
gehörlos
Wie fühlt sich „absolute“ Stille an? Gibt es diese tatsächlich oder ist sie bloß ein Konzept der Hörenden? Wie nimmt ein gehörloses Kind die Welt wahr, wie reflektiert es seine Eindrücke und wie können seine Eltern zu ihm vordringen? Fragen, die im Alltag der Hörenden zumeist ausgeblendet werden. Fragen, die für Filmemacherin Anita Lackenberger unausweichlich dringlich wurden, als sie bei Recherchen auf ein Dokument stieß: darin ist die Rede von einem St. Pöltner „Taubstummen“-Institut, das 1938 vom NS-Regime geschlossen wurde. 42 Kinder verschwanden spurlos über Nacht. Was ist mit ihnen geschehen?

So taucht Lackenberger mit „gehörlos“ tief in die Geschichte einer Minderheit ein, die von Ausgrenzung und Verfolgung bis hin zu mörderischer Gewalt geprägt ist. Doch die Doku gibt auch Betroffenen und den Nachkommen von Opfern viel Raum, um ihre Realität zu schildern – ohne Filter, ohne Scham. So ist der Film als Ermutigung zu verstehen – zu sehen anlässlich des Internationalen Tags der Gebärdensprache am 23. September.

Das Nazi-Regime, das mit seiner menschenverachtenden Herrenmenschen-Ideologie danach trachtete, „lebensunwertes Leben“ – gemeint waren damit Menschen mit Behinderung, aber etwa auch so genannte „Arbeitsscheue“ und „Asoziale“ - zu vernichten, unterschied nicht minder zynisch zwischen „krüppelgehörlosen“ Menschen, deren Behinderung etwa von einem Unfall herrührte, und „genetischgehörlosen“ Menschen. Letztere wurde gnadenlos verfolgt. Unter falschen Vorwänden wurden sie in medizinische Einrichtungen bestellt, und dann ohne Vorwarnung und mit striktem Schweigegebot belegt, zwangssterilisiert.
In der oberösterreichischen Tötungsanstalt Hartheim wurden Gehörlose ermordet, - genaue Zahlen sind nicht mehr zu eruieren – andere wurden im Konzentrationslager Auschwitz umgebracht. Auch nach Ende des Hitler-Regimes hatten Gehörlose schwer zu tragen: in Ermangelung von Gehörlosenverbänden wurden in den 1950er- und 1960er-Jahren hörende Kinder von Gehörlosen mit einer Fülle bürokratischer Aufgaben betraut – bis zur völligen Überforderung.

Die mangelnde Diagnostik war ein weiteres Problem: die Behinderung blieb oft jahrelang unentdeckt, es fehlten die Mittel, gehörlosen Kindern dabei zu helfen, sich die Welt zu erschließen. Sie wussten in vielen Fällen schlicht nicht, wie ihnen geschah, was um sie herum vorging. So erschütternd der Film über Strecken ist, so sehr erstellt er auch Befunde mittlerweile gelingender Schritte in die Selbstbestimmung. Und er ist ein leidenschaftlicher Appell für Inklusion.
Regie
Anita Lackenbeger