ORF-Bestenliste Jänner 2026
ORF

Die besten 10 im Jänner 2026

Die Jury hat aus den unzähligen Neuerscheinungen ihre Lieblingsbücher gewählt.

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Buchcover "Die Aussiedlung"
Suhrkamp

1. András Visky (45 Punkte)

Die Aussiedlung“, Suhrkamp
Übersetzung: Timea Tankó

András Visky gilt als einer der bedeutendsten Dramatiker Rumäniens, seine Stücke wurden auf zahlreichen internationalen Bühnen aufgeführt und mehrfach ausgezeichnet. Das bestimmende Motiv seiner Werke ist das der Gefangenschaft, so auch in seinem jüngst auf Deutsch erschienenen Buch „Die Aussiedelung“. Visky, der 1957 im Rumänien Ceaușescus als Sohn eines ungarischen Pfarrers geboren wurde, schildert darin seine Kindheit im Straflager in der Bărăgan-Steppe am südöstlichen Rande Rumäniens. Dorthin wurde er als Dreijähriger zusammen mit seiner Mutter Julia und seinen sechs Geschwistern deportiert, nachdem der Vater von der Securitate verhaftet und als „Staatsfeind“ zu 22 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Als die Familie im Lager ankommt, gibt es keine freie Baracke mehr, stattdessen wird die Mutter von den Wärtern aufgefordert, sich doch ein Erdloch als Behausung für sie und die Kinder zu suchen. Es ist der Beginn eines von unvorstellbar grausamen Umständen geprägten Lebens oder vielmehr Überlebens, das Visky in kurzen, fragmentarischen Absätzen beschreibt, die sich aus Kindheits- und Familienerinnerungen und umfangreichen Recherchematerialien speisen. „Die Aussiedelung“ ist ein erschütterndes literarisches Mosaik, mit dem Visky der europäischen Lagerliteratur ein wichtiges Kapitel hinzugefügt hat.

Buchcover "Luft zum Leben"
dtv

2. Helga Schubert (36 Punkte) NEU

„Luft zum Leben“, dtv

Mit ihrem Sieg bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2020 hat Helga Schubert für ein kleines Literatur-Märchen gesorgt: eigentlich war die Schriftstellerin schon im Jahr 1980 nach Klagenfurt eingeladen gewesen, doch die DDR stellte Schubert damals keine Ausreisegenehmigung aus. Mit dem autobiographischen Text „Vom Aufstehen“ konnte sich Helga Schubert durchsetzen, der Ingeborg-Bachmann-Preis hat der 82-Jährigen eine späte Erfolgswelle beschert, die bis jetzt andauert. „Luft zum Leben“ ist Schuberts vierte Publikation in knapp fünf Jahren, es handelt sich dabei um einen Erzählband, der insgesamt 37 Texte aus den letzten 65 Jahren der Schriftstellerin versammelt. Wie in all ihren Büchern erzählt Schubert auch hier aus ihrem eigenen Leben: von ihrem schwierigen Schicksal als regimekritische Autorin in der DDR, von ihrer Überforderung als junge Mutter, ihrer Arbeit als Psychotherapeutin, der Pflege ihres kranken Mannes. Was Schuberts Texte ausmacht ist der konsequent menschliche Blick auf Umgebung und Umfeld und der hoffnungsvolle, jedoch mitnichten naive Ton, den sich die Autorin stets behält. „Luft zum Leben“ ist eine so rührende wie kurzweilige literarische durch die letzten sechs Jahrzehnte deutscher Geschichte.

Buchcover "Zsömle ist weg"
S. Fischer

3. László Krasznahorkai (24 Punkte) NEU

„Zsömle ist weg“, S. Fischer
Übersetzung: Heike Flemming

Während die Entscheidung der Schwedischen Akademie für den Literaturnobelpreisträger verlässlich für Diskussionen sorgt, herrschte im Feuilleton hinsichtlich des diesjährigen Preisträgers, dem Ungarn László Krasznahorkai, ungewohnte Einigkeit. Schließlich ist Krasznahorkais Status als einer der großen europäischen Literaten unserer Zeit schon seit einigen Jahren unbestritten. Sein Werk ist voller Düsternis und Melancholie, zugleich spielt darin Schönheit eine zentrale Rolle: das gilt für seinen Debütroman „Satanstango“ ebenso wie für seinen neuen Roman „Zsömle ist weg“. Alles dreht sich darin um Onkel Józsi, einen 91 Jahre alten Ungarn, der seit Jahrzehnten in großer Zurückgezogenheit lebt. Er ist der direkte Nachkomme eines alten ungarischen Adelsgeschlechts und hätte sogar Anspruch auf den ungarischen Königsthron – doch Jószi hat schon vor langer Zeit beschlossen, sich aus dem politischen Tagesgeschäft gänzlich rauszuhalten. Ohne sein Wissen hat sich jedoch im Laufe der Jahre eine große Gefolgschaft an Monarchisten und sonstigen konservativen Stimmen gebildet, die das Königreich Ungarn wiederherstellen und so dem Land zu seinem alten Glanz zurückhelfen wollen. An der Spitze dieses neuen alten ungarischen Reichs sehen sie ausgerechnet den alten Onkel Józsi – und so klopfen die Monarchisten eines Tages an Józsis Tür, um ihn für ihren Plan zu gewinnen. Ein ebenso witziger wie scharfsinniger Roman über Ungarns konservative Wende.

Buchcover "Das Buch zum Film"
Jung und Jung

4. Clemens J. Setz (22 Punkte)

Das Buch zum Film“, Jung und Jung

Clemens J. Setz zählt zu den jüngsten Büchner-Preisträgern in der Geschichte dieser größten Auszeichnung, die einem deutschsprachigen Autor zuteilwerden kann. Mit Romanen wie "Monde vor der Landung'„ oder “Die Stunde zwischen Frau und Gitarre„ hat er sich ein großes Publikum “erschrieben„. Jetzt ist ein neues Buch von ihm erschienen: Der Titel: “Das Buch zum Film". Es gewährt Einblicke in das Werden eines Schriftstellers, mittels einer Sammlung von Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 2000 bis 2010, die der heute 42-Jährige für das Buch neu geordnet hat. Erfahrenes, Gesehenes, Gelesenes findet darin fragmentarisch Platz: Wir begegnen einem jungen Schriftsteller, der früh schon der Literatur verfallen war und sich dieser geradezu rücksichtslos verschrieben hat. Clemens Setz erzählt im „Buch zum Film“ auch von seinen Eltern, der ersten großen Liebe, der Teilnahme an den Tagen der deutschsprachigen Literatur, der Sehnsucht danach, selbst Kinder zu haben und von vielem anderen mehr: Das Autobiographische darin gibt allerdings das große Rätsel Leben nicht preis.

Buchcover "Vaim"
Rowohlt

5. Jon Fosse (18 Punkte) NEU

„Vaim“, Rowohlt
Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel

Mehr als ein Jahrzehnt lang war der Norweger Jon Fosse einer der Top-Favoriten für den Literaturnobelpreis, vor zwei Jahren hat er diese weltweit wichtigste literarische Auszeichnung schließlich erhalten. Schreiben sei für ihn wie beten, sagt der Schriftsteller über seine Arbeit. Fosses Literatur lebt von einem minutiös komponiertem Rhythmus, von einem eindrucksvollen Zusammenspiel von Wiederholungen und Pausen. All das trifft auch auf seinen neuen Roman „Vaim“ zu, seiner ersten Romanveröffentlichung seit der Nobelpreisverleihung. Nach Fosses international gefeierter „Heptalogie“ legt er damit den Auftakt einer neuen Romantrilogie vor. Schauplatz ist die fiktive Insel Vaim in der Nähe der Stadt Bergen. In Form eines uferlosen Gedankenstroms erzählt Fosse von Jatgeir, einem Mann mittleren Alters, den man als typischen Junggesellen beschreiben kann. Er lebt ein beschauliches Leben und hat sich in seinem Alleinsein gut eingerichtet – bis ihm plötzlich seine Jugendliebe Eline über den Weg läuft. Prompt findet sich Jatgeir in einer Dreiecksbeziehung zwischen Eline und deren Ehemann wieder, die sein angenehm unaufgeregtes Leben durcheinanderbringt. „Vaim“ ist eine eigenwillige Liebesgeschichte voll von skurrilem Humor, denn ausgelöst wird das ganze Beziehungschaos von dem peinlichen Umstand, dass sich Jatgeir beim Kauf von Nadel und Faden gleich zwei Mal übers Ohr hauen lässt.

Buchcover "Die Hände der Frauen in meiner Familie...."
Zsolnay

6. Jegana Dschabbarowa: (14 Punkte) NEU

„Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt“, Zsolnay
Übersetzung: Maria Rajer

Die russisch-aserbaidschanische Schriftstellerin Jegana Dschabbarowa hat mit ihrem autobiographischen Romandebüt in Russland 2023 einen großen Erfolg gefeiert und viel Lob von der Kritik geerntet. Diese Aufmerksamkeit wurde ihr jedoch bald zum Verhängnis, denn weil sie sich kritisch gegenüber dem Krieg in der Ukraine äußerte, erhielt sie massive Drohungen von Seiten russischer Nationalisten. Als Feministin, Mitglied der LGBT-Community und Angehörige einer ethnischen Minderheit sei sie in Russland insgesamt das perfekte Feindbild gewesen, sagt Dschabbarowa, weswegen sie sich vor zwei Jahren zur Flucht nach Deutschland entschied. Inzwischen liegt ihr Debüt „Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt“ auf Deutsch vor. Darin schreibt Dschabbarowa über das Aufwachsen in der patriarchal geprägten aserbaidschanischen Community, in der das Leben der Frauen einzig durch Ehe und Kindererziehung bestimmt wird. Ins Zentrum des Romans stellt Dschabbarowa dabei den weiblichen Körper und macht dessen Unterdrückung von den Augenbrauen bis hin zu den Beinen auf höchst poetische Weise sichtbar.  

Buchcover "Was nicht gesagt werden kann!
Claassen

7. David Szalay (12 Punkte) NEU

„Was nicht gesagt werden kann“, Claassen
Übersetzung: Henning Ahrens

Bis zur Verleihung des renommierten Booker Prize für seinen Roman „Was nicht gesagt werden darf“ im vergangenen November galt der Schriftsteller David Szalay im deutschen Sprachraum als wenig bekannt, im englischen Sprachraum ist der Brite mit ungarischen Wurzeln hingegen längst eine eingeführte Größe. Seine Bücher sind Bestseller, auch Popstar Dua Lipa ist ein Fan von Szalay und hat den Autor unlängst in ihren begehrten Buchclub eingeladen. „Was nicht gesagt werden kann“ lautet der Titel seines vielgelobten Romans, der von der Kritik als Studie über den Mann des 21. Jahrhunderts gefeiert wird. Der Mann, der im Zentrum von Szalays Roman steht, heißt István. Er wächst als Sohn einer Familie aus einfachen Verhältnissen im kommunistischen Ungarn auf. Die Handlung folgt seinem sozialen Aufstieg nach dem Fall des Eisernen Vorhangs - und seinem Abstieg. Istváns markanteste Eigenschaft ist seine Sprachlosigkeit. „Was nicht gesagt werden darf“ zeichnet das erschütternde Porträt eines einsamen Menschen, der seinem Leben und den gesellschaftlichen Verhältnissen, denen er ausgesetzt ist, vollkommen wortlos gegenübersteht.

Buchcover "Blauzeug"
Limbus Lyrik

8. ex aequo: Angelika Reitzer (11 Punkte)

„Blauzeug“, Limbus

Die in Wien lebende Schriftstellerin Angelika Reitzer zählt zu jenen Autorinnen, die sich in vielen Gattungen wohlfühlen. Sie ist Autorin mehrerer Romane, sie schreibt Erzählungen, Drehbücher, Libretti und legt mit „Blauzeug“ nun ihren zweiten Lyrikband vor. Im ersten dem Band seinen Namen gebenden Zyklus „Blauzeug“, dreht sich alles um Rom, die ewige Stadt. Das lyrische Ich der Gedichte ist eine Art moderne Flaneurin, die von ihren Streifzügen durch die Stadt berichtet. Dabei trifft sie auf unterschiedlichste Menschen, treibt sich auf den vielen Märkten herum und beschwört die Stadt in ihren verschiedenen Blautönen. Ein anderer Zyklus kreist um Wien, beschreibt ein Wohnhaus im Ausnahmezustand der Pandemie oder den Schock, den die Stadt nach dem Terrorangriff am Schwedenplatz erlitten hat. Zwischen den Zeilen ist „Blauzeug“ auch eine lyrische Poetik, in der Reitzer die Grundhaltung hinter ihrem Schreiben offenlegt.

Buchcover "Was wir wissen können"
Diogenes

8. ex aequo: Ian McEwan (11 Punkte)

„Was wir wissen können“, Diogenes

Millionenfach hat er seine Romane verkauft, Bestseller wie ‚Abbitte‘ wurden verfilmt – und längst ist er selbst Teil der Literaturgeschichte: Ian McEwan. Nun hat der britische Booker-Preisträger Ian McEwan einen neuen großen Roman vorgelegt. Er trägt den Titel „Was wir wissen können“ und wirft einen ebenso unterhaltsamen wie kritischen Blick auf unsere Gegenwart, und zwar rückblickend – aus der Zukunft. Ian McEwan, der oft der „Sir der britischen Gegenwartsliteratur“ genannt wird, beweist mit diesem Roman abermals, dass er ganz genau weiß, was guten Lesestoff ausmacht: eine geheime Liebe, ein Verbrechen, und große Fragen der Menschheit. „Was wir wissen können“ spielt im 22. Jahrhundert, lange nach Klima- und Atomkatastrophe. Ein Literaturwissenschafter macht sich in der Zukunft auf die Suche nach einem geheimnisvollen Liebesgedicht aus dem Jahr 2014: und beleuchtet so die - aus seiner Sicht - gute, alte Zeit. Und so beschreibt Ian McEwan in diesem hoffnungsvollen Roman wie schön, wie erhaltenswert unsere Zeit ist - allem zum Trotz.

Buchcover "Rom sehen und nicht sterben"
Penguin

8. ex aequo: Peter Wawerzinek (11 Punkte)

„Rom sehen und nicht sterben“, Penguin

Seit der Auszeichnung mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis im Jahr 2010 hat sich Peter Wawerzinek einen Namen als Autor von höchstunterhaltsamen autobiografischen Texten gemacht. Immer wieder gelingt es ihm, tieftraurigen Aspekte seiner Lebensgeschichte mit Humor und Lebensfreude zu begegnen, sei es seiner schwierigen Kindheit in ostdeutschen Kinderheimen im Roman „Rabenliebe“, seiner Alkoholsucht in „Schluckspecht“, oder seiner Krebserkrankung, wie im jüngst erschienenen „Rom sehen und nicht sterben“. Der Roman, der heuer auch für den Deutschen Buchpreis nominiert war, setzt während eines Schreiburlaubs ein, den der Ich-Erzähler gerade in Rom verbringt. Angekommen in der schönen italienischen Villa, die ihm im Rahmen des Schriftstellerstipendiums zur Verfügung gestellt wird, fühlt er sich seltsam schwach, ständig friert es ihn, trotz sommerlicher Temperaturen. Die niederschmetternde Diagnose folgt prompt: Krebs. Doch statt im Selbstmitleid zu versinken beschließt der Erzähler dem Tod buchstäblich ins Gesicht zu lachen. Mit Kalauern und Wortwitzen trotzt das Ich dieses Textes dem „Krätz“, wie das Krebsgeschwür genannt wird, das da „Hausfriedensbruch“ in seinem Körper begangen hat und stellt sich mit Hilfe von Chemo und Operation dem Feind, der sich in seinem „Magen eingenistet hat“, von seinem „Fleisch isst“ und von seinem „Blut trinkt“. „Rom sehen und nicht sterben“ ist ein so berührend wie komisches Krebstagebuch.

 

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