Bestenlisten-Plakat
ORF

Die besten 10 im September 2021

Die Jury hat aus den unzähligen Neuerscheinungen ihre Lieblingsbücher gewählt.

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Dunkelblum
Kiepenheuer & Witsch

1. Eva Menasse (35 Punkte) NEU

„Dunkelblum“, Kiepenheuer & Witsch

„Dunkelblum“ nennt sich der fiktive Ort, an dem Eva Menasse die Handlung ihres neuen Romans ansiedelt. Es ist das geschichtsträchtige Jahr 1989 und nicht nur die Unruhe an der nahen ungarischen Grenze versetzt die burgenländische Gemeinde in Aufruhr – es sind vor allem unangenehme Fragen, die den Bewohnern und Bewohnerinnen plötzlich gestellt werden. Fragen nach der Vergangenheit, nach der Zeit kurz vor Kriegsende und den jüdischen Zwangsarbeitern, die damals in der Region ermordet wurden. Wie schon Elfriede Jelinek und zuletzt Raphaela Edelbauer arbeitet sich Eva Menasse an dem Rätsel des Massakers von Rechnitz ab. Dabei maßt sich die Schriftstellerin keine Antworten auf die Hintergründe des Verbrechens an, vielmehr geht es um die Frage, wie so viele so lange schweigen konnten.

Matou
Hanser

2. Michael Köhlmeier (20 Punkte) NEU

„Matou“, Hanser

Es sei die Summe seiner bisherigen Schriftstellerei, sagt Michael Köhlmeier über seinen neuen Roman „Matou“. Das knapp 1000-seitige Monumentalwerk ist ein buchstäblicher Streifzug durch die Jahrhunderte: denn die titelgebende Hauptfigur ist ein Kater, der von seinem Schöpfer mit sieben Leben und einem unstillbaren Wissensdurst ausgestattet wurde. Geboren wird Matou zur Zeit der französischen Revolution, seine sieben Leben führt der Kater an der Seite unterschiedlichster Persönlichkeiten, er lebt mit prominenten Künstlern genauso wie mit Politikern. Der Roman ist voller literarischer, philosophischer und historischer Verweise: Im Zentrum steht dabei stets die Frage, was den Menschen vom Tier unterscheidet.

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Mein Lieblingstier
S. Fischer

3. ex aequo: Ferdinand Schmalz (19 Punkte)

„Mein Lieblingstier heißt Winter“, S. Fischer

„Mein Lieblingstier heißt Winter“ – das war auch der Titel des Manuskripts, mit dem Ferdinand Schmalz 2017 den Bachmannpreis gewonnen hat. Daraus ist nun der erste Roman des Dramatikers geworden, der mit Stücken wie „dosenfleisch“ und „jedermann (stirbt)“ zu einem der gefragtesten Theaterautoren Österreichs geworden ist. Sein Romandebut ist eine Art Kriminalroman: die Hauptperson mit dem klingenden Namen Franz Schlicht begibt sich darin auf die Suche nach einer verschwundenen Leiche. In unterschiedlichen Kapiteln umkreist Schmalz einmal mehr das Thema Tod, wie in seinen Stücken sind es auch hier die skurrilen Geschichten und Figuren, die faszinieren. Mit viel Gefühl und jeder Menge Humor erzählt Schmalz von Menschen, die der Welt abhandengekommen sind.

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Der versperrte Weg
Wallstein

3. ex aequo: Georges-Arthur Goldschmidt (19 Punkte)

"Der versperrte Weg", Wallstein 

Am 18. Mai 1938 schickte die Familie Goldschmidt ihre beiden Söhne, Erich (14) und Jürgen-Arthur (10) von Hamburg mit dem Zug zu Verwandten nach Italien. Es ist der Beginn eines Exils, das der 93-Jährige Georges-Arthur Goldschmidt seit mehreren Jahrzehnten im Schreiben zu fassen versucht. Sein jüngstes Buch „Der versperrte Weg“ trägt den Untertitel „Roman des Bruders“ – zum ersten Mal erzählt Goldschmidt ausführlich von seinem älteren Bruder Erich, der ihn auf der Flucht vor den Nazis begleitete, von Italien weiter nach Frankreich, wo sie sich das Brüderpaar in einem katholischen Erziehungsheim verstecken konnte. Mit 18 schloss sich Erich der Résistance an, überlebte den Krieg und wurde später Offizier der Fremdenlegion. „Der versperrte Weg“ ist ein Roman darüber, wie das Schicksal zwei Menschen zusammenschweißt und das Leben sie dennoch voneinander entfernt.

Entweder
Suhrkamp

5. Oswald Egger (16 Punkte)

"Entweder ich habe die Fahrt am Mississippi nur geträumt, oder ich träume jetzt", Suhrkamp

Wenn das Wort „Gesamtkunstwerk“ auf eine der Neuerscheinungen dieser Saison zutrifft, dann zweifellos auf Oswald Eggers „Entweder ich habe die Fahrt am Mississippi nur geträumt, oder ich träume jetzt“. Denn das Buch des in Südtirol aufgewachsenen Sprachkünstlers ist allein schon optisch beeindruckend: Dem Fließtext sind zahlreiche Aquarelle und Zeichnungen der titelgebenden Flusslandschaft beigefügt, die von Egger selbst stammen. So ausufernd der Gedankenstrom scheint, auf dem der Autor den Geschichten österreichischer Auswanderer nach Amerika folgt – formal ist dieser Strom strikt gebettet. In insgesamt 386 und stets gleich langen Absätzen breitet Oswald Egger ein sprachliches Panorama der Mississippi-Landschaft aus, das – so ist man nach der Lektüre verleitet zu sagen – eine Reise dorthin fast ersetzen könnte.

Sommer
Luchterhand

6. Ali Smith (12 Punkte)

"Sommer", Luchterhand
Übersetzung: Silvia Morawetz

Mit „Sommer“ ist nun der letzte Teil von Ali Smiths hochgelobter Jahreszeiten-Tetralogie auf Deutsch erschienen. Vier Bücher in vier Jahren – das Projekt der schottischen Schriftstellerin ist nicht weniger als der Versuch, der Gegenwart im Schreiben habhaft zu werden. Genauer gesagt: die politisch prekäre Entwicklung Großbritanniens seit dem Brexit-Referendum literarisch greifbar zu machen. Dieses Kunststück gelingt Smith durch die enge Verstrickung gesellschaftlicher Diskurse mit dem Figurenarsenal der Romane. „Sommer“ setzt im Jahr 2020 an, nur weniger Tage nach dem offiziellen Brexit-Datum. Durch die problematische Beziehung zwischen einem ungleichen Geschwisterpaar macht Ali Smith deutlich, wie ignorant sich die britische Regierung gegenüber den großen Krisen der Gegenwart verhält – sei es nun Corona, die Klimakatastrophe oder die schleichende Verarmung weiter Teile der Bevölkerung.

2001
Hanser Berlin

7. ex aequo: Angela Lehner (8 Punkte) NEU

"2001", Hanser Berlin

Für ihren ersten Roman „Vater unser“ erhielt Angela Lehner gleich mehrere Preise, darunter den renommierten Rauriser Literaturpreis und den österreichischen Buchpreis für das beste Debüt. In ihrem neuen Roman reist Lehner zurück in das Jahr 2001, und damit in die Zeit ihrer eigenen Jugend. Es ist jenes Jahr, in dem Discmans und Tastenhandys noch existiert haben, BSE die Schlagzeilen dominiert hat, und 9/11 schließlich den weltweiten Krieg gegen den Terror eingeläutet hat. Schauplatz des Romans ist ein Wintersportort in den österreichischen Bergen. Lehner macht eine Jugendliche zur Ich-Erzählerin, die elternlos, immer öfter die Schule schwänzt, und von einer Rap-Karriere träumt. Mit „2001“ ist Angela Lehner ein starkes Generationenporträt gelungen, humorvoll und unsentimental zugleich.

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aufbau

7. ex aequo: Barbara Frischmuth (8 Punkte)

„Dein Schatten tanzt in der Küche“, Aufbau

Als Mitglied der legendären Grazer Gruppe rund um Wolfgang Bauer und Peter Handke hat Barbara Frischmuth ihre Karriere Ende der 1960er Jahre mit dem Roman „Klosterschule“ begonnen, seither hat sich die gebürtige Altauseerin immer wieder neu erfunden. Ihr Schreiben ist stark von ihrer Arbeit als Übersetzerin aus dem Türkischen und Ungarischen geprägt, ebenso wie von ihrer jahrzehntelangen Leidenschaft für den Garten und die Natur. Ihr neuer Erzählband „Dein Schatten tanzt in der Küche“ greift auf den gesamten Frischmuth-Kosmos zurück: Die fünf Erzählungen handeln von fünf unterschiedlichen Frauen, die mit schweren Schicksalsschlägen zu kämpfen haben und dabei dennoch konsequent ihren Weg weitergehen. Es sind die kleinen Details, die Frischmuth schillern lässt und aus denen trotz tragischer Wendungen viel Komik spricht.

Der Doppelgänger
Galiani Berlin

7. ex aequo: Fjodor Dostojewski: (8 Punkte) NEU

"Der Doppelgänger", Galiani
Übersetzung: Alexander Nitzberg

Als „Der Doppelgänger“ im Jahr 1945 erscheint, hat Dostojewski gerade seinen schriftstellerischen Durchbruch mit der Erzählung „Arme Leute“ hinter sich. Im Gegensatz zu seinem Debüt fällt „Der Doppelgänger“ bei der Kritik jedoch durch. Die Geschichte eines jungen Beamten, der von seinem Doppelgänger Schritt für Schritt aus dem eigenen Leben gedrängt wird, gilt den Zeitgenossen wegen der ungewöhnlichen Phantastik und der komplexen Erzählstruktur als unlesbar. Selbstkritisch überarbeitet Dostojewski das Manuskript 20 Jahre später, kürzt und glättet den Text für sein Publikum. In der Übersetzung von Alexander Nitzberg ist nun erstmals die Urfassung der Erzählung auf Deutsch erschienen, die deutlich macht, wie surreal, komisch und nicht zuletzt modern der junge Dostojewski diese Geschichte über Original und Fälschung seinerzeit gedacht hat.

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