Plakat März
ORF

Die besten 10 im März 2023

Die Jury hat aus den unzähligen Neuerscheinungen ihre Lieblingsbücher gewählt.

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Monde vor der Landung
Suhrkamp

1. Clemens J. Setz (50 Punkte) NEU

Monde vor der Landung“, Suhrkamp

Die Faszination für dubiose Weltanschauungen und skurrile historische Persönlichkeiten ist fast schon ein Markenzeichen des Clemens J. Setz geworden. Sein neuer Roman „Monde vor der Landung“ ist eine Art historischer Querdenker-Roman, Setz erzählt darin die Geschichte eines Mannes, der nicht auf, sondern in einer Kugel lebt. Peter Bender, Jahrgang 1893, erfolgloser Schriftsteller, ehemaliger Fliegerleutnant, und: glühender Verfechter der sogenannten Hohlwelt-Theorie. Das Eintauchen in ein verqueres Weltbild ist jedoch nicht das einzige, was den Reiz von „Monde vor der Landung“ ausmacht. Vom ersten Weltkrieg über die Weimarer Republik bis hin zum Nationalsozialismus – Clemens Setz gelingt es darin, deutsche Geschichte durch die Augen eines Menschen zu erzählen, der in einem völligen Paralleluniversum lebt. Der sich so tief versponnen hat, dass er nicht wahrnimmt, dass der wachsende Antisemitismus und schließlich die Machtergreifung Hitlers seine jüdische Frau in akute Gefahr bringt.

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Oben Erde
Wagenbach

2. Milena Michiko Flašar (43 Punkte) NEU

"Oben Erde, unten Himmel", Wagenbach

Einsamkeit ist ein stilles aber wachsendes Problem in unserer Zeit und das Thema des neuen Buches der Autorin Milena Michiko Flašar. In ihrem fünften Roman mit dem Titel „Oben Erde, unten Himmel“ schreibt sie über Menschen, die unbemerkt in ihren eigenen vier Wänden sterben. Flašar ist Tochter einer Japanerin und eines Österreichers. Ihr neuer Roman spielt in Japan. „Kodokushi" nennt man dort den unbemerkten Tod vereinsamter Menschen - und genau darum dreht sich der neue Roman von Milena Michiko Flašar.

Flašar stellt eine zurückgezogene junge Japanerin ins Zentrum, die einen neuen Job beginnt: Bei einer Firma, die eben solche Leichenfundorte reinigt. In dem Putztrupp findet sie eine neue Familie; bricht aus ihrer eigenen sozialen Isolation aus. Einfühlsam zeigt „Oben Erde, unten Himmel“, wie lebensrettend soziale Beziehungen sein können.

Einüben ins Schweben
Suhrkamp

3. Dževad Karahasan (38 Punkte)

„Einübung ins Schweben“, Suhrkamp
Übersetzung: Katharina Wolf-Grießhaber

Der bosnische Schriftsteller Dževad Karahasan zählt zu den bekanntesten literarischen Stimmen des Balkans. Immer wieder wird der 1953 im ehemaligen Jugoslawien geborene Karahasan mit dem Nobelpreisträger Ivo Andrić verglichen – nicht zuletzt, weil die multikulturelle Geschichte Bosniens stets ihre gemeinsame Erzählheimat geblieben ist. In seinem neuen Roman widmet sich der „Chronist von Sarajevo“, wie Karahasan oft genannt wird, der jüngsten Geschichte seiner Heimat: der Belagerung Sarajevos während des Bosnien-Krieges. „Einübung ins Schweben“ ist ein Buch über das Leben im Krieg: Es schildert den Alltag der Menschen, die ständigen Herausforderungen, vor die sie die Belagerung stellt. Aber auch die seelischen Veränderungen, die dieser Zustand mit sich bringt. Im Zentrum steht dabei stets die Frage: Was macht der Krieg mit dem Menschen? Verhandelt wird diese über eine scheinbar außenstehende Figur, den Schriftsteller und Altphilologen Peter Hurd. Er befindet sich bei Kriegsausbruch gerade zufällig in Sarajevo und beschließt zu bleiben. Er möchte die Erfahrung einer Extremsituation nicht verpassen, möchte am eigenen Leib das moralische Vakuum des Ausnahmezustands erleben - auch wenn er spürt, wohin dieser Weg führt.

Das glückliche Geheimnis
Hanser

4. Arno Geiger (28 Punkte)

„Das glückliche Geheimnis“, Hanser

Arno Geiger zählt zu den erfolgreichsten Schriftstellern im deutschsprachigen Raum. 2005 wurde sein Roman „Es geht uns gut“ mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet, mit Büchern wie „Unter der Drachenwand“ landete Geiger auf den wichtigsten Bestsellerlisten. Sein neues Werk ist ein verblüffendes Outing: Unter dem Titel „Das glückliche Geheimnis“ lässt Arno Geiger tief in seine Biografie blicken. 25 Jahre lang wühlte er in fremden Papiermülltonnen nach Hinterlassenschaften, Schriftstücken und Büchern. Einige der gefundenen Briefkonvolute ließ Geiger auch in seine Literatur einfließen, etwa in seinen Erfolgsroman „Unter der Drachwand“. „Das glückliche Geheimnis“ ist jedoch mehr als ein Loblied auf den Müll. Gleichzeitig kann man das Buch als Autobiographie Geigers lesen: Da geht es um das Ringen um Erkenntnis, um beruflichen Erfolg und Selbstzweifel, um die Demenzerkrankung des Vaters, um den Schlaganfall der Mutter, um Liebesbeziehungen mit mehreren Frauen gleichzeitig, die nicht ohne Verwundungen stattfinden.

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Verpuppt
Otto Müller Verlag

5. ex aequo: Ana Marwan (26 Punkte)

„Verpuppt“, Otto Müller

Für ihren Text „Die Wechselkröte“ wurde die in Slowenien geborene Schriftstellerin Ana Marwan im vergangenen Jahr mit dem Ingeborg Bachmann-Preis ausgezeichnet. Marwan ist eine buchstäblich zweisprachige Autorin, denn sie verfasst ihre Texte sowohl auf Slowenisch als auch auf Deutsch – was im Literaturbetrieb eher selten vorkommt. Ihr Roman „Verpuppt“ erschien im slowenischen Original 2021, nun liegt er auch in deutscher Übersetzung vor. Die Schriftstellerin verwebt darin viele verschiedene Themen miteinander: Das Buch beginnt mit einer unkonventionellen Beziehungsgeschichte zwischen einer jungen Frau und einem älteren Mann, doch dann nimmt der Roman viele unerwartete Wendungen. Um das Chaos der Welt zu bändigen, erfindet Marwans Hauptfigur Geschichten und Personen und gestaltet die Wahrheit immer wieder neu. „Jede Geschichte ist eine Gewalt an der Wahrheit“ schreibt Ana Marwan. Mit „Verpuppt“ ist ihr ein fesselnder Anti-Roman gelungen, der mit unseren Erwartungshaltungen spielt und immer wieder verblüffende neue Wege einschlägt.

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Die geheimste Erinnerung der Menschen
Hanser

5. ex aequo: Mohamed Mbougar Sarr (26 Punkte)

Die geheimste Erinnerung der Menschen“, Hanser
Übersetzung: Holger Fock, Sabine Müller

Mit seinem Roman „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ hat Mohamed Mbougar Sarr 2021 für großes Aufsehen gesorgt. Zum einen ist Sarr mit 31 Jahren der jüngste Preisträger des renommierten Prix Goncourt, zum anderen ist er der erste Senegalese, dem diese wichtigste literarische Auszeichnung Frankreichs verliehen wurde. Die Hauptfigur in Sarrs Roman, der junge Senegalese Diégane, stößt darin auf ein in Vergessenheit geratenes Kultbuch: „Labyrinth des Unmenschlichen“ von T.C. Elimane. Als dieser Roman 1938 erschien, wurde sein Autor als der „schwarze Rimbaud“ gefeiert, doch nach einem Skandal und rassistischen Anfeindungen aus der Literaturkritik verschwand Elimane in der Versenkung. In Diéganes Freundeskreis, einer Clique junger Intellektueller aus der afrikanischen Diaspora, wird das Buch bald zur Bibel ihrer eigenen schriftstellerischen Ambitionen und Diégane beschließt sich auf die Spuren des geheimnisvollen Schriftstellers zu machen. Eine Suche, die ihn über drei Kontinente führt und immer größere Rätsel aufgibt – und gleichzeitig zu einer kritischen Parabel auf den Literaturbetrieb der Gegenwart wird.

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Frankie
Hanser

7. Michael Köhlmeier (24 Punkte) NEU

Frankie“, Hanser

Michael Köhlmeier ist nach zahlreichen historischen Romanen wieder in der Gegenwart angekommen. In seinem neuen Buch begibt sich Köhlmeier auf die Spuren eines Teenagers. "Frankie“ ist ein spannungsgeladener Roman über das Erwachsenwerden. Der Titel des Buchs ist gleichzeitig der Name von Köhlmeiers Protagonisten: Frankie ist 14 Jahre alt, lebt bei seiner Mutter in Wien und wächst ohne Vater auf. Doch dann taucht plötzlich eine – wenn auch zwielichtige – Vaterfigur in seinem Leben auf: Frankies Großvater, ein Kapitalverbrecher, wird nach 18 Jahren aus dem Gefängnis entlassen und vereinnahmt den Buben für sich. Bei aller Angst ist Frankie von dem Mann fasziniert, das Böse scheint ihn anzuziehen. Es beginnt ein Duell um Macht und Männlichkeit. Dieser Lebensabschnitt, wo man „mit einem Bein noch in der Unschuld und mit einem Bein schon in der Erfahrung“ stehe, habe ihn schon immer fasziniert, sagt Michael Köhlmeier. Sein Roman ist eine einfühlsame Erzählung über Vorbilder, ein gestohlenes Auto und wie schnell man als Heranwachsender ins Schleudern kommen kann. „Frankie“ ist kein Jugend-Buch, sondern ein Roman für alle Generationen.

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Wovon wir leben
Zsolnay

8. Birgit Birnbacher (15 Punkte) NEU

Wovon wir leben“, Zsolnay

Es gibt wohl keinen gesellschaftlichen Bereich, der gerade so im Umbruch begriffen ist wie unsere Arbeitswelt. Der Mangel an Arbeitskräften, die zunehmende Erschöpfung der ArbeitnehmerInnen – Diskussionen über Arbeitszeitverkürzungen und besserer Bezahlung in Mangelberufen haben derzeit Hochkonjunktur. Um das Thema Arbeit dreht sich auch alles im neuen Roman von Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbach: „Wovon wir leben“ lautet der sprechende Titel. Im Zentrum steht Julia Noch, eine Krankenschwester, die eine schwere Asthmaerkrankung am weiteren Ausüben ihres Berufs hindert. Zur Erholung zieht sie zurück ins Dorf ihrer Eltern, sieht sich dort jedoch sogleich mit neuen Aufgaben konfrontiert. Ihre Mutter hat sich nach Jahrzehnten der Selbstaufgabe endlich einen Jugendtraum erfüllt und hat sich nach Italien abgesetzt, und so bleibt die Pflege ihres behinderten Bruders und ihres altersschwachen Vaters ihr überlassen. Rund um diese Figur entwirft Birgit Birnbacher ein Mosaik unterschiedlichster Arbeitsrealitäten, wobei deutlich wird: Die Freiheit, sich selbst zu verwirklichen, haben die wenigsten.

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Das Liebespaar
dtv

9. Julia Schoch (12 Punkte) NEU

Das Liebespaar des Jahrhunderts“, dtv

„Biographie einer Frau“ heißt die Romantrilogie, an der Julia Schoch gerade arbeitet. Nicht zufällig fühlt man sich bei dem schlichten Titel an Nobelpreisträgerin Annie Ernaux erinnert, denn auch bei Schoch handelt es sich um ein autofiktionales Erzählprojekt. Im ersten Teil „Das Vorkommnis“ erzählte Schoch von einer flüchtigen Begegnung mit einer Frau, die ihr ohne große Erklärungen mitteilte, dass sie beide denselben Vater hätten. Im zweiten Teil „Das Liebespaar des Jahrhundert“ zeichnet Schoch eine Liebesbeziehung im Laufe der Jahrzehnte nach, die sich vor allem aus ihren eigenen Erinnerungen speist. Schoch setzt ein beim Kennenlernen an einer ostdeutschen Universität kurz nach dem Mauerfall, erzählt von der unbeschwerten Zeit frischer Verliebtheit und den Herausforderungen des Familienlebens – bis zum langsamen Prozess einer Entfremdung voneinander, der nach 31 Jahren des Zusammenseins schließlich zu einer klaren Entscheidung führt: Trennung.

Die Geschichte von Romana
Residenz

10. Sofia Andruchowytsch (9 Punkte) NEU

Die Geschichte von Romana“, Residenz
Übersetzung: Alexander Kratochvil, Maria Weissenböck

Sofia Andruchowytsch, geboren 1982 in Iwano-Frankiwsk, zählt zu den bedeutendsten Stimmen der zeitgenössischen ukrainischen Literatur. 2020 erschien in der Ukraine das „Amadoka-Epos“, ein dreiteiliges Romanprojekt, in dem die Schriftstellerin die komplexe Geschichte des Landes im 20. Jahrhundert nachzeichnet. Die Veröffentlichung sorgte in ihrer Heimat für großes Aufsehen und heftige Diskussionen, denn Andruchowytsch greift darin nicht nur die Krim-Annexion 2014 auf, sondern auch die unaufgearbeitete Vergangenheit während des Nationalsozialismus. Mit „Die Geschichte von Romana“ ist im Residenz-Verlag nun der erste Teil der Trilogie auf Deutsch erschienen. Im Mittelpunkt steht die Archivarin Romana, deren Mann seit dem Krieg im Donbass als vermisst gilt. In einem schwer verwundeten Soldaten, dem der Krieg sein Gedächtnis genommen hat und sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt hat, glaubt sie ihren Mann schließlich wieder zu erkennen. Täglich besucht sie ihn im Krankenhaus, um durch ihre Erzählungen seine Erinnerungen anzuregen.

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