
Die besten 10 im November 2026

1. Anna Baar (39 Punkte) NEU
„Amseln“, Wallstein
Ein Koffer voller Briefe und Notizen steht am Beginn von Anna Baars neuem Roman: Es ist die Lebensbeichte einer ehemaligen Psychiaterin, die sich damit an einen Schriftsteller wendet. Ihr wird sexuelle Nötigung eines Patienten vorgeworfen – und sie hat in ihrer eigenen Kindheit selbst Gewalt erlebt. „Amseln“ erzählt von sexueller Gewalt und den Mechanismen des Verschweigens. Mit ihrem neuen Roman legt Baar ein andeutungsreiches, hochpoetisches Selbstgespräch vor, das vieles der Interpretation des Publikums überlässt. Die vielfach ausgezeichnete österreichische Autorin mit kroatischen Wurzeln gilt als eine der markantesten Stimmen der Gegenwartsliteratur und scheut in ihren Romanen keine Tabus. Der breiten Öffentlichkeit wurde die Schriftstellerin 2015 mit ihrem Debütroman „Die Farbe des Granatapfels“ bekannt. 2022 hat sie den Großen Österreichischen Staatspreis erhalten, der als die höchste Kulturauszeichnung der Republik gilt.

2. Valeria Gordeev (31 Punkte)
„Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“, S. Fischer
Mit einem absurd-komischen Text über einen jungen Mann mit Putzzwang hat Valeria Gordeev 2023 den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten. Nun legt die deutsche Autorin ihren darauf aufbauenden Debütroman vor. Auf mehr als 600 Seiten unternimmt Gordeev in „Die Zikade entschlüpft ihrer goldenen Hülle“ einen wilden Ritt durch das heutige Kiew, Moskau und Berlin. Auch der tatsächliche, gegenwärtige Krieg in der Ukraine spielt eine Rolle. Die verschiedenen Erzählstränge werden durch die beiden Geschwister Lada und Konstantin zusammengehalten. Lada lebt als Künstlerin in Berlin, Konstantin arbeitet in Moskau in einem unterirdischen Labor, das Lenins sterbliche Überreste konserviert. Ähnlich absurd sind die Unternehmungen, die der gemeinsame Patenonkel der Geschwister unternimmt, um die Unsterblichkeit des Menschen zu erreichen. Mit ihrem komplexen Erstlingswerk ist die 1986 in Tübingen geborene Schriftstellerin auf der diesjährigen Longlist für den Deutschen Buchpreis gelandet.

3. Gustav Ernst (25 Punkte) NEU
„Arbeiterkino“, Sonderzahl
In seinem neuen Buch erinnert sich Gustav Ernst, Jahrgang 1944, an seine Kindheit und Jugend in Wien-Favoriten. Seine ersten 21 Lebensjahre hat er hier verbracht, auf 36 Quadratmetern mit seinen Eltern und seiner Schwester. Ernst beschreibt sein Aufwachsen zwischen Zimmer-Küche-Wohnungen, Fußballspielen auf der Straße, Schweineställen in Hinterhöfen, Väter, die ihr Wochenende im Gasthaus verbringen, während Mütter sich um Haushalt und Kinder kümmern. Mit „Arbeiterkino" legt Gustav Ernst einen sehr unmittelbaren Text über eine Welt von damals vor, die heute nur mehr schwer vorstellbar ist. „Arbeiterkino“ ist ein intimes Porträt eines jungen Lebens im Arbeitermilieu der Nachkriegszeit und zeitgeschichtliches Dokument zugleich. Gustav Ernsts umfangreiches Werk umfasst Theaterstücke, Romane und Drehbücher. Gemeinsam mit seiner Frau, der Übersetzerin und Publizistin Karin Fleischanderl, gibt er die Literaturzeitschrift Kolik heraus.

4. Shida Bazyar (24 Punkte) NEU
„Die Lücken“, Kiepenheuer & Witsch
Für „Die Lücken“ hat Shida Bazyar den diesjährigen Deutschen Buchpreis erhalten. Der Roman erzählt von jüdischem Leben und der NS-Vergangenheit in einer fiktiven deutschen Stadt in Rheinland-Pfalz. Bazyars Roman reflektiere anhand einzelner Figurenschicksale fast hundert Jahre ambivalenten deutschen Lebens, mit überzeugenden literarischen Strategien, heißt es in der Begründung der Jury. Und: Es sei ein „Roman gegen Gleichgültigkeit“. In ihrer Dankesrede hielt die Autorin fest, dass es ihr „nicht so richtig leicht“ falle, Freude zu empfinden, wenn man bedenke, dass sich ihr Roman mit terrorisierten und verfolgten Menschen auseinandersetze. Bazyar wurde 1988 als Tochter iranischer Flüchtlinge im deutschen Hermeskeil geboren und studierte später Literarisches Schreiben in Hildesheim. Ihr 2016 erschienener Debütroman „Nachts ist es leise in Teheran“ wurde mehrfach übersetzt und ausgezeichnet, unter anderem mit dem International Booker Prize. Mit ihrem zweiten Roman „Drei Kameradinnen“ stand Bazyar 2021 bereits auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.

5. Paulus Hochgatterer (23 Punkte)
„Mio und die Unsterblichkeit“, Zsolnay
Nach sechsjähriger Publikationspause meldet sich Paulus Hochgatterer zurück: In „Mio und die Unsterblichkeit“ erzählt er von einer geheimnisvollen schwarzen Katze namens Mio, die auf den Teenager Ingemar und dessen Familie trifft. Ingemar ist aufgrund einer Muskelatrophie gelähmt, tritt jedoch als Protagonist mit einer reichen und auffallend reifen Gedankenwelt in Erscheinung. Hochgatterer weiß, wovon er schreibt. Als Kinder- und Jugendpsychiater ist er vielen Kindern und Jugendlichen mit Krankheiten begegnet. Im Aufeinandertreffen mit dem rätselhaften Vierbeiner Mio folgt man einem jungen Protagonisten, der über Verlust und Vergänglichkeit nachdenkt – schnörkellos und feinfühlig. Geboren 1961 in Amstetten, lebt Hochgatterer in Wien. Zu seinen literarischen Arbeiten zählen Romane und Krimireihen.
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6. ex aequo: Clemens J. Setz (19 Punkte)
„Mein Leben als Noiseband“, Suhrkamp
Romane, Erzählungen, Gedichte und Theaterstücke: Clemens J. Setz’ umfangreiches Werk zeichnet sich durch seine Faszination für das Bizarre aus. Das gilt auch für seinen neuen Erzählband: „Mein Leben als Noiseband“ versammelt 19 Geschichten; im Zentrum stehen geplagte Figuren, etwa aufgrund von Krankheiten, Behinderungen oder seelischen Konflikten. Wieder schreckt Setz vor keinem Tabuthema zurück, schreibt etwa über gewaltvolle Pornografie oder Leichenschändung; einmal mehr widmet er sich den Abgründen des Menschen. Die titelgebende Erzählung ist in einem Club angesiedelt, dort macht der Protagonist sogenannte „Noise“-Musik, bei der Geräusche künstlerisch verarbeitet werden. Clemens J. Setz ist 1982 in Graz geboren und vielfach ausgezeichnet worden. Er zählt zu den jüngsten Büchner-Preisträgern in der Geschichte. Kürzlich hat er den Großen Österreichischen Staatspreis, die höchste Auszeichnung der Republik für Kunst- und Kulturschaffende, erhalten.
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6. ex aequo: Marlen Mairhofer (19 Punkte)
„Alice“, Jung und Jung
Mit ihrem Debütroman versetzt Marlen Mairhofer einen Klassiker ins Heute. Aus Lewis Carrolls 1865 erschienenem „Alice im Wunderland“ wird Mairhofers „Alice“. Es geht um das Aufwachsen der Protagonistin Alice in einer Art Wunderland, das aus der eigenen überbordenden Fantasie entstanden ist - umgeben von Pferdezeitschriften, besten Freundinnen und Zahnlücken. Als „poetischen Relaunch“ des englischen Klassikers kündigt der Verlag „Jung & Jung“ Mairhofers Erstlingswerk an. Die 1991 in Steyr geborene Autorin lebt in Salzburg. Das Manuskript von „Alice“ ist mit dem Theodor-Körner-Förderpreis ausgezeichnet worden. Ihre Dissertation hat Mairhofer über Marlen Haushofer, Ingeborg Bachmann und Hélène Cixous publiziert.
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8. Christine Nöstlinger (18 Punkte) NEU
„I ken mi ned wiaglich aus auf da Wöd“, Residenz
Kaum eine Schriftstellerin hat die heimische Kinder- und Jugendliteratur geprägt wie Christine Nöstlinger. 1936 in Wien-Hernals geboren, ist Nöstlinger eher zufällig zum Schreiben gekommen und hat mit „Die feuerrote Friederike“ 1970 ihr erstes Buch veröffentlicht. Es folgte eine Karriere mit mehr als 150 Büchern, die in zahlreichen Sprachen übersetzt worden sind und Nöstlinger über die Landesgrenzen hinaus als Autorin eines durch und durch sozialkritischen Werkes bekannt gemacht haben. Bücher wie „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“ oder „Geschichten vom Franz“ haben Generationen von Leserinnen und Lesern begleitet. Nöstlinger, die selbst in armen Verhältnissen in der Vorstadt aufgewachsen ist, hat stets rebellische Figuren ins Zentrum ihres Schreibens gestellt – auch in ihren Dialektgedichten. Ihre humorvollen und kritischen Alltagsbeobachtungen sind jetzt in „I ken mi ned wiaglich aus auf da Wöd“ gesammelt zu lesen.

9. Peter Henisch (17 Punkte)
„Muttersuchen“, Residenz
Mehr als alle anderen Bücher zuvor habe ihn dieses Buch mitgenommen, sagt Peter Henisch über sein neues Buch. Seit den 1970er-Jahren gilt Peter Henisch als fixe Größe in der heimischen Literaturszene. Der Durchbruch ist ihm vor mehr als 50 Jahren mit dem Roman „Die kleine Figur meines Vaters“ gelungen. In seinem neuen Roman „Muttersuchen“ widmet er sich jetzt seiner Mutter Rosa Henisch. Ihrer Zeit voraus wollte sich die ausgebildete Fotografin nicht mit ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau zufriedengeben. Nach und nach hat sich Rosa Henisch aus der Beziehung zu ihrem Mann, einem bekannten Kriegs- und Pressefotografen, zu befreien versucht. Mit seiner intimen Hommage an seine Mutter legt Henisch zugleich ein spannendes Stück Zeitgeschichte vor, das von den Jahren vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bis in die 1980er-Jahre reicht.
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10. Dana Vowinckel (15 Punkte)
„Anton und Alma“, Suhrkamp
Mit ihrem zweiten Roman legt die 30-jährige Autorin erneut einen Hauptstadtroman vor, doch neben dem gegenwärtigen Berlin steht vor allem ein junges Paar im Mittelpunkt. Die titelgebenden Figuren Anton und Alma lernen sich während ihrer Schulzeit kennen. Über Jahre hinweg begleitet der Roman die beiden und ihre Beziehung. Dass Anton aus einer jüdischen Familie stammt und Alma nicht, erschwert diese ebenso wie die Tatsache, dass beide aus unterschiedlichen sozialen Schichten stammen. Eindrücklich erzählt Vowinckel von jüdischer Identität, Terror und Antisemitismus, vom aktuellen politischen Weltgeschehen und nicht zuletzt von einer außergewöhnlichen Liebe. Mit „Anton und Alma“ ist Dana Vowinckel für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert. 2023 veröffentlichte die in Berlin geborene Autorin ihren gefeierten Debütroman „Gewässer im Ziplock“.
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