
Das System Gugging
Der Name Gugging ist für viele bis heute ein Synonym für Psychiatrie. Dabei hat sich der Ort in Niederösterreich längst zu einem internationalen Fixpunkt der Art Brut entwickelt. Die Dokumentation von Regisseur Thomas Fürhapter zeichnet diesen außergewöhnlichen Wandel von der Nervenheilanstalt zur weltweit anerkannten Kunstinstitution nach.

Im Mittelpunkt steht das Zusammenspiel dreier Institutionen: das Haus der Künstler, in dem 14 Kunstschaffende gemeinsam wohnen und arbeiten, die Galerie Gugging sowie das Museum Gugging. Gemeinsam bilden sie ein einzigartiges Zentrum für Art Brut – jene rohe, unakademische Kunst, die Jean Dubuffet in den 1940er Jahren erstmals beschrieb und benannte.

Die Geschichte von Gugging beginnt in den 1940er Jahren, als der Psychiater Leo Navratil diagnostische Zeichentests einführt. Sein 1965 veröffentlichtes Buch „Schizophrenie und Kunst“ erregt weit über die Fachwelt hinaus Aufmerksamkeit. Den entscheidenden Wendepunkt markiert die Ausstellung „Pareidolien" 1970 in Wien: Erstmals werden die Kunstschaffenden namentlich genannt und ihre Werke als Kunst wahrgenommen – nicht als Symptom.

Den institutionellen Wandel vollzieht Johann Feilacher mit der Umbenennung in Haus der Künstler. Ein Schritt mit programmatischer Bedeutung: Die Bewohnerinnen und Bewohner sind seither keine Patienten mehr, sondern Kunstschaffende. Der Film porträtiert sie – darunter Laila Bachtiar oder Leopold Strobl, der 2024 auf der Biennale in Venedig vertreten war – und gibt ihnen selbst das Wort.

Der Film „Das System Gugging" scheut dabei keine unbequemen Fragen: über das historische Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen in der Gugginger Kunstgeschichte, über den Begriff Art Brut und seine potenziell stigmatisierende Wirkung, über Vorurteile, die sich bis heute hartnäckig halten. Dass Anrufer und Anruferinnen im Museum noch immer nach Zwangsjacken fragen, sagt viel darüber aus, wie viel Aufklärungsarbeit noch bleibt.
Links:
- Haus der Künstler - Gugging
- Galerie Gugging
- Museum Gugging
- Interessengemeinschaft Österreichischer Dokumentarfilm