
Am Schauplatz
Das Ende vom Gemeindebau
Eine Reportage über die Privatisierung hunderter Gemeindebauwohnungen in Wiener Neustadt.
Der Gemeindebau gilt in Österreich seit Jahrzehnten als Garant für leistbares und sicheres Wohnen. Für viele Menschen mit geringem Einkommen ist er mehr als nur ein Dach über dem Kopf – er bedeutet Stabilität, Planbarkeit und sozialen Zusammenhalt. In Wiener Neustadt jedoch steht dieses Modell auf dem Prüfstand. Laut ÖVP-Bürgermeister Klaus Schneeberger belasten die Gemeindewohnungen das Stadtbudget jährlich mit einem Defizit von rund vier Millionen Euro. Angesichts dieser Zahlen sieht sich die Stadt gezwungen, rund drei Viertel der Gemeindewohnungen zu verkaufen.

Die geplante Privatisierung sorgt für intensive Debatten – nicht nur in Wiener Neustadt. Auch andere österreichische Kommunen beobachten die Entwicklung genau und prüfen ähnliche Schritte. Ist der Verkauf kommunaler Wohnungen eine wirtschaftliche Notwendigkeit in Zeiten knapper Kassen? Oder markiert er einen grundlegenden Bruch mit der sozialpolitischen Tradition des Gemeindebaus?

Am Schauplatz-Reporterin Beate Haselmayer und ihr Kamerateam waren mehrere Wochen in betroffenen Wohnanlagen unterwegs. Sie haben mit Mieterinnen und Mietern gesprochen, Stimmungen eingefangen und nachgefragt, was der geplante Verkauf für den Alltag der Menschen bedeutet. In der Robert-Stolz-Siedlung etwa herrscht große Verunsicherung. „Die Leute werden überhaupt nicht gefragt, ob sie das wollen“, sagt ein älterer Bewohner. Trotz unbefristeter Mietverträge bangen viele um ihre langfristige Sicherheit und fürchten steigende Mieten oder Kündigungen.

Andere wiederum sehen in einem Eigentümerwechsel auch eine Chance: Manche Gebäude sind in die Jahre gekommen, notwendige Sanierungen wurden immer wieder aufgeschoben. Sie hoffen, dass ein privater Investor frisches Kapital bringt und die Wohnqualität verbessert. Zwischen Angst vor Verdrängung und Hoffnung auf Erneuerung zeigt die Reportage, wie tiefgreifend die Entscheidung der Stadt in das Leben hunderter Familien eingreift – und stellt die Frage, wie viel sozialer Wohnbau sich Gemeinden künftig noch leisten können.