Eva Menasse
Jörg Steinmetz

Die Beste im September 2021: Eva Menasse

Werbung


Dunkelblum wehrt das Erinnern ab

Eva Menasse entspinnt aus dem Verbrechen von Rechnitz einen Anti-Heimat-Roman.

Zwar wissen wir wenig über das Massaker an jüdischen Zwangsarbeitern, das sich in den letzten Kriegstagen 1945 im burgenländischen Rechnitz ereignet hat, doch erstaunlich viel ist darüber publiziert worden. In den vergangenen 30 Jahren arbeiteten Historiker und Journalisten an der Aufklärung, Dokumentar- und Spielfilme, Romane und Theaterstücke entstanden, darunter das Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“ von Elfriede Jelinek.

Die erwiesenen Fakten sind lückenhaft. Fest steht, dass die Nazis in den letzten Kriegswochen auf ihrem Rückzug vor der Roten Armee Zigtausende jüdische Zwangsarbeiter aus Ungarn nach Westen trieben, Richtung KZ Mauthausen. Am 24. März 1945 traf ein solcher Elendszug in Rechnitz ein. In der Nacht auf 25. März mussten einige am Ortsrand eine Grube ausheben, etwa 180 schwache und kranke Zwangsarbeiter wurden erschossen und hineingeworfen. Andere mussten die Grube zuschütten, ehe auch sie erschossen wurden.

Eva Menasse
Jörg Steinmetz

Die Täter gehörten zu Teilnehmern eines Kameradschaftsabends der NSDAP, zu dem Graf und Gräfin Batthyány Angehörige der Gestapo und der SA sowie lokale Parteibonzen in ihr Schloss eingeladen hatten. Ein gutes Dutzend der Gäste, so die Mutmaßung, beging das Massaker und kehrte zum Weiterfeiern ins Schloss zurück. Trotz jahrelanger Suche wurde das Massengrab bis heute nicht gefunden, die Zahl der Opfer ist nicht bekannt, über die Identität der Täter kann nur gemutmaßt werden. Ein Volksgerichtsverfahren in den ersten Nachkriegsjahren erbrachte keine Klärung. Die Täter waren flüchtig oder blieben unbehelligt. Zwei Zeugen wurden während des Verfahrens ermordet. Die Rechnitzer verschwiegen, was sie wussten. Ihre Verstocktheit stigmatisiert den Ort bis heute.

Angelehnt an diese Ereignisse legt Menasse einen Roman vor, der die Auswirkungen dieses Verbrechens nachzeichnet. Mit dem titelgebenden Städtchen Dunkelblum ist erkennbar Rechnitz gemeint.

Zur Gattung des österreichischen Anti-Heimat-Romans, den Eva Menasse offensichtlich angestrebt hat, haben seit den 1960er-Jahren viele wichtige Autoren modellhafte Werke beigetragen – von Hans Lebert, Thomas Bernhard und Christoph Ransmayr bis Norbert Gstrein, Josef Winkler und Elfriede Jelinek. Sie alle folgen einem ähnlichen Erzählmuster, dessen sich auch Eva Menasse in „Dunkelblum“ bedient: Sie beschreiben Nachkriegs-Österreich im Inbild eines Dorfs voller verstockter Einheimischer, die ihre verschwiegenen Verbrechen so lang vertuschen konnten, bis ein Fremder ins Dorf kommt, ihre Untaten aufdeckt und die heimlich verscharrten Toten wieder ausgräbt – buchstäblich und metaphorisch. In der Großmetapher des bösen Dorfs wird auch im Roman „Dunkelblum“ die Geschichtsvergessenheit der Zweiten Republik allegorisiert, die ihre NS-Vergangenheit die längste Zeit ausblendete, bis eine neue Autorengeneration mit diesen Geschichtslügen aufzuräumen begann. Offensichtlich soll sich „Dunkelblum“, wenn auch verspätet, in diese glanzvolle Gattung der österreichischen Nachkriegsliteratur einschreiben. Und Eva Menasse, die sich in ihrem ersten Leben als Journalistin mit einem Reportagenband über den Londoner Prozess gegen den Holocaustleugner David Irving Ansehen erworben hat, scheint dazu prädestiniert zu sein.

Seit ihrem Debütroman „Vienna“ (2005) hat sie sich als unterhaltsame Erzählerin etabliert, die historischen Ernst und politische Schärfe mit einem vergnüglichen sarkastischen Schreibstil camoufliert. Mit genüsslicher Biestigkeit geißelt sie die moralische Schlamperei der Österreicher und deren eigentümliche Mentalität – Fremden- und Judenhass, Neigung zur Selbstmythisierung, gemütliche Herzenskälte.

Auch in „Dunkelblum“ sucht sie der Vergesslichkeit und dickfelligen Niedertracht ihrer Landsleute beizukommen. Sie breitet ein Panorama der Bewohner aus: ein ausdifferenziertes Wimmelbild, das als Modell für Österreich einstehen kann.

Dunkelblum
Kiepenheuer & Witsch

Was die älteren Dunkelblumer gemeinsam haben, ist die ungenaue Erinnerung an eine geheim gehaltene und nie gesühnte Schuld aus den letzten Kriegstagen. Die einen hocken als selbstzufriedene Besitzer eines Hotels oder einer Villa im arisierten Eigentum vertriebener Juden. Andere haben auf das Gelände des niedergebrannten Schlosses ihr Autohaus und ihren Drogeriemarkt hingebaut und mit deren banal florierender Existenz den Boden der Geschichte versiegelt. Der Arzt, der in der Praxis seines jüdischen Vorgängers ordiniert, weiß von vergrabenen Toten, zieht es jedoch vor, schweigend in Pension zu gehen. Genau Bescheid weiß der Besitzer des Modehauses, Ober-Nazi und Judenhasser, immer noch mächtiger Strippenzieher und gewiefter Leugner seiner Kriegsverbrechen und der seiner Ex-Kameraden im Ort.

Im Spätsommer 1989, der Gegenwartsebene des Romans, gerät alles in Aufruhr. Nebenan in Ungarn fällt der Eiserne Vorhang. Aus Wien kommen Studenten, um den verwahrlosten jüdischen Friedhof von Dunkelblum instand zu setzen. Auf der Suche nach einem angeblichen Massengrab beginnt ein Fremder, ein Herr Dr. Gellért aus Boston, im Ort herumzufragen. Bei den Außenseitern der Gemeinde, dem jüdischen Greißler, dem schwulen Hobbyhistoriker und den verrückten alten Frauen, beginnt das Verdrängte zu rumoren. Und zum Entsetzen der Mittäter und Mitwisser von einst wird zum Bau eines Wasserspeichers die Wiese am Ortsrand aufgegraben, wobei prompt ein Skelett zum Vorschein kommt.

Dabei belässt es Menasse auch schon. So detailfreudig ihre Fantasie beim Ausmalen des fiktiven Biotops von Dunkelblum arbeitet und so sehr die Autorin in einem scheingemütlichen Erzählton voller Austriazismen schwelgt, um die bodenständige Gemeinheit ihrer Figuren zu illustrieren, so strikt versagt sie es sich, die Mordnacht zu imaginieren. Das Massaker bleibt die verschwiegene Leerstelle im Zentrum des Romans. Menasse belässt es bei Andeutungen. Der Roman weiß nicht mehr, als wir alle über das reale Rechnitz wissen können. Nur die Gräfin Dunkelblum lässt sich beim Interview in ihrem Luxusexil in Lugano ein paar Hinweise auf schattenhafte Täter entlocken.

Der Rest ist Schweigen. Das ehrt das literarische Feingefühl der Autorin. Dennoch fühlt man sich vage düpiert. „Das ist nicht das Ende der Geschichte“, lautet der letzte schale Satz des Romans.

Text: Sigrid Löffler, Salzburger Nachrichten

Eva Menasse: „Dunkelblum“
Roman, 524 Seiten, KiWi, Köln 2021
Kiepenheuer & Witsch

Link: