Zoff & Zündstoff
Auch die idyllische Serenissima entfaltet anlässlich der Kunst-Biennale reichlich Konfliktpotential. „In Minor Keys“, zu Deutsch „in Moll“ betitelte die im Vorjahr unerwartet verstorbene Chefkuratorin Koyo Kouoh die 61. Ausgabe der internationalen Kunstschau. In ihrem längst ausgearbeiteten Konzept, das nun posthum umgesetzt wird, stehen marginalisierte und oft überhörte Stimmen im Zentrum.

Die erste afrikanische Frau an der Spitze der Kunst-Biennale beschrieb ihre Idee als eine heilende Form des Widerstands, die dazu aufruft, inmitten der gegenwärtigen Weltlage aufmerksam zuzuhören. Dass sich nun in die Molltöne Misstöne mischen, liegt an der Teilnahme von Russland und Israel, die schon im Vorfeld für heftige Turbulenzen sorgt.
Die internationale Jury der Ausstellung ist zurückgetreten, weil jene Länder, deren führende Politiker derzeit vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt sind, so die Präsidentin Solange Farkas. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, bezeichnete die Entscheidung der Europäischen Kommission, der Biennale von Venedig eine Finanzierung von zwei Millionen Euro infolge der Einladung Russlands zu entziehen, als „Rückfall in die Anti-Kultur“, die ihrer Ansicht nach im Westen in den vergangenen Jahren wieder aufgeflammt sei.

Der russische Pavillon wird nur während der Preview-Tage geöffnet sein. Das feministische „Pussy Riot“-Kollektiv sorgten mit ihrer Aktion „Blood is Russia‘s Art“ für Aufsehen, als sie den Eingang des Pavillons blockierten. Ein Hickhack zwischen dem italienischen Kulturminister, Georgia Meloni und dem Präsidenten der Biennale ist längst entbrannt.

Der weitere Konfliktherd: die Teilnahme Israels. Künstler, Kuratoren und Kulturschaffende fordern den Ausschluss Israels. Der Protest wird vom internationalen Kollektiv ANGA, „Art Not Genocide Alliance“ koordiniert, das seit Jahren die Teilnahme Israels an kulturellen Plattformen kritisiert. Die Gruppe hatte bereits 2024 die Schließung des israelischen Pavillons in den Giardini von Venedig erreicht. Und auch Österreichs Beitrag zur Biennale könnte für jede Menge Aufsehen sorgen.

Die radikale Choreografin und Performerin Florentina Holzinger, die sich mit ihren spektakulären Theaterarbeiten international schon jede Menge Lorbeeren verdiente, verwandelt den österreichischen Pavillon mit ihrer Arbeit „Seaworld Venice“ in einen Ort der Aktion mit Triggerwarnung.

Nackte Performerinnen schwimmen im Tauchbecken, Holzinger selbst fungiert als menschlicher Glockenklöppel und läutet nackt an den Füßen aufgehängt den eigentlichen Auftritt ein. Holzingers Unterwasser-Themenpark ist keine „Fäkalperformance“, wie einige Medien im Vorfeld spekulierten, sondern eine Reflexion über Nachhaltigkeit, der schon jetzt ein Publikumsmagnet ist.
TV-Beitrag: Nicola Eller & Harald Wilde