Filmsammlerin Heidi Fial beim Vorfuehren der 9,5mm Filme
ORF/Hengster Filmproduktion e.U.
Filmsammlerin Heidi Fial beim Vorfuehren der 9,5mm Filme
dokFilm

Der Mann mit der kleinen Kamera

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Es sind erstaunlich professionell gefilmte Amateur-Aufnahmen familiären Idylls: Ein Kleinkind auf dem Arm eines älteren Mädchens, das einen Apfel pflückt. Ein kleinbürgerlicher Haushalt mit Garten und ein paar Hühnern. Mitunter ist der Filmemacher selbst zu sehen: ein schneidiger Papa aus Niederösterreich, die Haare seitlich rasiert, mit Brille. Dann kippt das Bild: ein Kind hinter Stacheldraht, festgehalten offensichtlich in einem Lager. Die Filme: ein Zufallsfund, acht 9,5-mm-Filmrollen aus den 1930er- bis 50er-Jahren.

Filmsammlerin Heidi Fial beim Vorführen der 9,5mm Filme
ORF/Hengster Filmproduktion e.U.
Filmsammlerin Heidi Fial beim Vorführen der 9,5mm Filme

Die Widersprüchlichkeit des Materials, der Wechsel zwischen harmlos-fröhlichem Alltag und den Abgründen des 2. Weltkriegs haben die Neugier von Regisseur Andreas Kurz geweckt. In penibler Recherchearbeit rekonstruierte er Orte und Umstände, unter denen die Filme zustande gekommen sind und machte auch Nachkommen des Mannes ausfindig. Entstanden ist so ein mosaikartiges Porträt eines durchschnittlichen Kleinbürgers und die verharmlosende Darstellung seines Lebensweges in der finstersten Phase unserer Zeitgeschichte.

9,5mm Material von Otto P. - Armut in der deutsch besetzten Ukraine
ORF/Hengster Filmproduktion e.U.
9,5mm Material von Otto P. - Armut in der deutsch besetzten Ukraine

Eine Filmrestauratorin ersteht bei einem Antiquitätenhändler einen alten Filmprojektor. Als Draufgabe bekommt sie einige Filmrollen geschenkt. Darauf finden sich erstaunlich gut gefilmte Schwarzweiß-Aufnahmen ohne Ton. Und doch sprechen die Bilder vielstimmig und dissonant zu ihr. Sie erzählen von Alltag und Krieg, von guter Laune und Kriegsgräueln. Der Mann hinter der kleinen Kamera kommt bisweilen selbst ins Bild: anfangs in Zivilkleidung, später trägt er eine Naziuniform.

9,5mm Material von Otto P. - Der Amateurfilmer in Uniform mit Tochter
ORF/Hengster Filmproduktion e.U.
9,5mm Material von Otto P. - Der Amateurfilmer in Uniform mit Tochter

Die vielen Fragen dahinter wecken die Neugier von Regisseur Andreas Kurz: Wer ist der Mann, wo lebte er, in welcher Einheit diente er, gibt es Nachkommen? Er forscht nach und findet heraus, dass der Mann Mitglied des „Reichsarbeitsdiensts“ gewesen ist, einer paramilitärischen Infrastruktureinheit.

RAD-Truppe in Reihe mit Schaufeln
ORF/Hengster Filmproduktion e.U.
9,5mm Material von Otto P. - RAD Truppe

Die in der Nazizeit entstanden Aufnahmen sind von irritierender Ambivalenz. Militärischer Truppenübungen hier, ausgelassene Fröhlichkeit unter Kameraden dort.

Männer auf Boden kauernd tragen andere Männer auf dem Rücken
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9,5mm Material von Otto P. - RAD Übung

Einem Hasen wird in Paris die Freiheit geschenkt, NS-Opfer wühlen in der Ukraine in Kriegstrümmern. Die Lücken in der Chronologie lässt Kurz stehen, aber gestaltet mit Schauspielerinnen und Schauspielern fiktive Sequenzen hinter den Kulissen. Sie zeigen, wie ambitioniert der Filmer seine inszenierten Aufnahmen als nicht gestellt erscheinen lässt.

Reenactment Mann mit Filmprojektor und Familie
ORF/Hengster Filmproduktion e.U.
Reenactment

Auf der letzten Filmrolle sieht man das anfangs kleine Mädchen bei seiner Firmung. Leopold Figl, erster Bundeskanzler der Zweiten Republik, ist anwesend. Die Doku gestattet in der seltenen Perspektive eines Beteiligten einen Blick auf die Innenwelt einer NS-Organisation. Die Frage, wie die Menschen damals mit ihrer gesellschaftlichen und politischen Verantwortung umgegangen sind, wandelt sich letztlich in die Frage, wie wir uns zu unserer heutigen Welt ins Verhältnis setzen und uns in sich verändernden Zeiten verhalten.