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Im Cottage - 150 Jahre Wiener Gartenstadt

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Hedy Lamarr wurde hier geboren, Arthur Schnitzler dichtete, Arik Brauer malte hier, und Marcel Prawy lagerte hier seine Plastiksackerl ein: Das Wiener Cottage, ein Villenviertel in bester Währinger und Döblinger Lage, gilt als historischer Ankerplatz der Künstlerschaft, vor allem aber als so exklusiv, dass der Name als „die Cotäääsch“ von vielen Wiener*innen blasiert verballhornt wird. Schwer vorstellbar, dass die Gartenstadt in der Großstadt einst als Sozialprojekt für leistbares Wohnen im Grünen ausgerichtet war. Und doch war dies der Gründungsgedanke. Vor allem „Beamte und deren Witwen“ sollten von einem damals bahnbrechenden Finanzierungsmodell profitieren und sich so ein Eigenheim schaffen können. 1872 konstituierte sich der Wiener Cottage Verein, der auf die Initiative von Heinrich Ferstel, Architekt der Votivkirche und der Uni Wien zurückging.

Die Universitätssternwarte im Cottage
ORF/WR Film/Walter Reichl
Die Universitätssternwarte im Cottage

Die baulichen Vorgaben für die neu Zugezogenen waren zunächst äußerst streng: Die Bauten durften höchstens zweistöckig sein, zu den Nachbarvillen war ein Mindestabstand einzuhalten, die Wohnhäuser jeder Gruppe mussten ein regelmäßiges Viereck bilden, in dessen Mitte sich die Hausgärten zu einem Gartenkomplex zusammenschließen.

Gartenstadt Cottageviertel
ORF/WR Film/Walter Reichl
Gartenstadt Cottageviertel

Die schlichten gleichförmigen „Cottages“ wurden in späteren Bauphasen um immer prunkvollere Villen ergänzt. Bis heute achtet der Wiener Cottage Verein darauf, dass dem Ensemblegedanken Rechnung getragen wird - eine Herausforderung in Zeiten gewinnorientierter Projektentwickler.

Wasserfall: Ein Hauch von hochalpinem Flair im Türkenschanzpark
ORF/WR Film/Michael Meister
Wasserfall: Ein Hauch von hochalpinem Flair im Türkenschanzpark

Grünes Herz des Viertels ist der Türkenschanzpark, zunächst vom Cottage Verein als erster Park von Bürgern für Bürger angelegt, später der Stadt Wien zum günstigen Preis verkauft. Flanierende können sich darin der Illusion von Sommerfrische in der Großstadt hingeben. Da rauscht der Wasserfall, da geht der Reiher in den Teichen auf Fischfang und der Tunnel der heutigen Vorortelinie gemahnt ein wenig an die Semmeringbahn.

Im Zweiten Weltkrieg diente dieser Tunnel als Luftschutzbunker. Die heute 88-jährige Helga Seidler erinnert sich nur allzu deutlich an den Ruf des Kuckucks: der ertönte im Radio und kündigte einen Luftangriff an. Ab Mitte 1944 bedeutete dies den täglichen Abstieg in den Tunnel, wo die damals Zehnjährige mit ihrer Mutter und dem kleinen Bruder oft den ganzen Tag zubrachte. Das Nazi-Regime bedeutete für die vielen jüdischen Familien des Viertels Vertreibung, Enteignung, wenn nicht gar den Tod.

Zeitzeugin: Als Kind suchte Helga Seidler im Luftschutz-Tunnel
ORF/WR Film/Walter Reichl
Zeitzeugin: Als Kind suchte Helga SeidlerSeiter im Luftschutz-Tunnel

Viele Bewohner*innen leben seit mehreren Generationen im Cottage, wie etwa der Designer Matthias Peschke, Enkel des Malers und Fotografen Ferdinand Schmutzer, der Einstein, Freud oder Schnitzler porträtierte.

Villa Schmutzer: Die prachtvolle Villa des Künstlers Ferdinand Schmutzer
ORF/WR Film/Walter Reichl
Villa Schmutzer: Die prachtvolle Villa des Künstlers Ferdinand Schmutzer

Wie sie sich auf Spaziergängen durch das Cottageviertel zu ihrem Romanzyklus über Schnitzler inspirieren ließ, erzählt die Autorin und Buchhändlerin Petra Hartlieb.

Timna Brauer wuchs im Cottage auf
ORF/WR Film/Walter Reichl
Timna Brauer wuchs im Cottage auf

In drei sehr gegensätzlichen Welten wuchs die Sängerin Timna Brauer auf: in Paris, im israelischen Künstlerdorf Ein Hod und im bürgerlichen Cottage, was sie zur Weltenbürgerin gemacht hat.

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