kreuz und quer

Wie ein Pfarrer die Gentechnik erfand

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Im 19. Jahrhundert beschreibt der Mönch Gregor Mendel in Brünn die Regeln der Vererbung und wird zum Vater der Genetik.

Erbsen beim Wachsen zusehen: Gregor Mendel hat damit unser Bild vom Leben revolutioniert. Seither wissen wir, dass eigenständige Erbfaktoren existieren, die von Generation zu Generation nach bestimmten, mathematisch präzisen Gesetzmäßigkeiten weiter gegeben werden.

Noch bevor es das Wort „Gene“ gab, hat Mendel sie beschrieben, wie Dr. Jiří Sekerák, der Direktor des Museum „Mendelianum“ in Brünn, anerkennt: „Mendels Denkweise war revolutionär. Es hat lange gedauert, bis man wirklich verstanden hat, was Mendel da eigentlich entdeckt hat“.

200 Jahre nach seiner Geburt am 20. Juli 1822 scheint Mendels Zeit nun gekommen. Das 21. Jahrhundert gilt als das Jahrhundert der Genetik. Neue Methoden der Gentechnik verheißen, kommende Generationen von Erbkrankheiten zu befreien.

Dank neuer Pflanzenzüchtungen könnten Hunger und Klimawandel ihren Schrecken verlieren. Und selbst das Altern scheint aufhaltbar. Markus Hengstschläger, Österreichs führender Humangenetiker, ist selbst sprachlos angesichts der ungeheuren Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte: „Hätte mir jemand einmal zum Beispiel vorausgesagt, dass man heute nahezu täglich das Erbgut von Menschen durchanalysiert, hätte ich das noch vor gar nicht allzu langer Zeit gar nicht für möglich gehalten.“ Die „kreuz und quer“-Doku von Fritz Kalteis verfolgt zwei eng mit der Genetik verwobene Geschichten:

Nicole Preiss erfährt mit 22 Jahren, dass sie mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 80 Prozent Brustkrebs bekommen wird. Der Grund dafür ist die Mutation eines Gens namens BRCA-1, die sie von ihrer Mutter geerbt hat. Doch Nicole Preiss gehört auch zur ersten Generation von Frauen, die sich dessen bewusst ist, noch bevor die Krankheit ausbricht.

Denn sie konnte sich auf dieses Gen testen lassen. Damit muss Nicole Preiss eine schwerwiegende Entscheidung treffen: Soll die das Schicksal entscheiden lassen, ob sie die Krankheit bekommt, oder soll sie einen radikalen Schritt setzen und sich – wie Angelina Jolie – vorsorglich beide Brüste entfernen lassen? Die Frage ist also: Was tun wir mit dem Wissen, das wir durch immer mehr Tests auf genetische Krankheiten gewinnen?

Luis und Josefine Marte dagegen hoffen auf eine erfolgreiche Gentherapie in naher Zukunft. Die beiden Kinder leiden an der Diamond-Blackfan-Anämie, einer Krankheit, die durch die Mutation eines einzigen Gens ausgelöst wird und dazu führt, dass sie kaum rote Blutkörperchen produzieren.

Ohne regelmäßige Bluttransfusionen könnten die Kinder nicht überleben. In einem von der Familie Marte initiierten und mit Spendengeldern finanzierten Forschungsprojekt arbeiten Wissenschafter/innen vom Institut für Molekulare Biotechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und von den Max-Perutz Labs der Uni Wien daran, die Krankheit besser zu verstehen und vielleicht eine Therapie zu finden.

Denn obwohl die Kinder den Gendefekt von ihrem Vater geerbt haben, ist dieser selbst nicht erkrankt. Überspitzt formuliert: In den Genen von Boris Marte liegt die Ursache, möglicherweise aber auch der Schlüssel zur Heilung für die Krankheit seiner Kinder. Das treibt ihn und seine Frau Marianne an: „Es gibt in der Medizingeschichte immer wieder Beispiele dafür, wie die Kombination aus motivierten, lästigen Eltern und hervorragenden Wissenschafter/innen Großes bewirkt hat. Wir fühlen uns genau in dieser Situation. Es ist unsere Verantwortung, alles zu tun, was wir können.“

Heute hat der Mensch etwa durch die Genschere CRISPR die Macht, direkt in das Erbgut von Pflanzen, Tieren und Menschen einzugreifen und es schnell und einfach zu verändern. Ein Leben ohne Erbkrankheiten scheint denkbar – aber auch eine Zukunft mit gentechnisch optimierten Menschen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit scheint selbst der Zufall beherrschbar – und damit unser Schicksal. Doch aus den unbegrenzt erscheinenden Möglichkeiten ergeben sich ebenso große Fragen.

Werden wir mit dieser Macht umgehen können? Was braucht es, um diese Zukunft zu meistern? Wenn alles möglich scheint, soll deswegen alles gemacht werden? Fragen wie diese stehen im Mittelpunkt der Dokumentation. Was würde wohl Gregor Mendel sagen – der Mann, der wie kein zweiter Glaube und Wissenschaft in einer Person vereint hat?

Der Mediziner, Ethiker und Theologe Matthias Beck sieht jedenfalls große Herausforderungen auf die Wissenschaft und damit auf die gesamte Gesellschaft zukommen: „Je mehr naturwissenschaftlicher Fortschritt, je mehr künstliche Intelligenz, je mehr Gentechnik, desto mehr brauchen wir eine ethische Reflexion, damit es wirklich ein Fortschritt wird. Wenn diese ethische Reflexion wegfällt, dann wird es eine Katastrophe.“

Gestaltung

Fritz Kalteins

Redaktion

Christoph Guggenberger