'ORF Initiative MUTTER ERDE: Klima schützen, Arten schützen - Nachgefragt'

Universum

Verhängnisvolle Wildnis - Wie Tiere Katastrophen meistern

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Gewaltige Natur- und Wetterphänomene können das gewohnte Lebensumfeld völlig vernichten.

Aufgrund der Klimaerwärmung nehmen vor allem Wetterextreme mehr und mehr zu. Wo der Mensch zu technischen Hilfsmitteln greift, um sich dank Vorhersagen möglichst rechtzeitig zu schützen, können sich Tiere nur auf ihre Sinne verlassen – scheinbar besonders auf ihren „sechsten“. WissenschaftlerInnen aus unter-schiedlichsten Disziplinen haben erstaunliche Fähigkeiten und Verhaltensweisen beobachtet und näher erforscht. Während einige Arten in der Lage sind, bevorstehende Katastrophen viele Stunde vor Eintreten wahrzunehmen um zeitgerecht zu reagieren, haben andere ausgeklügelte Wege gefunden, mit der Gefahr vor Ort fertigzuwerden - oder sie sogar zu ihrem Vorteil zu nützen.

ORF/© Saint Thomas Productions

Im Lauf der Jahrmillionen hat sich die Tier- und Pflanzenwelt nicht nur an die Bedingungen der jeweiligen Lebensumgebung angepasst, sondern auch an ihr Verschwinden durch plötzlich eintretende Ereignisse. Die Elemente sind ständig in Bewegung – Wind, Wasser, Luft und Erdreich können paradiesische Zustände schaffen, aber auch innerhalb kürzester Zeit ihre zerstörerische Kraft entfalten. Wie aber gehen Tiere und Pflanzen mit so genannten Wetterextremen und Naturkatastrophen um?  Diese Frage beschäftigt die Wissenschaft unterschiedlichster Disziplinen – nicht zuletzt auch deshalb, weil das beobachtete Verhalten ein natürliches „Warnsystem“ für den Menschen anbieten kann.

Ein anschauliches Beispiel ist an den Hängen des Ätna auf der italienischen Insel Sizilien zu finden. Mit 3357 Metern ist er der höchste aktive Vulkan Europas. Trotz enormer technischer Fortschritte können Vulkanologen noch immer nicht exakt bestimmen, wann ein Vulkan ausbrechen wird. Die Ziegen, die rundum grasen, sind allerdings in der Lage, dies viele Stunden im Voraus zu erkennen. Sie verändern ihr Verhalten, werden zusehends nervös und verlassen bestimmte Plätze. Einige Exemplare sind deshalb mit kleinen Sendern versehen, die physische Bewegung und metabolische Daten „live“ übertragen. Allerdings ist nicht jede Abweichung vom Normalzustand bereits ein Anzeichen für einen bevor-stehenden Vulkanausbruch. Nun gilt es, die „Zeichen der Ziegen“ lesen und richtig einsetzen zu lernen.

Ähnliches ist in den Ozeanen zu beobachten. Viele Fischarten reagieren bereits Tage vor Großereignissen wie Erdbeben, Stürmen oder Tsunamis mit plötzlichem Verschwinden. Dass dies nicht nur Seemanns-garn der Fischer ist, konnten konkrete Tagging-Daten der Haiforschung in den Gewässern Floridas beweisen. Arten wie etwa der Schwarzspitzenhai verbringen ihre meiste Zeit in Küstennähe. Vor jedem herannahenden Sturm verlassen die Haie jedoch die schützenden Buchten, obwohl die offene See für diese kleinwüchsigere Art ein durchaus gefährliches Pflaster ist – hier lauern weit größere Räuber. Haie nehmen feinste Druckunterschiede wahr. Fällt der Luftdruck in bestimmtem Ausmaß und Geschwindig-keit, wie dies etwa vor herannahenden Schlechtwetterfronten zu messen ist, ziehen sich die sensiblen Meeresjäger umgehend in tiefere Gewässer zurück.

ORF/© Saint Thomas Productions

Nicht alle Tierarten können bevorstehenden Gefahren aus dem Weg gehen. Das gilt etwa für Zugvögel. Daten einer Studie über Brachvögel  machen dabei deutlich, dass für dasselbe Problem oft unter-schiedliche Lösungen erprobt werden. Die zierlichen Langstreckenflieger sind Jahr für Jahr während der Hurricane-Saison von Nordamerika nach Brasilien unterwegs. Während die eine Populationsgruppe riesige Umwege in Kauf nimmt, um an ihr Ziel zu gelangen, fliegt die andere quer durch die stürmischen Luftmassen, ohne dabei höhere Verluste an Individuen beklagen zu müssen.

Meist sind es hoch entwickelte körperliche Eigenschaften und Fähigkeiten, die es Tieren und Pflanzen ermöglichen, sich einer bekannten Gefahr direkt stellen zu können. Ameisenvölker in Puerto Rico etwa haben ständig mit Überschwemmungen zu kämpfen und deshalb gelernt, ein lebendes Floß zu bilden, indem sich die Individuen mit den Beinen ineinander verkeilen. Auf dessen trockener Mitte thront die Königin und ein Notvorrat. Der Ameisenstaat kann so tagelang an der Wasseroberfläche treiben, bis er wieder festen Boden unter den Füßen hat.

Die berüchtigten australischen Buschfeuer wiederum haben die Evolution der Fauna und Flora vor Ort zu ganz besonderen Speziallösungen angeregt. Eukalyptusbäume sind aufgrund bestimmter ätherischer Öle höchst entflammbar. Deshalb lassen sie ihre Rinde stetig in großen Stücken fallen, damit heran-nahende Brände den Stamm möglichst wenig beschädigen können. Ihre Samen überdauern dank der speziellen  Schale jede Feuersbrunst. Da die meisten Bodenpflanzen dem Feuer oft gänzlich zum Opfer fallen, hat die Eukalyptussaat auf verbrannter Erde einen entscheidenden Vorteil: ein Jungtrieb hat nun genügend Platz und alle ihn umgebenden Nährstoffe für sich, um sich zu entwickeln.

Doch nicht alle Arten sind daran interessiert, dass ein wütender Buschbrand möglichst rasch wieder verebbt: für Raubvogelarten wie etwa die Habichtfalken sind Brände ein idealer Ort, um rasch satt zu werden. Sie jagen nach Insekten und Kleinsäugern, die den Flammen zu entkommen versuchen und ihre Verstecke verlassen müssen. Einige Exemplare werden immer wieder dabei beobachtet, in wendigen Flugmanövern an einer Seite brennende Holzstücke vom Boden aufzusammeln und zu verteilen, um das Feuer möglichst lang in Gang zu halten. Selbst aus Katastrophen lässt sich Profit schlagen…

Regie

Keebe Kennedy

Bearbeitung

Doris Hochmayr