Bestenliste
ORF

Die besten 10 im Dezember 2021

Die Jury hat aus den unzähligen Neuerscheinungen ihre Lieblingsbücher gewählt.

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Herscht
S. Fischer

1. László Krasznahorkai (36 Punkte)

„Herscht 07769“, S. Fischer
Übersetzung: Heike Flemming

Der ungarische Schriftsteller László Krasznahorkai ist einer der bekanntesten europäischen Autoren. Zuletzt wurde er mit dem Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur ausgezeichnet, auf den Wettlisten für den Literaturnobelpreis steht er seit Jahren ganz weit oben. Seinen jüngsten Roman „Herscht 07769“ siedelt er in Thüringen an: in einer fiktiven Kleinstadt, die von Neonazis unterwandert wird. Die Zahl im Titel ist die Postleitzahl des erdachten Ortes, Herscht Florian heißt die Hauptfigur. Der Roman besteht aus einem einzigen, vor sich hin wuchernden Satz. Und ist auch eine radikale Auseinandersetzung damit, was von der Idee der Freiheit seit der Wende 1989 in den Ländern des so genannten Ostblocks übrig geblieben ist. László Krasznahorkai beweist mit diesem Roman abermals, dass sein Werk völlig zurecht zur Weltliteratur gezählt wird.

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Kukum
Wieser

2. Michel Jean (28 Punkte) NEU

Kukum“, Wieser
Übersetzung: Michael von Killisch-Horn 

Michel Jean zählt zu den wichtigsten indigenen Schriftstellern Kanadas, in seinem Schreiben setzt er sich immer wieder mit dem Schicksal der autochthonen Bevölkerung des Landes auseinander. „Kukum“ bedeutet in der Sprache der Innu „Urgroßmutter“, und so ist es auch die Geschichte seiner Urgroßmutter Almanda Siméon, die Michel Jean in dem gleichnamigen Roman erzählt. Mit 15 Jahren verliebt sich Almanda in den jungen Innu Thomas Siméon – allen kulturellen Barrieren zum Trotz heiraten die beiden und leben fortan unter dem Nomadenstamm, dem er angehört. Über diese ungewöhnliche Liebesgeschichte erzählt Michel Jean auch von der schrittweisen Zerstörung der indigenen Kultur, deren Angehörige in Reservate gesperrt wurden und die Vernichtung ihrer Lebenswelt mitansehen mussten.  Ein Roman über das wohl dunkelste Kapitel der kanadischen Geschichte. 

Alois Hotschnig: Der Silberfuchs meiner Mutter
Kiepenheuer & Witsch

3. Alois Hotschnig (21 Punkte) 

„Der Silberfuchs meiner Mutter“, Kiepenheuer & Witsch

Alois Hotschnig (1959 in Kärnten geboren) zählt zu den herausragendsten Literaten Österreichs, nur eines ist er nicht: ein Vielschreiber. 13 Jahre sind seit seiner letzten Veröffentlichung vergangen, nun ist der Roman „Der Silberfuchs meiner Mutter“ erschienen, dem die Lebensgeschichte des Schauspielers Heinz Fitz zu Grunde liegt. „Heinz Fritz“ nennt Hotschnig den Ich-Erzähler seines Romans, der darin Klarheit über die Frage nach seiner Herkunft sucht. Während des zweiten Weltkriegs wurde er in Hohenems als Sohn einer Norwegerin und eines Wehrmachtssoldaten geboren, die Mutter war dem Kindsvater hochschwanger nach Vorarlberg nachgereist, als „Deutschenflittchen“ aus ihrer Heimat verstoßen. Ihr Glück sollte sie jedoch auch dort nicht finden – denn der Soldat, der einst mit einem teuren Silberfuchsmantel um sie geworben hatte, war inzwischen mit einer anderen verlobt.

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Blaue Frau
S. Fischer

4. Antje Rávik Strubel (19 Punkte)

„Blaue Frau“, S. Fischer

Für „Blaue Frau“ ist die deutsche Schriftstellerin Antje Rávik Strubel in diesem Jahr mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. Das Machtgefälle zwischen Ost- und Westeuropa und die Omnipräsenz sexueller Gewalt an Frauen sind die beiden Themenkomplexe zwischen denen sich die Handlung des Romans entfaltet. Acht Jahre hat die Schriftstellerin daran gearbeitet, musste dazwischen eine lange Pause machen, weil sie aus Wut nicht weiterschreiben konnte. Im Zentrum steht die Figur Adina: aufgewachsen im tschechischen Riesengebirge, reist die junge Frau im Jahr 2006 nach Deutschland in die Uckermark, wo sie ein Praktikum in einem neu entstandenen Kulturhaus absolvieren soll. Ihr Chef, ein hochrangiger Kulturmanager aus Westdeutschland, vergewaltigt sie brutal. Verstört und mit ihrem Schicksal alleingelassen, flüchtet sich Adina quer durch Europa nach Helsinki. Über das Schicksal der Hauptfigur macht Antje Rávik Strubel in diesem erschütternden Roman das Problem sexueller Gewalt an Frauen als ein strukturelles Problem unserer Gesellschaft greifbar.

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Douglas Stuart: Shuggie Bain
Hanser Berlin

5. Douglas Stuart (17 Punkte)

„Shuggie Bain“, Hanser Berlin
Übersetzung: Sophie Zeitz

Mit seinem ersten Roman hat der schottisch-amerikanische Schriftsteller Douglas Stuart sogleich für Aufsehen gesorgt: 2020 wurde „Shuggie Bain“ mit dem Booker Price ausgezeichnet, dem wichtigsten Literaturpreis im englischen Sprachraum. Stuart wurde 1976 in Glasgow geboren, lebt seit 2000 in New York, hat als Modedesigner für Marken wie Calvin Klein oder Ralph Lauren gearbeitet und lange nur nebenher geschrieben. Die Geschichte, die er in seinem Debütroman erzählt, hat viele Übereinstimmung mit seiner eigenen: „Shuggie Bain“ erzählt von einem Jungen, der in den 80er Jahren in einem ärmlichen Viertel in Glasgow aufwächst. Der Vater ist ein unzuverlässiger Frauenheld, der sich seinen Verpflichtungen entzieht und schnell handgreiflich wird. Die Mutter verfällt zunehmend dem Alkohol - sie zu retten, darum dreht sich das Leben des heranwachsenden Sohnes. „Shuggie Bain“ ist ein zärtliches Porträt einer Frau, die nicht anders kann, als am Leben zu scheitern. Gewidmet hat Douglas Stuart das Buch seiner Mutter, die dem Alkohol erlag als er sechzehn Jahre alt war.

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Barbi Marković: Die verschissene Zeit
Residenz

6. Barbi Marković (16 Punkte) 

„Die verschissene Zeit“, Residenz

Barbi Marković wurde 1980 in Belgrad geboren und lebt seit 2006 in Wien, seit vielen Jahren zählt sie zum markantesten literarischen Nachwuchs im deutschsprachigen Raum. In ihrem neuen Roman „Die verschissene Zeit“ beschäftigt sie sich mit dem Aufwachsen in Kriegszeiten im Serbien der 1990er Jahre. Im Zentrum stehen eine Gruppe Jugendlicher, die den hereinbrechenden Krieg mithilfe eines Computerspiels zu bekämpfen versuchen. „Das Leben ist wie ein unauffälliges Monster“, heißt es einmal im Roman: dieser Text ist auch ein überaus gelungener, wild-poetischer Versuch, dieses Monster zu bändigen.

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der andere ort
Suhrkamp

7. Rachel Cusk (15 Punkte) NEU

Der andere Ort“, Suhrkamp

Ihre Romantrilogie „Outline – Transit – Kudos“ hat die englische Schriftstellerin Rachel Cusk international berühmt gemacht: das autofiktionale Schreibprojekt, das um eine alleinerziehende Mutter und Schriftstellerin kreist, wurde mit den Werken von Genre-Größen wie Karl Ove Knausgård und Annie Ernaux verglichen. Ihr neuer Roman „Der andere Ort“ schildert einen toxischen Machtkampf zwischen einem Mann und einer Frau: Die Schriftstellerin M. lädt den bekannten Maler L. in ihr Haus am Land ein. Sie schätzt den Künstler sehr und spürt in dessen Werken eine tiefe Verbindung zu sich selbst. Doch der Besuch läuft anders als erhofft: L. ignoriert seine Gastgeberin, scheint sich mit ihrem Mann und ihrer Tochter gegen sie zu verschwören und immer mehr in die Ecke zu drängen – doch M. beginnt sich zu wehren.



Aichinger
Edition Korrespondenzen

8. Helga und Ilse Aichinger (14 Punkte) NEU

„Ich schreib für Dich und jedes Wort aus Liebe“, Edition Korrespondenzen

Mit Ilse Aichinger, so heißt es, hat die Literatur nach 1945 begonnen: Zum ersten Mal in der österreichischen Literaturgeschichte ist das Wort „Konzentrationslager“ in ihrer Erzählung „Das Vierte Tor“ gefallen, ein Text, der zur Vorlage für ihren berühmten Roman „Die größere Hoffnung“ geworden ist. Ilse Aichinger wurde 1921, wenige Minuten vor ihrer Zwillingsschwester Helga, als Tochter einer jüdischen Ärztin in Wien geboren. Helga konnte kurz vor dem Krieg mit einem der letzten Kindertransporte nach London fliehen, Ilse blieb bei der Mutter in Wien und musste mitansehen, wie Großmutter, Onkel und Tante deportiert wurden. Der Briefwechsel der vom Schicksal so tragisch getrennten Zwillinge wurde anlässlich des 100. Geburtstags Ilse Aichingers nun erstmals veröffentlicht.

Hervé Le Tellier: Die Anomalie
Rowohlt Hundert Augen

9. ex aequo: Hervé Le Tellier (12 Punkte)

„Die Anomalie“, Rowohlt Hundert Augen
Übersetzung: Romy Ritte und Jörg Ritte

In Frankreich ist Hervé Le Tellier seit den 90er Jahren eine literarische Größe, im deutschsprachigen Raum galt der Schriftsteller lange als Geheimtipp. Mit der deutschen Übersetzung seines Romans „Anomalie“, für den er 2020 mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, wird sich das wohl ändern – die Übersetzung wurde bisher ebenso euphorisch besprochen wie das Original. Die titelgebende „Anomalie“ im Roman lässt sich wie folgt zusammenfassen: am 10. März 2021 fliegt eine Passagiermaschine zwischen Paris und New York durch ein schweres Unwetter. Anstatt abzustürzen, scheint sich das Flugzeug – inklusive Insassen! – jedoch einfach verdoppelt zu haben. Die eine Boing landet planmäßig im März, die andere taucht einige Monate später plötzlich am Himmel auf. Die philosophischen Fragen, die aus diesem Gedankenspiel folgen, hat Hervé le Tellier in ein literarisches Meisterwerk verwandelt.

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Sasha Marianna Salzmann: Im Menschen muss alles herrlich sein
Suhrkamp

9. ex aequo: Sasha Marianna Salzmann (12 Punkte)

„Im Menschen muss alles herrlich sein“, Suhrkamp

Sasha Marianna Salzmann wurde in Deutschland vor allem als Dramatikerin bekannt, seit 2013 ist sie Hausautorin am Maxim Gorki-Theater Berlin, „Im Menschen muss alles herrlich sein“ ist ihr zweiter Roman. Im Zentrum stehen vier Frauen, zwei Mütter und zwei Töchter, die alle mit den Nachwehen der Emigration aus der Sowjetunion hadern. Die Flucht in die deutsche Bundesrepublik hat das Leben der Mütter in ein Davor und Danach geteilt – dass die Töchter zu jener Zeit davor keinerlei Bezug aufbauen können, ist der Grund, warum sich die Figuren immer mehr voneinander entfremdet haben. Sasha Marianna Salzmann ist in Moskau aufgewachsen, im Alter von 10 Jahren kam sie nach Deutschland, wo ihre Familie als jüdische Kontingentflüchtlinge aufgenommen wurde. Den Konflikt zwischen Eltern und Kindern, den ihr Roman schildert, nimmt Salzmann bei vielen aus der Generation der „Post-Sowjets“ wahr. „Im Menschen muss alles herrlich sein“ ist auch ein Aufruf, aufeinander zuzugehen.

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