
Universum
Mexikos magische Tierwanderungen
Der Staat südlich der USA zählt zu den wichtigsten Biodiversitäts-Hotspots der Erde und ist eines der artenreichsten Länder der Welt. Hier findet fast jede Spezies einen geeigneten Platz zum Gedeihen, für den es sich lohnt, große Wanderungen auf sich zu nehmen. Die meisten Tierarten kommen hierher, um der Kälte zu entfliehen, sich fortzupflanzen oder sich satt zu fressen und Energie zu tanken. Blütenfledermäuse landen in der Kakteenwüste im Norden Mexikos, um hier ihre Jungen groß zu ziehen, Millionen Schmetterlinge überwintern in den Bergwäldern Michoacans, Lederschildkröten legen ihre Eier an der Küste von Oaxaca im Süden des Landes ab, Grauwale schützen ihre Jungen in der San Ignacio Lagune im Westen, Flamingos verwandeln die Strände von Ria Lagartos im Osten in die größte Kinderstube Lateinamerikas. Ein pulsierendes Kommen und Gehen aus allen Himmelrichtungen - von Jänner bis Dezember.
Vielfältige Naturräume ziehen Wandernde an
Die Beschreibung Mexikos klingt fast schon märchenhaft – nur wenige Länder der Erde verfügen über eine derartige klimatische und geografische Vielfalt, wie dieser Staat. Hier gibt es 5600 Meter hohe Gebirge mit rauem alpinem Klima, trockene Wüste, üppigen Dschungel mit wohliger subtropischer Wärme und 12.500 Kilometer Küstenlandschaft zur Auswahl. Wenig verwunderlich also, dass in Mexiko nicht nur eine der größten Artenvielfalten der Welt anzutreffen ist, sondern auch besonders viele Tiere große Wanderungen auf sich nehmen, um hier einen Teil des Jahres zu verbringen.
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See-Elefanten ziehen im Dezember aus dem 5000 Kilometer entfernten Alaska zum San Benito- Archipel am westlichsten Ende Mexikos. Sie kommen, um der Kälte zu entfliehen und sich zu paaren. Für die Männchen ist dies eine besonders energieraubende Zeit. Wer einen Harem für sich erobern konnte, lässt ihn wochenlang nicht mehr aus den Augen, denn ständig kommen neue Rivalen an, die ihr Glück versuchen wollen. Männchen mit Harem verzichten deshalb während der gesamten Paarungszeit auf das Fressen, um nicht von jüngeren Anwärtern überrumpelt zu werden.

Eine der faszinierendsten Wanderungen nach Mexiko ist wohl jene der Millionen Monarchfalter, die sich Jahr für Jahr auf wenigen Hektaren Wald im Bergland von Michoacan einfinden. Die Ankunft der Schmetterlinge wird von der Bevölkerung als „Tag der Toten“ gefeiert, da die orange-schwarzen Falter als Symbol für die Seelen der Verstorbenen angesehen werden. Diese Schmetterlingsart bewältigt in vier Generationen eine 6500 Kilometer lange Reise von Kanada nach Mexiko und wieder zurück. Abertausende Schmetterlinge drängen sich auf Ästen dicht aneinander und verzaubern die Bäume in feenhafte Gebilde. Obwohl ein Tier nicht einmal ein Gramm wiegt, bricht so mancher Ast unter ihrer Last ab.
Ria Lagartos auf der im Osten gelegenen Halbinsel Yucatan ist im Frühjahr kaum wiederzuerkennen. 40.000 Flamingos verwandeln die Strände in einen lachsrosafarbenen pulsierende Küstenstreifen. Tausende, fast identisch aussehende Nester liegen dicht an dicht im Sand. Selbst für die Eltern ist es eine Herausforderung, das eigene Küken wiederzufinden, vor allem solange die Kolonie durch Nachzügler ständig wächst. Wo sich Grenzen dauernd erweitern, ist kein Orientieren mehr möglich – und so mancher Jungvogel wird zu spät entdeckt.

Auch unter der Meeresoberfläche herrscht in den mexikanischen Gewässern ein reges Kommen und Gehen. Grauwal-Weibchen verbringen mit ihren Jungen die kalte Jahreszeit in der schützenden San Ignacio Lagune, bevor sie mit den Kälbern die gefährliche Reise Richtung Arktis antreten. Denn Fressfeinde wie die Orcas kommen rechtzeitig vor die Küsten, um die Jungwale zu jagen.
Riesige Schwärme roter Meereskrabben verfärben das Wasser in leuchtendes Zinnober. Sie sind auf der Suche nach reichen Planktongründen. Derselbe Grund treibt auch Hundertschaften von Teufelsrochen Richtung Küste. Obwohl sie weit mehr als eine Tonne wiegen, springen die grazil anmutenden Fische mannshoch aus dem Wasser, um in der Luft ihre bis zu drei Meter langen Seitenflossen wie Flügel zu verwenden.

Im Pinacate - Wüstengebiet im Norden Mexikos warten Agaven und Kakteen schon auf ganz besondere Gäste. Die Weibchen der Kleinen Mexikanischen Blüten-Fledermäuse fliegen 1600 Kilometer weit, um hier in Höhlen Mutterkolonien von bis zu 100.000 Individuen zu bilden. Ihre Ankunft ist synchronisiert mit dem Blütenstand der nachtblühenden Kakteen. Die Fledermäuse sammeln bei Mondschein den Nektar und bilden mit den Kakteen so eine enge Symbiose: ohne Kaktusblüten keine Nahrung – und ohne Fledermaus keine Bestäubung.
Saisonale Gäste kennen keine Grenzen
Zu jeder Jahreszeit und aus allen Windrichtungen herrscht in Mexiko ein reges Kommen und Gehen – egal, ob zu Wasser, zu Land und in der Luft. „Mexikos magische Tierwanderungen“ zeigen eindrucksvoll die überbordende Lebendigkeit und Vielfalt eines Landes, das so gut wie alle unterschiedlichen Lebensräume - vom Gebirge über Dschungel, Wüste und Grasland bis zum Küstengebiet - innerhalb seiner Staatsgrenzen vereint. Grenzen, die für die Tierwelt nicht von Belang sind. Sie wandern seit Jahrtausenden auf denselben Strecken zu ihren angestammten Plätzen. Auch über die vom Menschen neu errichteten Mauern im Norden des Landes hinweg …
Gestaltung
Emiliano Ruprah
Bearbeitung
Doris Hochmayr