
Universum
Australiens verborgenes Paradies - Lord Howe Island
Am Fuße des spektakulären Bergs Mount Gower liegen weiße Sandstrände und türkisblaue Lagunen, Heimat unzähliger Arten. Die unverkennbare Vielfalt der Insel ist allerdings alles andere als sicher.
Jahrtausendelang konnten sich verschiedene Arten auf Lord Howe beinahe ungestört entwickeln. Da es auf der Insel keine größeren Raubtiere gab, haben sich die Lord-Howe-Waldhennen an ein Leben am Boden gewöhnt. Auch andere Vögel, Insekten und Reptilien genossen hier eine einigermaßen sichere Existenz in einer Welt, in der das natürliche Gleichgewicht unantastbar zu sein schien.
Stresstest im Paradies
Doch der Mensch hat diese natürliche Balance ins Wanken gebracht. Vor mehr als 100 Jahren erreichten „blinde Passagiere“ auf einem Schiff in Seenot die Insel. Die einheimischen Tiere wurden von der Ankunft der Ratten und Mäuse überrascht, und die Natur veränderte sich schlagartig. Um die 20 Jahre später war es eine Schnecke, der Leopardenschnegel, die mit ihrer Ankunft neue Probleme verursachte. Auch Pflanzen wurden eingeschleppt, und das Leben auf Lord Howe veränderte sich. Jedoch hat es die Natur der Insel geschafft, ihren einzigartigen Charakter zu bewahren.
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Für den Regisseur Florian Guthknecht war dieser Film eine Herzensangelegenheit: „Ich kenne und filme auf Lord Howe seit über 20 Jahren. Das Unglaubliche ist: Diese Insel ist einer der wenigen Orte auf der Erde, an denen ich erleben durfte, wie sich die Natur zum Guten verändert. Überall sonst erlebe ich bei meinen Dreharbeiten nur den Niedergang und Artensterben. Lord Howes Entwicklung über so eine lange Zeitspanne mitzuerleben, ist ein Geschenk - und motiviert mich, den Glauben an eine bessere Zukunft nicht aufzugeben.“

Rund 400 Menschen leben auf Lord Howe. Unter ihnen ist auch Ian Hutton, der sich seit mehr als 40 Jahren aufopferungsvoll um die Natur der Insel kümmert und auch wichtige Projekte umgesetzt hat – wie zum Beispiel die vorläufige Ausrottung der Nagetiere, die so viel Unheil über das einstige Paradies gebracht haben. „Ich bin auf diese Insel gekommen und habe mich sofort in sie verliebt. Auch nach 40 Jahren entdecke ich immer noch Dinge und Verhaltensweisen, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Selbst wenn es nur eine Blume ist, die an einem neuen Ort blüht. Ein Vogel, der etwas anderes macht. Jeder Ausflug birgt eine Überraschung,“ so der Autodidakt, der seine Leidenschaft auch gerne an nachfolgende Generationen weitergibt.

Mit dem Verschwinden der Nagetiere veränderte sich das Inselleben erneut. Während sich Feenseeschwalben, der Lord-Howe-Gecko und der Lord-Howe-Hirschkäfer an Land wieder ausbreiten, tut sich auch im Wasser vor den bildhübschen Stränden einiges.

Wo tropisch-warmes Wasser vom Great Barrier Reef auf kalte Strömungen vom Südpol trifft, befindet sich das südlichste Korallenriff der Welt. Galapagoshaie machen Jagd auf Korallenwelse, Igelfische und Skorpionfische, doch die haben alle unterschiedliche Überlebensstrategien entwickelt.
Leuchtende Unterwasserwelt
Hier findet sich auch Nemo ein. Doch vor Lord Howe schaut der kleine Clownfisch anders aus: Schwarz-Weiß statt Orange-Weiß. Wird es dunkel, findet am Riff eine viel größere Transformation statt: Für das menschliche Auge unsichtbar, vollzieht sich ein totaler Farbwechsel. Viele Riffbewohner nehmen tagsüber das kurzwellige, energiereiche UV-Licht auf und geben es mit einer deutlich höheren Wellenlänge nachts ab. Diese Biofluoreszenz stellt die Wissenschaft noch immer vor ein Rätsel.
Auch diese entlegene Insel, weit weg von den großen Zentren des menschlichen Lebens, leidet unter den Auswirkungen der Klimaerwärmung. Das birgt einige Gefahren, nicht nur für die Tiere und Pflanzen der Insel, sondern auch für Zugvögel, die Lord Howe als Zwischenstopp auf ihren langen Migrationen nutzen.
Die Auswirkungen von manchen Fehlschritten der Vergangenheit konnten auf Lord Howe Island eingedämmt oder sogar zum Teil rückgängig gemacht werden, womit die ursprüngliche Natur sich ihren Platz zurückerobern konnte. „Ich möchte den Zuschauerinnen und Zuschauern zeigen, dass auch kleine Eingriffe große Wirkung in einem Ökosystem haben können“, erklärt Regisseur Florian Guthknecht. „Jeder von uns kann die eigene Umwelt maßgeblich mitgestalten, wie Ian Hutton und die Bewohner von Lord Howe jeden Tag eindrucksvoll unter Beweis stellen.“
Regie: Florian Guthknecht & Ian Hutton
Bearbeitung ORF: Dylan Whiting