
Universum
Die Vjosa - Albaniens ungezähmter Fluss
Die neue UNIVERSUM-Dokumentation „Die Vjosa – Albaniens ungezähmter Fluss“ zeigt verborgene Flusslandschaften und außergewöhnliches Tierverhalten. Der Film von Michael und Rita Schlamberger führt zu einem der letzten frei fließenden Flüsse Europas, dessen Bedeutung weit über die Grenzen Albaniens hinausgeht. Die Dokumentation ist eine Koproduktion von ScienceVision, ARTE und ORF Universum in Zusammenarbeit mit ORF Enterprise und mit Unterstützung des Fernsehfonds Austria.

Die Vjosa entspringt in den schroffen Gipfeln des griechischen Pindos-Gebirges. Von dort durchquert sie auf knapp 300 Kilometern tiefe Schluchten, ursprüngliche Bergwälder und weite Täler, verzweigt sich in zahlreiche Seitenarme und formt immer wieder ausgedehnte Kies- und Sandbänke, bevor sie an der albanischen Adriaküste ins Meer fließt.
Immer im Fluss
Während die meisten großen Flüsse in Europa begradigt, verbaut oder durch Staudämme unterbrochen sind, kann sich die Vjosa frei entfalten. Hochwasser verlagert Sedimente und lässt neue Inseln, Steilwände, Auwälder und Altarme entstehen. Es ist ein ständiger Wechsel. Der Fluss bildet ein Mosaik aus Lebensräumen – ein Refugium für zahlreiche Tierarten, die anderswo bereits verschwunden sind.
Testen Sie Ihr „Universum“-Wissen und machen Sie mit auf ORF extra
Im Oberlauf begleitet der Film den eindrucksvollen Laichzug der Nasen. Zu Tausenden wandern die Fische im Frühjahr flussaufwärts, um im flachen, stark durchströmten Wasser auf grobem Kies abzulaichen. In vielen europäischen Flüssen verhindern Dämme solche Wanderungen. Freifließend transportiert die Vjosa Gestein von den Bergen talwärts und zerkleinert es zu Kies und Sand. Lebensräume verändern sich und entstehen neu. Fischotter, Wildschweine, Graureiher, Rohrweihen oder Zwergmäuse finden hier Nahrung, Schutz und Brutgebiete.
Breite Schotterflächen prägen den Mittellauf. Triel und Flussregenpfeifer legen hier ihre Eier ab. Nicht in einem Nest, sondern in Mulden direkt auf den Steinen. Über ihnen kreisen die letzten albanischen Schmutzgeier. Giftköder, Abschüsse und Stromleitungen haben ihre Bestände dramatisch reduziert.

An Steilufern graben Uferschwalben meterlange Brutröhren in die Erde entlang der Vjosa. Unter der Wasseroberfläche filtern Kriebelmückenlarven Schwebstoffe aus der Strömung, während Eintagsfliegenlarven mehrere Jahre am Gewässergrund verbringen.
Kurz vor der Mündung in die Adria treffen Süß- und Salzwasser im Delta aufeinander. Für zahlreiche Zugvögel ist dieses Gebiet ein wichtiger Rastplatz auf ihren kräfteraubenden Flügen zwischen Europa und Afrika. Doch dieses einzigartige Flusssystem wäre beinahe verloren gegangen. 2011 wurden Pläne für zahlreiche Wasserkraftwerke bekannt. Die Stauseen hätten landwirtschaftliche Flächen, ganze Dörfer und die Lebensräume der Tier- und Pflanzenwelt überflutet. Gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung organisierten Naturschutzverbände internationalen Widerstand. Im letzten Moment konnten die Kraftwerksprojekte gestoppt werden.
In Schutz genommen
2023 erklärte die albanische Regierung die Vjosa zum ersten Wildfluss-Nationalpark Europas. Damit wurde erstmals ein großes Flusssystem mitsamt wichtigen Zuflüssen unter Schutz gestellt – ein Meilenstein des europäischen Naturschutzes und ein mögliches Vorbild für andere Flusslandschaften.
Einer, der mitgeholfen hat, das zu ermöglichen, ist der Flussschützer Ulrich Eichelmann: „Das hier ist einer der großen Naturschutz-Erfolge der letzten Jahrzehnte in Europa und sicher auch einer der größten weltweit: dass hier ein ganzes Flusssystem geschützt worden ist. Wir wollen dies als Vorbild nehmen, um auch andere große Flusslandschaften in ihrer Gesamtheit zu schützen. Wir wollen, dass die Vjosa ein Vorbild für ganz Europa wird. Wir wollen, dass die Balkanflüsse erhalten bleiben, geschützt bleiben, die eine Botschaft an uns andere Europäer senden.“

Doch der Schutzstatus allein bedeutet noch keine endgültige Sicherheit. Müll an den Ufern, Wasserentnahmen, touristische Infrastruktur und große Bauprojekte im Delta setzen das Ökosystem weiterhin unter Druck. Die Dokumentation „Die Vjosa – Albaniens ungezähmter Fluss“ zeigt, dass ein Fluss mehr als nur fließendes Wasser ist, sondern ein vielfältiges Ökosystem: ständig in Bewegung, voller überraschender Beziehungen und Lebensgrundlage für die Menschen an seinen Ufern. Zugleich stellt die Dokumentation eine zentrale Frage: Kann es gelingen, Naturschutz und wirtschaftliche Entwicklung so miteinander in Einklang zu bringen, dass Europas letzter großer Wildfluss auch für kommende Generationen frei fließen kann?