
Im Schatten des Sterns - Wie Emil Jellinek den Mercedes erfand
Mercedes, das Automobil mit dem Stern: die Marke steht für zeitlose Eleganz und deutsche Präzision. Da mag Deutschlands Automobilindustrie noch so sehr ins Stottern geraten sein, der Mythos Mercedes ist ungebrochen. Umso erstaunlicher, dass der Name seines Erfinders über Jahrzehnte aus dem kollektiven Gedächtnis gedrängt und beinah völlig vergessen wurde: Emil Jellinek.

Regisseur Lorenz Findeisen erzählt in seiner Doku vom kometenhaften Aufstieg eines Wiener Juden, der es vom Schulversager zum Tycoon und Wegbereiter des automobilen Zeitalters brachte. Und er schildert, wie sich sportlicher Wettbewerb in kriegerischem Nationalismus entlud und das Nazi-Regime Geschichtsklitterung betrieb.

Mit welcher zeitgenössischen Persönlichkeit ließe sich Emil Jellinek vergleichen? Mit Jeff Bezos? Elon Musk? Fraglos im Hinblick auf unternehmerische Risikobereitschaft, die Lust an technologischer Innovation, die Anhäufung von Vermögen, den Hang zur Selbstinszenierung und zu politischem Machtstreben. Die Anfänge? Wenig vielversprechend. Der Vater: Rabbiner und Gelehrter in der Wiener Leopoldstadt, die Mutter belesen, die Brüder Professoren. Emil indes flog von jeder Schule, die er besuchte und konnte 1870, mit 17 Jahren, schließlich als Stationsvorsteher bei der Bahn untergebracht werden. Als er einen Heizer überredet, auszuloten, wieviel eine neuartige Lokomotive hergibt, verliert er seinen Posten. Der Rausch der Geschwindigkeit aber bleibt. Und er lässt sich nicht ausbremsen, schnell wird er mit Börsengeschäften reich.

Seine Tochter Mercedes ist drei Jahre alt, als deren Mutter stirbt. Emil verbringt nun die Winter an der Côte d’Azur, verkehrt im Fürstenpalast von Monaco. Im Automobilclub von Nizza firmiert er großspurig als Emil de Jellinek. Er reist nach Stuttgart, wo er Autobauer Gottlieb Daimler und Konstrukteur Wilhelm Maybach kennenlernt. In der jungen Fahrzeuge-Branche wittert er das große Geschäft, die gerade aufkommenden Autorennen erkennt er als geniales Marketinginstrument.

Wenig später schließt er einen spektakulären Vertrag mit Daimler ab: Er ordert 72 Wagen im Wert von 800.000 Goldmark – zwei Drittel der Daimler´schen Jahresproduktion. Jellinek ist kein Konstrukteur, aber seine Vorgaben sind präzise und wegweisend: Das Fahrgestell müsse tiefergelegt, die Lenkung verbessert und die Motoren stärker werden. Es ist dies die Geburtsstunde der Marke Daimler-Mercedes. Mit den neuen, leichteren Autos lassen sich Rennen gewinnen - sie werden zum internationalen Verkaufsschlager. Und Jellinek wird immens reich.

Ab 1902 verkauft er die Wagen nur noch unter dem starken Markennamen Mercedes. Er wird zum Generalhonorarkonsul ernannt und ändert seinen Namen auf Jellinek-Mercédès. Mit dem Erfolg kommen die Neider; in der k.u.k.-Monarchie wie in Frankreich explodieren antisemitische Ressentiments. Im Außenministerium intrigiert sein Vorgesetzter gegen ihn, in Frankreich wird er der Spionage für Deutschland verdächtigt, kurzfristig verhaftet und von sämtlichen Vermögenswerten abgeschnitten. Hilfe aus Wien bekommt er keine. Er stirbt kurz vor Ende des 1. Weltkriegs in der Schweiz, doch seine Geschichte geht weiter.

Der Mercedes ist Hitlers Lieblings-Automarke, nur soll niemand wissen, dass es sich um die Erfindung eines Juden handelt. Die Firma Daimler-Benz löscht seinen Namen aus den Annalen. Erst um die Jahrtausendwende wurde zum 100. Jubiläum des ersten Mercedes – jenes Autos, das den Weltkonzern begründete – seine Tochter Maja nach Stuttgart eingeladen. Eine späte Rehabilitation für den genialen Erfinder und Unternehmer.

Regisseur Lorenz Findeisen ist es gelungen, für seine Doku unter anderen zwei Urenkel und eine Urenkelin Jellineks vor die Kamera zu bekommen.