
Schrecklich schöne Bausünden:
Konsum-Labyrinthe
Der Normverstoß gegen den so genannten guten Geschmack, der Stilbruch, das scheinbar Hässliche: sie sind nicht selten faszinierender und reizvoller als das offensichtlich Gefällige – zumal in der Architektur. Eine vierteilige Doku-Reihe setzt sich mit Bauwerken auseinander, die als architektonische Sündenfälle abqualifiziert wurden, aber heute, aus neuer Perspektive betrachtet, durchaus in ihren Bann schlagen können.

In dieser Folge geht es um besonders in Verruf geratene Architekturgattungen: Parkhäuser und Shopping-Center. Regisseur Ralf Pleger zeigt auf unterhaltsame Weise, dass ein Einkaufszentrum ein architektonisches Statement sein kann, und dass sogar ein Parkhausklotz eine spirituelle Ebene und das Zeug dazu hat, als historisches Baudenkmal anerkannt zu werden.

Jedem Sündenfall haftet Verderben an – aber auch etwas unwiderstehlich Verführerisches. Und verführen, das wollen die Konsumtempel, die Shopping-Center und Malls unserer Gegenwart. An einer der prominentesten Adressen Berlins – auf dem Alexanderplatz-Platz - steht ein architektonischer Koloss in schreiendem Pink mit goldenem Dach, der jede Dimension zu sprengen scheint: das Einkaufs- und Freizeitzentrum „Alexa“. „Rosarote Waschmaschine“, „Pharaonen-Grab“ oder „Barbie-Bunker“ sind die Spitznamen, die die Berlinerinnen und Berliner dafür gefunden haben.

Der einstige Bürgermeister Klaus Wowereit bezeichnete den Bau als hässlich. Und doch: er erfüllt seinen Zweck, verführt die Massen zum Kaufrausch. Zehntausende drängten bei der Eröffnung 2007 in den Konsumtempel. Es gab Verletzte. Entworfen wurde „Alexa“ vom österreichischen Architektur-Duo Manfred und Laurids Ortner, die etwa mit dem MuseumsQuartier einen der wichtigsten Kultur-Marker Wiens setzten. Ihre Berliner Mall polarisiert und hat in Fachkreisen durchaus auch hartgesottene Fans.

Shopping-Center haben ihren Ursprung in den USA der 1950er-Jahre und stehen im direkten Zusammenhang mit dem Siegeszug des Automobils. Und heute? Da sollen Cities zu smarten Begegnungszonen werden, aus denen Autos immer mehr verbannt werden. Parkhäuser werden so zu Relikten einer überkommenen Zeit und haben wohl das schlechteste Image aller Baugattungen.

Im Kino- oder in Fernseh-Krimis werden sie als Orte der Angst und des Verbrechens inszeniert. Bedrohlich schwebte schon die Abrissbirne über dem 1964 errichteten Parkhaus am Rödingsmarkt mitten in Hamburg. Und dann die Überraschung: der gigantische Zweckbau wurde 2023 unter Denkmalschutz gestellt. Auch dies ein Fazit von Regisseur Ralf Pleger: architektonische „Schönheit“ ist nicht das Kriterium, einen Bau unter Schutz zu stellen, sondern der historische Kontext, auf den er verweist.
Regie
Ralf Pleger