Brüssel & Wien

Robert Menasses Novelle „Die Lebensentscheidung“

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In den Wirren von wütenden Bauern, die im Frühjahr 2024 aus Protest gegen die bürokratischen Auflagen der EU, mit tausend Traktoren das Europaviertel blockierten, setzt Robert Menasse mit seiner neuen Novelle an. Landwirte haben ihrem Zorn über die EU-Agrarpolitik freien Lauf gelassen, Reifen angezündet und Pferdedung mitten auf den Straßen ausgekippt. 

Robert Menasse am Schreibtisch arbeitend
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Franz Fiala, so heißt Menasses Protagonist, ein Beamter in der EU-Kommission, der an diesem Tag in seiner Bürokratenzelle das Geschrei und Gehupe hört und weiß, dass seine „Präsidentin“ dem Protest nachgeben wird. Dass die Kommission kapitulieren und vom Green Deal weiter abrücken wird. Da will er nicht mehr mitmachen. Wieder wird ein Stück von dem Traum sterben, der den Wiener Juristen, der in kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, einst nach Brüssel geführt hat. Der Traum vom sich vereinigenden Europa, das seine furchtbaren Kriege hinter sich lässt und die ganze Welt zu einem besseren Ort macht, auch durch seine Umweltpolitik.

EU Fahnen
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Der große Traum stirbt, so sieht das Fiala, so sieht das Robert Menasse, am Kleinmut seiner Verwalter. Bereits mit zwei großen Romanen hat der Wiener Schriftsteller der Europäischen Union ein literarisches Denkmal gesetzt. „Die Hauptstadt“, ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2017, karikiert das geschichtsvergessene Blasenleben der EU-Bürokratie. „Die Erweiterung“, erschienen 2022, schildert, wie die EU sich aus scheinheiligen Gründen gegen die Aufnahme von Balkanstaaten sträubt.

Robert Menasses Buch "Die Lebensentscheidung"
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In „Die Lebensentscheidung“ schickt Menasse seinen frustrierten Beamten in den Vorruhestand, damit er sich den eigenen existentiellen Fragen widmen kann. Denn Franz Fiala hat eine Krebsdiagnose bekommen und kämpft darum, länger als seine Mutter zu leben. Nicht zufällig erinnert diese Geschichte an das kränkelnde Europa.

Kann diese Novelle als Metapher für das Siechtum des europäischen Einigungsprojekts gelesen werden? Ist der Text Menasses persönliche Trauerrede auf Europa? Und was hält der Schriftsteller angesichts globaler Unsicherheiten und veränderter politischer Rahmenbedingungen von einem auf der Münchner Sicherheitskonferenz geforderten starken Europa und einer neuen, selbstbewussten Verteidigungspolitik? Darüber diskutiert Peter Schneeberger mit Robert Menasse live im Studio.

TV-Beitrag: Imogena Doderer

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