
Babylon Prag
In den beiden Jahrzehnten von 1918 bis 1938 – von der Ausrufung der tschechoslowakischen Republik bis zur Einverleibung durch Nazi-Deutschland - gediehen in den Cafés, Varietés und Bordellen der Stadt die Lust an Subversion und Satire, an Debatte und Décadence. Prag war nicht weniger Babylon als Berlin – und mit der Stippvisite von Josephine Baker 1928 wurde es sogar ein wenig zu Paris. Der Soundtrack jener Jahre war der Jazz. Doch zu einem babylonischen Sprachengewirr kam es zwischen deutschsprachiger Minderheit und tschechischer Mehrheitsbevölkerung nicht – im Gegenteil: von einer „unsichtbaren Wand“ sprach der Schauspieler Peter Lotar.

Und Journalisten-Ikone Egon Erwin Kisch merkte an: „Mit der halben Million Tschechen der Stadt pflegte der Deutsche keinen außergeschäftlichen Verkehr.“ Geeint waren die beiden Bevölkerungsgruppen in erster Linie in ihrem Judenhass, wie auch Franz Kafka feststellen musste.

Das Filmemacherteam Matthias Schmidt, Vít Poláček und Petr Slavik zeichnet ein faszinierendes Sittenbild mit all seinen Verwerfungen, seiner kulturellen Blüte und radikalen politischen Umbrüchen und holt mit Originalzitaten Kulturschaffende und Zeitzeuginnen vor den Vorhang: die Journalistin und Kafka-Übersetzerin Milena Jesenská,

die Filmdiva und spätere Ehefrau von Schwergewichtsboxer Max Schmeling, Anny Ondra,

Franz Kafkas Freund und Nachlassverwalter Max Brod,

Schauspieler Peter Lotar, sowie den Schriftsteller Karel Čapek.

Aus der Kuratel der Habsburg-Monarchie entlassen, wurde die junge tschechoslowakische Republik zu einem zutiefst gespaltenen Staat.Der erste Präsident Tomáš Garrigue Masaryk ist gleichwohl darum bemüht, Gräben zuzuschütten: gleich nach seinem Amtsantritt 1918 besucht er symbolträchtig das tschechische Nationaltheater und das deutsche Ständetheater, an dem Beethovens Freiheits-Oper „Fidelio“ gegeben wird. Die nach beiden Seiten ausgestreckte Hand wird ausgeschlagen und auch der Appell des Schriftstellers und Journalisten Karel Čapek – „Mit jeder nationalistischen Beleidigung versündigt ihr euch“ - verhallt ungehört. Zu schwer wiegen die Demütigungen, die Tschechen in der k.u.k.-Monarchie erdulden mussten, zu nachhaltig sind die Ressentiments gegen die Habsburger.

1919 schwappt eine anti-deutsche Pogromstimmung aus den kleineren Städten auf Prag über. Das deutschsprachige Prager Tagblatt wird angegriffen, das als Wohnzimmer deutscher Intellektueller etablierte Café Arco wird zerstört. Das Wiener Café Central in der verarmten ehemaligen Kaiserresidenz wird für viele Exilanten zum Ausweichquartier. Und doch: das Bild ist differenzierter. Als die Nazis in Deutschland die Macht übernehmen und die so genannten Nürnberger Rassengesetze beschlossen werden, fliehen viele Juden und Antifaschisten nach Prag. Heinrich Mann, der Sprache nicht mächtig, dankt in brüchigem Tschechisch, Aufnahme gefunden zu haben. Peter Lotar kehrt aus Deutschland in seine Geburtsstadt zurück und erhält – als einziger deutschsprachiger Schauspieler – ein Engagement am tschechischen Nationaltheater.

1938 wird Österreich von Nazi-Deutschland okkupiert, der so genannte Anschluss. Hitlers Propaganda husst, wie schlecht es der deutschsprachigen Minderheit in der Tschechoslowakei ginge. Und dann ein weiterer Sündenfall der Zeitgeschichte: Auf dem so genannten Münchner Abkommen beschließen das Deutsche Reich, das Vereinigte Königreich, Frankreich und Italien, dass überwiegend deutsche Grenzgebiete an Nazi-Deutschland abzutreten seien. Die Tschechoslowakei war bei dieser Konferenz nicht vertreten.
„Babylon Prag“ erzählt von Kulturkämpfen und davon, wie letztlich nur die Auflösung kultureller Grenzziehungen und hegemonialer Ansprüche Austausch ermöglichen können.
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