Alois Hotschnig
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Der Beste im Oktober 2021: Alois Hotschnig

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Eine Erzählung über die Notwendigkeit des Erzählens: Alois Hotschnig legt mit „Der Silberfuchs meiner Mutter“ einen neuen Roman. Im Rahmen eines heute startenden Hotschnig-Schwerpunkts wird er präsentiert.

Innsbruck – Alois Hotschnig ist ein verwegener Erzähler – und er gehört doch zu den ruhigeren Vertretern seiner Zunft. Auch um den seit Langem in Innsbruck lebenden Autor ist es zuletzt ruhig geworden. Beinahe dreizehn Jahre ist es her, dass Hotschnig sein letztes Buch veröffentlicht hat. Die Erzählsammlung „Im Sitzen läuft es sich besser davon“ (2009) habe ihn an einen Endpunkt gebracht, sagt er: „an einen Horizont, an dem ich mich neu orientieren musste“. Der Schweizer Essayist Markus Bundi ist Hotschnigs Weg dorthin bereits 2015 nachgegangen – und hat seinen hellsichtigen Lektürereport mit „Vom Verschwinden des Erzählers“ überschrieben. In Hotschnigs Texten, so Bundis Beobachtung, gibt es keine erkennbare Erzählinstanz mehr, kein „Ich“, „Er“ oder „Sie“, der, die oder das die Lesenden durch das Erzählte führt. Es wird nichts vorgekaut oder nachgebetet. Der Text entfaltet sich – ohne Sicherheitsnetz, aber bisweilen mit doppeltem Boden. Er lässt sich nicht einfach (weg-)lesen. Er fordert für sich ein, erlesen zu werden.

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Mit „Der Silberfuchs meiner Mutter“ erscheint nun ein neuer Roman von Alois Hotschnig. Schon das Possessivpronomen im Titel macht klar: Da sagt jemand „ich“. Hat Hotschnig also am Horizont seines radikalen Erzählexperiments kehrtgemacht? Im Gegenteil: „Der Silberfuchs meiner Mutter“ ist ein konsequent-komponierter Schritt nach vorne auf bislang noch unerschlossenes Erzähl-Territorium – und mithin Hotschnigs riskantester Text.

Aber der Reihe nach: Ja, da sagt einer „ich“. Mehr noch: Hotschnig entwickelt seine Erzählung aus einer tatsächlichen Begebenheit. Er erzählt an einem echten Leben entlang. Auf den ersten Blick folgt „Der Silberfuchs meiner Mutter“ biografischen Etappen des früheren Landestheater-Schauspielers Heinz Fitz.

Fitz, Jahrgang 1942, Sohn eines Wehrmachtssoldaten und einer Norwegerin kam kurz nach seiner Geburt in ein so genanntes „Lebensborn“-Heim der SS. Dort sollte der kruden nationalsozialistischen Rassentheorie folgend „erbgesunder“ Nachwuchs herangezogen werden.

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In den vergangenen Jahren hat Fitz seine Lebensgeschichte – das spätere Heranwachsen mit einer fremden Mutter, die Ablehnung von Stief- und leiblichem Vater, die Flucht ins Schauspiel – öffentlich gemacht. Hotschnig hat durch eine Fernsehdoku, in die er zufällig zappte, von ihr erfahren – und das Gespräch mit Fitz gesucht. „In der Hoffnung, dass, sein Einverständnis vorausgesetzt, der Austausch zum Ausgangspunkt eines Romans werden könnte“, sagt der Autor.

Alois Hotschnig: Der Silberfuchs meiner Mutter
Kiepenheuer & Witsch

Roman also, nicht Biografie; Erzählung, nicht Nacherzählung. Und Erzählen heißt bei Hotschnig immer bedingungsloses Erzählen. Das Erzähl-Ich heißt Heinz Fritz. Ein Schlüsselroman ist „Der Silberfuchs meiner Mutter“ trotzdem nicht. Das Text-Ich ist mehr, als eine um ein R erweiterte Version dessen, was man gemeinhin Realität nennt. Die Spuren der Realität sind vielmehr der Schlüssel zu einer Geschichte über das Erzählen von Geschichten. Der Erzähler sagt „ich“. Er erinnert sich. Und der Text erklärt das „ich“ und sein Erinnern zu Behauptungsversuchen. Dieses „ich“ ist die Summe vieler „ichs“, es speist sich aus vielen Stimmen, aus Erfahrenem und Angelesenem, aus sprichwörtlich Erprobtem und Zugeschriebenem. Dieses „ich“ ist multiperspektivisch wie ein kubistisches Bild. Seine Geschichten widersprechen sich. Es gibt Brüche und Leerstellen und andere Geschichten, die sie füllen. Manche lassen sich nachprüfen. Andere bleiben auch ohne Beleg wirkmächtig.

Da erzählt einer um sein Leben, erzählt sich – und legt dabei ganz andere Geschichten frei. Die Geschichte einer Mutter, die weder all zu eindeutiges Opfer war noch klare Täterin; die Geschichte eines Schauspielers, der erst zu sich findet, wenn er andere spielt; die Geschichte eines Lebens, das exemplarisch für viele Leben steht – und die doch nicht zum Exempel taugt. „Der Silberfuchs meiner Mutter“ ist kein weiteres Kapitel NS-Kitsch, kein der Wirklichkeit entlehntes Rührstück aus dunklen Zeiten, keine einfache Anklage und keine mit Fiktion ausgepolsterte Geschichtsstunde.

Der Roman ist eine Erzählung über die Notwendigkeit des Erzählens – und darüber, dass es keine einfachen Geschichten gibt. Mit anderen Worten: Das Warten auf Alois Hotschnigs neues Buch, seinen ersten Roman seit „Ludwigs Zimmer“ (2000), hat sich gelohnt. „Der Silberfuchs meiner Mutter“ ist große Erzählkunst. In Innsbruck wurde sein Erscheinen mit einem dreitägigen Hotschnig-Schwerpunkt gewürdigt.

Text: Joachim Leitner, Tiroler Tageszeitung

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Alois Hotschnig: Der Silberfuchs meiner Mutter
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