Der Dichter als Dissident
Der Schriftsteller und Journalist Michal Hvorecky zählt zu den bekanntesten Oppositionellen der Slowakei. Er ist der Inbegriff eines engagierten Intellektuellen, der unerschrocken gegen antidemokratische Entwicklungen in seiner Heimat das Wort erhebt. Und dafür immer wieder viel riskiert.

Viele Demonstrationen hat der heute 49-Jährige in den letzten Jahren mitorganisiert und/oder in solchen Kontexten Reden gehalten – nicht zuletzt, seit Martina Šimkovičová Kulturministerin geworden ist: sie ist Teil der vierten Regierung unter dem Ministerpräsidenten Robert Fico. Šimkovičová hat im Vorjahr gegen Michal Hvorecky eine Anzeige wegen Verleumdung erstattet: das Verfahren ist schließlich zu seinen Gunsten ausgegangen: er darf die Ministerin als ‚Neofaschistin‘ bezeichnen.

In seinem neuen Buch ‚Dissident‘, das ein Essay zur Verfasstheit unserer Gegenwart ist, erzählt Michael Hvorecky entlang seiner eigenen Lebensgeschichte den Weg Europas vom Fall des Eisernen Vorhangs bis zur Rückkehr totalitärer Ideologien. Geboren wurde er 1976 in Bratislava als Sohn eines Informatikers und einer Lehrerin für Schwerhörige, politisch interessiert ist er immer schon gewesen.

Im Buch hält er Rückschau auf das Ende der kommunistischen Diktatur, die damit gewonnene Freiheit, ihre Tücken und Möglichkeiten, denkt über seine Familie nach, in der unterschiedlichste politische Ausrichtungen aufeinander treffen, schreibt über die große demokratische Hoffnung, die ehemals das Internet darstellte, über den Zusammenhang zwischen nicht aufgearbeiteten sexuellen Missbrauchsfällen in der kommunistischen Diktatur und dem grassierenden Hass auf die LGBTQ-Community in der Slowakei; darüber hinaus über die Kraft der Zivilgesellschaft im Kampf gegen repressive Entwicklungen.

Dass es in der Vergangenheit Einzelnen immer wieder gelungen ist, Widerstand gegen autoritäre Systeme zu leisten, das weist er in seinem neuen Buch als Quelle von Mut und Zuversicht aus: er schreibt: "Die Sowjets duldeten keine Kritik, und doch fanden Dissidenten in Osteuropa immer wieder den Mut zum Widerspruch. Sie kämpften ihre Kämpfe, weil es getan werden musste, nicht, weil sie sich davon Erfolg versprachen. Auf den Erfolg unseres hoffnungslosen Unterfangens! – so lautete noch in meiner Kindheit der Trinkspruch der Andersdenkenden.“

Katja Gasser hat Michal Hvorecky in Bratislava besucht, wo er mit seiner Familie lebt.
TV-Beitrag: Katja Gasser