ORF-Bestenliste Plakat Februar
ORF

Die besten 10 im Februar 2026

Die Jury hat aus den unzähligen Neuerscheinungen ihre Lieblingsbücher gewählt.

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Buchcover "Zsömle ist weg"
S. Fischer

1. László Krasznahorkai (47 Punkte)

„Zsömle ist weg“, S. Fischer
Übersetzung: Heike Flemming

Während die Entscheidung der Schwedischen Akademie für den Literaturnobelpreisträger verlässlich für Diskussionen sorgt, herrschte im Feuilleton hinsichtlich des diesjährigen Preisträgers, des Ungarn László Krasznahorkai, ungewohnte Einigkeit. Schließlich ist Krasznahorkais Status als einer der großen europäischen Literaten unserer Zeit schon seit einigen Jahren unbestritten. Sein Werk ist voller Düsternis und Melancholie, zugleich spielt darin Schönheit eine zentrale Rolle: Das gilt für seinen Debütroman „Satanstango“ ebenso wie für seinen neuen Roman „Zsömle ist weg“. Alles dreht sich darin um Onkel Józsi, einen 91 Jahre alten Ungarn, der seit Jahrzehnten in großer Zurückgezogenheit lebt. Er ist der direkte Nachkomme eines alten ungarischen Adelsgeschlechts und hätte sogar Anspruch auf den ungarischen Königsthron – doch Jószi hat schon vor langer Zeit beschlossen, sich aus dem politischen Tagesgeschäft gänzlich rauszuhalten. Ohne sein Wissen hat sich jedoch im Laufe der Jahre eine große Gefolgschaft an Monarchisten und sonstigen konservativen Stimmen gebildet, die das Königreich Ungarn wiederherstellen und so dem Land zu seinem alten Glanz zurückhelfen wollen. An der Spitze dieses neuen alten ungarischen Reichs sehen sie ausgerechnet den alten Onkel Józsi – und so klopfen die Monarchisten eines Tages an Józsis Tür, um ihn für ihren Plan zu gewinnen. Ein ebenso witziger wie scharfsinniger Roman über Ungarns konservative Wende.

Buchcover "Die Aussiedlung"
Suhrkamp

2. ex aequo: András Visky (32 Punkte)

Die Aussiedlung“, Suhrkamp
Übersetzung: Timea Tankó

András Visky gilt als einer der bedeutendsten Dramatiker Rumäniens, seine Stücke wurden auf zahlreichen internationalen Bühnen aufgeführt und mehrfach ausgezeichnet. Das bestimmende Motiv seiner Werke ist das der Gefangenschaft, so auch in seinem jüngst auf Deutsch erschienenen Buch „Die Aussiedlung“. Visky, der 1957 im Rumänien Ceaușescus als Sohn eines ungarischen Pfarrers geboren wurde, schildert darin seine Kindheit im Straflager in der Bărăgan-Steppe am südöstlichen Rande Rumäniens. Dorthin wurde er als Dreijähriger zusammen mit seiner Mutter Julia und seinen sechs Geschwistern deportiert, nachdem der Vater von der Securitate verhaftet und als „Staatsfeind“ zu 22 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Als die Familie im Lager ankommt, gibt es keine freie Baracke mehr, stattdessen wird die Mutter von den Wärtern aufgefordert, sich doch ein Erdloch als Behausung für sie und die Kinder zu suchen. Es ist der Beginn eines von unvorstellbar grausamen Umständen geprägten Lebens oder vielmehr Überlebens, das Visky in kurzen, fragmentarischen Absätzen beschreibt, die sich aus Kindheits- und Familienerinnerungen und umfangreichen Recherchematerialien speisen. „Die Aussiedelung“ ist ein erschütterndes literarisches Mosaik, mit dem Visky der europäischen Lagerliteratur ein wichtiges Kapitel hinzugefügt hat.

Buchcover: Abschied(e)
Kiepenheuer & Witsch

2. ex aequo: Julian Barnes (32 Punkte) NEU

Abschied(e)“, Kiepenheuer & Witsch
Übersetzung: Gertraude Krueger

Julian Barnes zählt seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten europäischen Autoren der Gegenwart. Sein sehr spezieller literarischer Eigensinn gilt vielen längst als Literatur-Kult. Dieser unverwechselbare, die literarischen Methoden der Postmoderne vor sich hertreibende Eigensinn kommt auch in seinem Buch „Abschied(e)“ zum Ausdruck: Es ist Roman und Essay in einem. Julian Barnes nimmt darin Abschied von seiner Leserschaft, kündigt an, damit sein letzte Buch vorzulegen – spricht, wie häufig in seinen Büchern, die Lesenden direkt an. Dabei lässt der seit Jahrzehnten in London lebende Autor wie nebenbei seine großen Lebensthemen Revue passieren - von der Erinnerung über Flaubert, Proust bis hin zur Identität, Tod und: der Liebe. Sie ist es, die in Form einer scheiternden Liebesgeschichte, das Herz des Romans markiert. „Abschied(e)“ ist ein geradezu rabiat unsentimentales Alterswerk, das vor Luzidität sprüht.  

Buchcover "Luft zum Leben"
dtv

4. Helga Schubert (31 Punkte)

„Luft zum Leben“, dtv

Mit ihrem Sieg bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2020 hat Helga Schubert für ein kleines Literatur-Märchen gesorgt: eigentlich war die Schriftstellerin schon im Jahr 1980 nach Klagenfurt eingeladen gewesen, doch die DDR stellte Schubert damals keine Ausreisegenehmigung aus. Mit dem autobiographischen Text „Vom Aufstehen“ konnte sich Helga Schubert durchsetzen, der Ingeborg-Bachmann-Preis hat der 82-Jährigen eine späte Erfolgswelle beschert, die bis jetzt andauert. „Luft zum Leben“ ist Schuberts vierte Publikation in knapp fünf Jahren, es handelt sich dabei um einen Erzählband, der insgesamt 37 Texte aus den letzten 65 Jahren der Schriftstellerin versammelt. Wie in all ihren Büchern erzählt Schubert auch hier aus ihrem eigenen Leben: von ihrem schwierigen Schicksal als regimekritische Autorin in der DDR, von ihrer Überforderung als junge Mutter, ihrer Arbeit als Psychotherapeutin, der Pflege ihres kranken Mannes. Was Schuberts Texte ausmacht ist der konsequent menschliche Blick auf Umgebung und Umfeld und der hoffnungsvolle, jedoch mitnichten naive Ton, den sich die Autorin stets behält. „Luft zum Leben“ ist eine so rührende wie kurzweilige literarische Reise durch die letzten sechs Jahrzehnte deutscher Geschichte.

Buchcover: Schleifen
Zsolnay

5. Elias Hirschl (29 Punkte) NEU

„Schleifen“, Zsolnay

Elias Hirschl, Jahrgang 1994, zählt zu den bemerkenswerten jüngeren Autoren Österreichs. Mit seinem Roman „Salonfähig“, der als grotesker Schlüsselroman über die Kanzlerschaft von Sebastian Kurz gelesen wurde, ist ihm 2021 der literarische Durchbruch gelungen. Mit „Schleifen“ liegt sein inzwischen sechster Roman vor, und während er sich in den Vorgängern vor allem mit zeitgenössischen Themen wie dem Zivildienst oder Künstlicher Intelligenz beschäftigt hat, wagt sich Hirschl diesmal in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück, genauer gesagt: zu den Anfängen der Sprachphilosophie. Franziska Denk heißt seine fiktive Romanheldin, die im Umfeld des Wiener Kreises aufwächst und an einer dubiosen Krankheit leidet, die bewirkt, dass sie jedes Symptom, von dem sie hört, körperlich reproduziert. Die Schulmedizin weiß keine Antworten auf das Problem und so beginnt Franziska ihr Leiden auf eigene Faust zu behandeln, indem sie sich mit Wörtern aus toten Sprachen schützt. Als sie den genialen Mathematiker Otto Mandl kennenlernt, entdeckt sie in ihm einen Seelenverwandten und die beiden setzen sich in den Kopf, die perfekte Sprache zu erfinden. „Schleifen“ ist ein aberwitziger Roman über die Grenzen des Sagbaren.

Buchcover: Trag das Feuer weiter
Luchterhand

6. Leïla Slimani (18 Punkte) NEU

Trag das Feuer weiter“, Luchterhand
Übersetzung: Amelie Thoma

Mit ihrem Roman „Dann schlaf auch du“ über die Bluttat eines Kindermädchens wurde die französisch-marokkanische Autorin Leïla Slimani 2016 schlagartig berühmt. Seither zählt die 44-Jährige zu den Stars der internationalen Literatur. Nun ist der letzte Band ihrer autobiografisch gefärbten Romantrilogie erschienen, der Slimanis eigener Geschichte noch einmal näher rückt. Mit „Trag das Feuer weiter“ schließt Slimani ihre große französisch-marokkanische Familiensaga ab. Acht Jahre hat sie an dem Zyklus gearbeitet. Nachdem sich Band eins um die Großeltern und Band zwei um die Eltern drehte, sind nun die Enkelkinder Mia und Ines Daoud an der Reihe. Wie die Autorin selbst wachsen die beiden Schwestern ihres Romans in wohlhabenden Verhältnissen im Marokko der 1980er Jahre auf. In diesem Panorama über drei Generationen hinweg haben alle Figuren eines gemeinsam: die Angst vor einem unberechenbaren Staatsapparat. Und wie in den Vorgängerromanen geht es auch nicht immer zimperlich zu: „Komm nicht wieder. Diese Sache mit den Wurzeln dient nur dazu, dich am Boden festzunageln“, mit diesen Worten schickt die Figur des Vaters die ältere Tochter in die Ferne.

Buchcover "Vaim"
Rowohlt

7. Jon Fosse (17 Punkte)

„Vaim“, Rowohlt
Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel

Mehr als ein Jahrzehnt lang war der Norweger Jon Fosse einer der Top-Favoriten für den Literaturnobelpreis, vor zwei Jahren hat er diese weltweit wichtigste literarische Auszeichnung schließlich erhalten. Schreiben sei für ihn wie beten, sagt der Schriftsteller über seine Arbeit. Fosses Literatur lebt von einem minutiös komponierten Rhythmus, von einem eindrucksvollen Zusammenspiel von Wiederholungen und Pausen. All das trifft auch auf seinen neuen Roman „Vaim“ zu, seiner ersten Romanveröffentlichung seit der Nobelpreisverleihung. Nach Fosses international gefeierter „Heptalogie“ legt er damit den Auftakt einer neuen Romantrilogie vor. Schauplatz ist die fiktive Insel Vaim in der Nähe der Stadt Bergen. In Form eines uferlosen Gedankenstroms erzählt Fosse von Jatgeir, einem Mann mittleren Alters, den man als typischen Junggesellen beschreiben kann. Er lebt ein beschauliches Leben und hat sich in seinem Alleinsein gut eingerichtet – bis ihm plötzlich seine Jugendliebe Eline über den Weg läuft. Prompt findet sich Jatgeir in einer Dreiecksbeziehung zwischen Eline und deren Ehemann wieder, die sein angenehm unaufgeregtes Leben durcheinander bringt. „Vaim“ ist eine eigenwillige Liebesgeschichte voll von skurrilem Humor, denn ausgelöst wird das ganze Beziehungschaos von dem peinlichen Umstand, dass sich Jatgeir beim Kauf von Nadel und Faden gleich zwei Mal übers Ohr hauen lässt.

Buchcover: Das Blaue vom Himmel
Suhrkamp

8. Magdalena Schrefel (11 Punkte) NEU

„Das Blaue vom Himmel“, Suhrkamp

Die Schriftstellerin Magdalena Schrefel, 1984 in Korneuburg geboren, hat zuletzt mit dem Theaterstück „Die vielen Stimmen meines Bruders“ für Aufsehen gesorgt. Das Stück, in dem sich Schrefel mit der Sprachbehinderung ihres Bruders auseinandersetzt, wurde in der Inszenierung am Wiener Kosmostheater 2024 mit dem Nestroy ausgezeichnet und auf zahlreichen deutschen Bühnen aufgeführt. Nun legt Schrefel ihren ersten Roman vor, der buchstäblich um das titelgebende „Blaue vom Himmel“ kreist. Die Handlung spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der man endlich eine Lösung für die stetige Erwärmung der Erde gefunden hat: in die Stratosphäre geschossene Schwefelpartikel sollen dafür sorgen, dass sich das Sonnenlicht anders bricht und so verhindern, dass sich der Planet weiter aufheizt. Der unerfreuliche Nebeneffekt: Der Himmel wird sich dadurch in eine milchig-graue Farbe hüllen, sein Blau, und damit auch das Blau der Meere, Seen und Flüsse, wird für immer verblassen. Schrefels Hauptfigur Hannah arbeitet an einer Ausstellung, die das Blau des Himmels für die Nachwelt dokumentieren soll. Ein hochinteressantes Gedankenexperiment zu einem Kernproblem unserer Gegenwart.

Buchcover "Blauzeug"
Limbus Lyrik

9. ex aequo: Angelika Reitzer (8 Punkte)

„Blauzeug“, Limbus

Die in Wien lebende Schriftstellerin Angelika Reitzer zählt zu jenen Autorinnen, die sich in vielen Gattungen wohlfühlen. Sie ist Autorin mehrerer Romane, sie schreibt Erzählungen, Drehbücher, Libretti und legt mit „Blauzeug“ nun ihren zweiten Lyrikband vor. Im ersten, dem Band seinen Namen gebenden Zyklus „Blauzeug“, dreht sich alles um Rom, die ewige Stadt. Das lyrische Ich der Gedichte ist eine Art moderne Flaneurin, die von ihren Streifzügen durch die Stadt berichtet. Dabei trifft sie auf unterschiedlichste Menschen, treibt sich auf den vielen Märkten herum und beschwört die Stadt in ihren verschiedenen Blautönen. Ein anderer Zyklus kreist um Wien, beschreibt ein Wohnhaus im Ausnahmezustand der Pandemie oder den Schock, den die Stadt nach dem Terrorangriff am Schwedenplatz erlitten hat. Zwischen den Zeilen ist „Blauzeug“ auch eine lyrische Poetik, in der Reitzer die Grundhaltung hinter ihrem Schreiben offenlegt.

Buchcover: Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt
dtv

9. ex aequo: Bodo Kirchhoff (8 Punkte) NEU

„Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“, dtv

Bodo Kirchhoff zählt zu den arriviertesten Erzählern der deutschsprachigen Literatur. 1990 gelang dem Schriftsteller mit seinem anspielungsreich-erotischen Roman „Infanta“ der Durchbruch, die Komplexität menschlicher Liebesbeziehungen ist bis heute ein Kernthema seines Schreibens geblieben. So auch in seinem neuen Roman „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“, der um ein Paar kreist, dessen Beziehung nach 50 Jahren Ehe zerbricht. Gleichzeitig lässt sich die Handlung nicht auf ein Beziehungsdrama reduzieren, denn Kirchhoff hat seinen Roman gewieft mit einer Abhandlung über Krieg und Frieden im 21. Jahrhundert verbunden, denn seine Hauptfigur Vigo, etwas älter als seine 68-jährige Frau Terese, ist Friedensforscher und Militärexperte. Er arbeitet gerade an einem aufwendigen Buchprojekt zu der Frage, wie die Welt im abgerüsteten Zustand aussehen würde, doch alles, woran er denken kann, sind die Trümmer seiner Ehe. Er versucht sich in Terese hineinzuversetzen und beginnt die gescheiterte Beziehung aus ihrer Sicht zu erzählen.

Buchcover Heim holen
Residenz

9. ex aequo: Katherina Braschel (8 Punkte) NEU

„Heim holen“, Residenz

Von 1944 bis 1948 wurde nahezu die gesamte Volksgruppe der Donauschwaben, der deutschsprachigen Minderheit des ehemaligen Jugoslawiens, deportiert oder in Lagern interniert. Rund 50.000 Menschen starben, Hunderttausende flüchteten nach Österreich und Deutschland. Der Hintergrund: die meisten der „Švabe“ hatten mit Nazideutschland kollaboriert und wurden als sogenannte „Volkdeutsche“ zur Wehrmacht eingezogen, die insbesondere am Balkan brutalste Kriegsverbrechen beging. Bedenkt man, wie viele Nachfahren der Donauschwaben bis heute in Österreich leben, ist das Thema in der hiesigen Literaturlandschaft eher unterrepräsentiert. Karl Markus-Gauß und zuletzt auch Kurt Palm zählen zu den wenigen literarischen Stimmen, die sich des komplexen Schicksals der Donauschwaben angenommen haben – und nun auch die 1992 geborene Katherina Braschel.  In „Heim holen“ erzählt sie von Lina, die in den 1990er Jahren in einer donauschwäbischen Gemeinschaft in Salzburg aufwächst, die die Traditionen aus der alten Heimat bis heute hochhält. Als Lina von der SS-Mitgliedschaft ihres Großvaters erfährt, beginnt sie die Opfererzählung, mit der sie aufwuchs, zu hinterfragen und Nachforschungen anzustellen, die sie bis nach Belgrad führen.

 

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