bestenliste juni
ORF

Die besten 10 im Juni 2024

Die Jury hat aus den unzähligen Neuerscheinungen ihre Lieblingsbücher gewählt.

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Schiff aus Stein
Zsolnay

1. Karl-Markus Gauß (31 Punkte)

„Schiff aus Stein“, Zsolnay

Ein würdiges Leben, ohne den Blick in den Abgrund zu wagen, das ist nicht möglich - so lautet das Credo des in Salzburg lebenden Schriftstellers Karl-Markus Gauß. Er hat sich vor allem als scharfzüngiger Kommentator der Tagespolitik und als bis an die Ränder Europas reisender Autor einen Namen gemacht. Im Mai feiert Gauß seinen 70. Geburtstag, dem er ein neues Buch vorwegschickt: „Schiff aus Stein“. Darin widmet er sich vorwiegend den Schönheiten des Alltäglichen. Er durchquert entlegene Ortschaften, spürt vergangenen Träumen nach und erinnert sich an Zufallsbegegnungen. Von Kaffeehausszenen, U-Bahn-Begegnungen, Friedhofsträumen, und Erkundungen wenig bekannter Orte, etwa in der Obersteiermark oder entlang der Küste Dalmatiens erzählen die Miniaturen im Buch. Gauß' Kunst besteht im Sichtbarmachen der oftmals unsichtbaren Besonderheiten des Lebens.

versteinerte herz
Penguin

2. Abdulrazak Gurnah (24 Punkte) NEU

„Das versteinerte Herz“, Penguin
Übersetzung: Eva Bonné

Mit der Entscheidung für Abdulrazak Gurnah hat die Schwedische Akademie bei der Vergabe des Literaturnobelpreises 2021 für eine große Überraschung gesorgt. Insbesondere im deutschsprachigen Raum war der 1948 in Sansibar, einer Insel vor Tansania, geborene Schriftsteller nur einschlägigen Fachkreisen ein Begriff, die wenigen deutschen Übersetzungen seiner Bücher waren vergriffen. Das hat sich nun geändert: Der Penguin-Verlag hat sich mit großem Erfolg an die Erst- und Neuübersetzung seines Werks gemacht, auf Deutsch liegt nun der im Original 2017 erschienene Roman „Das versteinerte Herz“ vor. Die Handlung setzt zeitlich kurz nach der Unabhängigkeit seiner Heimat vom britischen Protektorat ein, die Gurnah als damals 15-Jähriger hautnah miterlebt hat. Chaos und Gewalt prägten diese Zeit: die von der Kolonialmacht gezogenen Grenzen waren alles andere als organisch gewachsen, sodass die von den britischen Herrschern unterdrückten Konflikte zwischen den dort lebenden Menschen sich danach umso heftiger entluden. Geschildert wird das Geschehen aus der Perspektive eines Teenagers, der – wie auch Abdulrazak Gurnah selbst – Angehöriger der muslimischen Minderheit im Land ist.

Alles über alles
Ritter

3. Max Höfler (23 Punkte)

„Alles über alles - oder warum“, Ritter

Aus der Grazer Kulturszene ist der Schriftsteller, Musiker und bildende Künstler Max Höfler nicht wegzudenken. Seit Jahren engagiert er sich in unterschiedlichsten städtischen Kulturprojekten, wie etwa dem Leinwandliteraturmagazin „Glory Hole“, das seit 2013 literarische Kurztexte auf die Fassade des Forum Stadtparks projiziert. Literarisch steht Höfler klar in der Tradition experimenteller Literatur, seine Texte zeichnen sich durch einen humorvollen Zugang zu diesem Genre aus. So auch sein neues Buch „ALLES ÜBER ALLES oder warum“, eine literarische Auseinandersetzung mit dem Kult-Brettspiel „Trivial Pursuit“. Zur Erinnerung: in dem Spiel geht es darum, Allgemeinwissen in den Kategorien Erdkunde, Unterhaltung, Geschichte, Kunst und Literatur, Wissenschaft und Technik, Sport und Vergnügen unter Beweis zu stellen. Inspiriert von den Fragekärtchen sucht Höfler insgesamt 200 eigene Antworten. In einer Tonlage, die zwischen Besserwisser und Wutbürger changiert, wird uns hier etwa erklärt, dass das menschliche Gehör nur Schwingungen bis zu einer Höhe von 20.000 Hertz wahrnehmen kann, damit man die boshaften Lästermäuler der Fledermäuse nicht vernimmt. Oder, dass Marylin Monroe nur deshalb Arthur Miller geheiratet hat, weil André Heller sie seinerzeit übel abblitzen ließ. Ein großer Lesespaß, der nicht nur dem absurden Witz, sondern vor allem den kunstvollen Satzkaskaden geschuldet ist, in die Höfler seine Antworten gegossen hat.

Kindernazi
Ritter

4. ex aequo: Andreas Okopenko (18 Punkte) NEU

„Kindernazi“, Ritter

Der 2008 verstorbene Andreas Okopenko gilt als einer der wichtigsten und eigenwilligsten Vertreter der österreichischen Nachkriegsliteratur. Mit seinen experimentierfreudigen Texten wie dem „Lexikon-Roman“ hat er die österreichische Literatur nach 1945 wesentlich mitgeprägt. Im Leben wie in der Literatur: er war ein „Rebell mit Charme“ - seine Lyrik und Prosa, seine Essays, Theaterstücke und Hörspiele stehen für eine autarke, sprachkritische und existenzbejahende Literatur. Witz, Prägnanz und Anarchie gehen in seinem Werk Hand in Hand. Im Ritter Verlag ist nun eine Neuauflage seines legendären Romans „Kindernazi“ erschienen, den Okopenko erstmals 1984 veröffentlichte. Das Buch erzählt die Geschichte einer Kindheit in Nazideutschland, aus der Perspektive des zu Beginn der Handlung 15-jährigen Anatol Vitrov. Es ist der 1. April 1945 und im Radio wird gerade der Fall Wiener Neustadts verkündet, über den Anatol, ein durch und durch indoktrinierter „reichsdeutscher“ Teenager, in Tränen ausbricht. Dann wird auf die literarische Rückspultaste gedrückt: in insgesamt 62 Episoden schildert Okopenko das Heranwachsen in einem faschistischen Staat – und lässt zwischen den Zeilen erahnen, was es bedeutet, dass eine ganze Generation in ihrer prägendsten Entwicklungsphase keine andere Realität als diese kannte.

Vom Glück
Otto Müller

4. ex aequo: Erwin Riess (18 Punkte)

„Vom Glück auf dem Feldherrenhügel“, Otto Müller

Mehr als ein Jahr ist seit dem Tod von Erwin Riess inzwischen vergangen. Zeit seines Lebens hat sich der Schriftsteller und Aktivist für die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung von Menschen mit Behinderung eingesetzt. Er kämpfte dafür, dass Menschen mit Behinderungen als Rechtssubjekt anerkannt werden und so ihr Recht einklagen können. Das Gesetz als Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben sollte Mitleid in der Gesellschaft für Menschen mit Behinderung ein Ende setzen. In literarischer Hinsicht hat Riess diesen Kampf geführt: er schrieb gegen die einseitige Darstellung von Behinderten in der Literatur an. Als legendär gilt etwa seine Groll-Krimi-Reihe: Scharfsinnig und mit sarkastischem Witz ließ Riess darin sein fiktives Alter Ego, den Floridsdorfer Rollstuhlfahrer und Ermittler Herrn Groll, gegen die Ignoranz und Arroganz der Gesellschaft austeilen. Der Band „Vom Glück auf dem Feldherrnhügel“ vereint nun eine Auswahl seiner wichtigsten Schriften aus den letzten 40 Jahren.

Unzustellbare Briefe
Luchterhand

6. ex aequo: Anna Mitgutsch (15 Punkte)

„Unzustellbare Briefe“, Luchterhand

Seit ihrem Debüt „Die Züchtigung“, erschienen 1985, zählt sie zu den fixen Größen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur: die nach vielen Jahren in den USA wieder in Linz lebende Autorin Anna Mitgutsch. Geraume Zeit hat sie an ihrem neuen Buch gearbeitet, zögerte lange, es zu veröffentlichen – jetzt ist es doch erschienen: „Unzustellbare Briefe“ ist der Titel. Anna Mitgutsch hält darin schonungslos Rückschau auf ein bewegtes, in jeder Hinsicht unkonventionelles Leben, in dessen Zentrum ein nicht zu zähmender Freiheitsdrang steht. Dieser Blick zurück erfolgt in Form von Briefen: beginnend mit ihrer Großmutter bis hin zur ersten großen Liebe, ihrer charismatischen Literaturagentin, ihrem treuen, langjährigen Lektor und einigen anderen mehr. Ihre vielen Reisen, nicht zuletzt nach Israel: sie finden darin Niederschlag. Dreh- und Angelpunkt des Buches ist das Ringen eines weiblichen Ich um einen Ort als Schreibende in der Welt. Was dieses Ich zusammenhält, ist ein ausgeprägtes Talent zur Nicht-Angepasstheit – sich einer Gruppe ganz anzuschließen, war für Mitgutsch nie eine Option.

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Lauter
Jung und Jung

6. ex aequo: Stephan Roiss (15 Punkte)

„Lauter“, Jung und Jung

Mit „Triceratops“ hat der 1982 in Linz geborene Schriftsteller Stephan Roiss erstmals ein breiteres Publikum auf sich aufmerksam gemacht. Der Roman über ein Kind, das mit psychisch kranken Eltern aufwächst, wurde viel gelobt und für die Longlist des Deutschen Buchpreises 20 nominiert. Nun liegt sein neuer Roman „Lauter“ vor, der abermals eine schwierige Familiengeschichte zum Thema hat. Hauptfigur ist Leon, ein Lebenskünstler und Musiker, der schon früh gegen sein Elternhaus rebelliert hat und seine Zeit damit verbringt, rastlos durch Europa zu reisen. Als ihn die Nachricht erreicht, dass seine Mutter im Sterben liegt, hetzt er nach Hause: doch er kommt zu spät. In die Trauer mischen sich Gewissensbisse, Selbstzweifel hinsichtlich seines Lebensentwurfs, immer mehr zieht sich Leon zurück. Auch die Tatsache, dass seine Punkband endlich der Durchbruch bevorstehen könnte, reißt ihn nicht aus der Lethargie. Als er zu allem Überfluss noch mit einer Krebsdiagnose konfrontiert wird, ergreift er abermals die Flucht. Zuerst Venedig, dann quer durch Italien bis auf die Insel Stromboli, wo er neuen Lebensmut fasst. Roiss hat hier ein rasantes, rauschhaftes Porträt einer Generation gezeichnet, dessen Rhythmus man sich nur schwer entzieht.

Unter Wölfen
Rowohlt

8. John Wray (14 Punkte) NEU

„Unter Wölfen“, Rowohlt
Übersetzung: Bernhard Robben

Harte Musik und die harte Realität der amerikanischen Provinz – das sind die Hauptrollen im neuen Roman des Austro-Amerikaners John Wray. Der Autor pendelt regelmäßig zwischen Brooklyn und dem Kärntner Friesach - und auch in seiner Literatur finden sich Einflüsse und Eindrücke aus den USA und Europa. „Unter Wölfen“ - so der Titel des Buches – widmet sich der in der Literatur bislang wenig beleuchteten Subkultur des Death Metals, ist aber gleichzeitig weit mehr als ein Roman über Fans dieses Musikstils. Das Naserümpfen so vieler Menschen über dieses Genres, das meist als düstere, antisoziale Teenager-Musik abgestempelt wird, war für den Autor Anlass, genauer hinzusehen. Für die drei Hauptfiguren in Wrays Roman, der im Florida der 1980er spielt, ist Death Metal vor allem eines: ein Ort der Zuflucht aus Gewalt, Armut und Rassismus. Um ihrem Umfeld zu entfliehen, brechen die Jugendlichen Kip, Kira und Leslie Richtung L.A. auf. Dieses klassische Road Trip-Setting reichert John Wray gekonnt mit Facetten des Coming-of-Age-Romans und des Horror-Thrillers an.  

Auf allen vieren
Kiepenheuer & Witsch

9. Miranda July (13 Punkte) NEU

„Auf allen vieren“, Kiepenheuer & Witsch
Übersetzung: Stefanie Jacobs

Performance-Künstlerin, Filmemacherin, Schriftstellerin: die Amerikanerin Miranda July gilt als Universalgenie. Durch ihren unverkennbaren Charme und skurrilen Witz hat sie eine riesige Fangemeinde um sich geschart, sodass man inzwischen getrost sagen darf: Miranda July ist Kult. In ihrem neuen Roman „Auf allen Vieren“ nimmt sie sich des literarisch eher unterbelichteten Themas Menopause an, bzw. eigentlich Perimenopause – denn noch ist Julys namenlose Protagonistin in dieser Lebensphase nicht angekommen. Sie ist 45, mäßig erfolgreiche Künstlerin, verheiratet und Mutter eines non-binären Kindes. Als sie eine medizinische Grafik über die Hormonkurve im Laufe eines Frauenlebens betrachtet – das Östrogen sinkt im Alter von 45 ganz plötzlich rapide ab – beschließt sie, sich eine Auszeit zu nehmen. Ein Roadtrip von ihrer Heimat L.A. nach New York soll es sein, doch weit kommt sie nicht. Gleich an der ersten Tankstelle begegnet sie dem unwiderstehlichen Tankwart Davey, und entdeckt damit auch ihr eigenes sexuelles Begehren wieder. Sie beschließt kurzerhand, sich in einem Motel neben der Tankstelle einzumieten und das Zimmer aufwendig umzugestalten. Mit dem wesentlich jüngeren Davey beginnt eine sexuell höchst aufgeladene Freundschaft, auch wenn sich das Begehren der Hauptfigur ausschließlich durch Masturbation entlädt. Eine absurd-komische Auseinandersetzung mit weiblicher Sexualität.

Nachwasser
Azur

10. Frieda Paris (9 Punkte)

Nachwasser“, Edition Azur

Oft als Nischenprodukt der Literatur bezeichnet, erlebt die kurze literarische Form in den sozialen Medien eine wahre Renaissance. Mit dem Effekt, dass sich immer mehr junge Autorinnen und Autoren für diese Art der Kunst interessieren. So auch die 1986 geborene Frieda Paris mit ihrem Debüt „Nachwasser“. In Ulm geboren lebt die Lyrikerin seit 2010 in Wien. Vor ihrer Karriere als Lyrikerin absolvierte sie eine Ausbildung zur Damenschneiderin und dieser handwerkliche Hintergrund macht sich durchaus bemerkbar, denn am Näh- und Schneidetisch ist im übertragenen Sinn auch „Nachwasser“ entstanden. Es ist ein Langgedicht, an dessen Entstehung uns der Text beim Lesen teilhaben lässt. Wörter aus der Kindheit in Süddeutschland, Alltagswörter als recyceltes Poesiegut, Zettelrückseiten aus dem Nachlass der großen Dichterin und „Wortmutter“ Friederike Mayröcker: alles wird wild miteinander vernäht, sodass am Ende kein glatter Text, sondern mehr ein literarischer Quilt entsteht: mit vielen Lagen Stoff, bestehend aus vielen kleinen Wortfasern, die an der eigenen Gedankenwelt sofort anknüpfen und ihre Fäden dort weiterspinnen.

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