffer als vielseitige Autorin beweist, wie sie es auch mit ihren bisherigen Veröffentlichungen getan hat – mit ihrem Romandebüt, dem historischen Roman „Orchis“ (2018), oder mit „Geschlossene Gesellschaft“ (2021), einem als Tagebuch angelegten Text und literarischen Zeitdokument der Corona-Pandemie.

6. Siri Hustvedt (28 Punkte)
„Ghost Stories“, Rowohlt
Übersetzung: Uli Aumüller, Grete Osterwald
43 gemeinsame Jahre verbinden Siri Hustvedt mit Paul Auster. In „Ghost Stories“ beschreibt die US-amerikanische Schriftstellerin die Beziehung zu dem 2024 verstorbenen Kult-Schriftsteller und denkt schreibend darüber nach, wie ein Leben nach dem Verlust ihres Lebensmenschen möglich sein kann. Austers Berührungen, Ideen und Humor seien jetzt ein Teil von ihr, schreibt Hustvedt. Er würde in Form von Gesten, Witzen und Wahrnehmungen in ihr weiterleben – und sie sei selbst gleichzeitig durch ihre Worte, Bücher und Humor von Auster mit ins Grab genommen worden. Mit ihrem Roman „Was ich liebte“ (2003) ist der 1955 in Minnesota geborenen Schriftstellerin der internationale Durchbruch gelungen. Hustvedt landet mit ihren Texten auf sämtlichen Bestsellerlisten, zählt zu den wichtigsten Stimmen der amerikanischen Gegenwartsliteratur und ist profilierte Essayistin. „Ghost Stories“ ist ein berührender und zutiefst liebevoller Einblick in das gemeinsame Leben des legendären New Yorker Autorenpaares.

7. Laura Freudenthaler (21 Punkte)
„Iris“, Jung und Jung
Laura Freudenthaler gehört seit ihrem Debüt „Der Schädel von Madeleine“ (2014) zu den eigensinnigsten Autorinnen im deutschsprachigen Raum. Die aus Salzburg stammende, heute 42-jährige Schriftstellerin lebt und schreibt in Wien, wurde inzwischen mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Anton-Wildgans-Preis. Ihr neuer Roman „Iris“ ist eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie man von einer krisengebeutelten Gegenwart auf literarisch gültige Weise erzählen kann. Die titelgebende Hauptfigur ist Schriftstellerin. Sie führt ein prekäres und unstetes Leben, in dem zwischenmenschliche Beziehungen Spiegel und zugleich Hoffnung der Zeit sind, in der sie lebt. Den allgegenwärtigen Zerfallserscheinungen hält sie das Erzählen entgegen: eine moderne Scheherazade.
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8. Christoph W. Bauer (17 Punkte) NEU
„Lärm“, Haymon
Er wird zunehmend zur Belastung in Großstädten, seine gesundheitlichen Folgen werden oft unterschätzt: Baustellenlärm. Christoph W. Bauer hat dieser zu seiner neuen Novelle inspiriert. Für den Protagonisten in „Lärm“ wird die einer Großbaustelle geschuldeten Geräuschkulisse in seiner Heimatstadt Innsbruck nicht nur zur Belastung, sondern wird zum Anlass nach den Baustellen in sich selbst Ausschau zu halten. Nicht nur Versäumnisse in der eigenen Vergangenheit, sondern auch die unserer Gesellschaft beginnen ihn umzutreiben. Bauers neues Buch ist ein Plädoyer fürs Innehalten und für genaues Hinhören. Christoph W. Bauer ist 1968 in Kärnten geboren und lebt seit vielen Jahren in Innsbruck. Für seine Gedichte, Prosa, Essays, Hörspiele und Übersetzungen wurde er vielfach ausgezeichnet.

9. Slobodan Šnajder (15 Punkte)
„Engel des Verschwindens“, Zsolnay
Übersetzung: Matthias Jacob, Rebekka Zeinzinger
Ein Mietshaus in Zagreb ist der Schauplatz und ungewöhnliche Erzähler in Slobodan Šnajders neuem Roman. Die Handlung von „Engel des Verschwindens“ setzt im Jahr 1941 an, am Beginn der deutschen Okkupation. Anhand seiner Protagonisten, den Bewohnenden des mehrstöckigen Hauses, schildert Šnajder die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts, von der NS-Zeit bis zum Zerfall Jugoslawiens, und spannt sie bis in die Gegenwart. Der renommierte kroatische Theatermacher und Schriftsteller verbindet die Historie mit den Schicksalen einzelner Serben, Kroaten, Ustascha, Kommunisten, Opfern und Tätern. Mit „Engel des Verschwindens“ legt Šnajder ein umfangreiches Epochendrama mit zahlreichen plastischen Figuren vor. Geboren 1948 in Zagreb, ist Šnajder durch sein Stück „Der kroatische Faust“ international bekannt und als erster kroatischer Dramatiker am Wiener Burgtheater aufgeführt worden. Bereits in seinem Roman „Die Reparatur der Welt“ (2019) hat er sich den Extremen des 20. Jahrhunderts gewidmet, ebenfalls aus ungewöhnlicher Perspektive: aus der eines Ungeborenen.

10. ex aequo: Anna Felnhofer (13 Punkte) NEU
„Prosopon“, luftschacht
Seit ihren literarischen Anfängen gibt Anna Felnhofer Einblicke in das Thema Psychotherapie. 2021 hat die klinische Psychologin ein viel beachtetes Debüt vorgelegt. „Schnittbilder“ handelt vom intendierten Machtungleichgewicht einer jeden Beziehung zwischen Patientinnen und Therapeuten, das jedoch Schwierigkeiten, wie etwa Grenzüberschreitungen, in sich birgt. Felnhofers neuer Roman handelt von einer Wahrnehmungsstörung. Im Zentrum von „Prosopon“ steht ein Mann, der an sogenannter Prosopagnosie leidet, auch Gesichtsblindheit genannt. Betroffene können keine Gesichter wiedererkennen, in der stärksten Ausprägung auch nicht das eigene. So auch Felnhofers Protagonist, der ständig auf der Suche nach sich selbst ist. Anschaulich beschreibt Felnhofer, wie belastend die Störung nicht nur für Betroffene, sondern auch für deren soziales Umfeld sein kann. Mit „Prosopon“ legt sie einen weiteren wissenschaftlich fundierten und einfühlsamen Roman vor.

10. ex aequo: Yevgeniy Breyger (13 Punkte)
„hallo niemand“, Suhrkamp
Gedichte sieht Yevgeniy Breyger als zeitgeschichtliche Dokumente. Deutlich spürbar war das schon in seinem zuletzt erschienenen Gedichtband. Für „Frieden ohne Krieg“ (2023) wurde er mehrfach ausgezeichnet, etwa mit dem Christine-Lavant-Preis. Breyger, geboren 1989 in Charkiw, ist im Alter von zehn Jahren nach Deutschland gekommen. Heute lebt er in Wien, ist als Übersetzer und Herausgeber tätig und lehrt am Institut für Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Mit seinem neuen Buch präsentiert er einen surrealen Roadtrip von Österreich nach Deutschland in Form eines Langgedichts in vierzehn Teilen. „hallo niemand“ liest sich streckenweise fantastisch, fast schon rauschartig, und durch und durch politisch. Gregor Gysi taucht darin ebenso auf wie Friedrich März und Alice Weidel. Umgangssprachlich und in gereimten Vierzeilern legt Breyger eine Politsatire in Zeiten multipler Kriegsherde vor.