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ORF

Der Beste im November 2023: Daniel Kehlmann

Eine Groteske um Kunst und Moral

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Quentin Tarantino verehrt den Regisseur Georg Wilhelm Pabst. In seinem neuen Roman „Lichtspiel“ erzählt Daniel Kehlmann anhand von Pabst von Kunst, Verantwortung und Moral. Ein groteskes Unsittenbild des NS-Kulturbetriebs, ein großartiger Roman.

In Berlin kreuzen einander die Quentin-Tarantino-Straße und die Georg-Wilhelm-Pabst Straße, und das ist dann ja doch eher selten, dass eine einfache Straßenkreuzung aufeinanderstoßen lässt, was filmisch ohnehin schon verbunden ist. GW Pabst, der einst gefeierte Stummfilmregisseur, zählt zu den Filmemachern, die Tarantino verehrt und Pabsts „Die Büchse der Pandora“ taucht in Tarantinos Lieblingsfilmlisten stets auf.

Und als wäre das noch nicht genug der Erinnerungsarbeit, so springt einem der Name des Regisseurs auch in „Inglourious Basterds“ von einem Leuchtschild aus an, von einem Kino in Paris, das „Die weiße Hölle des Piz Palü“ ankündigt, bei dem Pabst gemeinsam mit Arnold Franck Regie geführt hat. GW Pabst steht auch auf einem der Kärtchen beim „Wer-bin-ich-Spiel“ in der berühmten Kneipenszene in „Inglourious Basterds“ (zu den Personen, die Kehlmann am Ende des Romans in der Danksagung aufzählt, gehört übrigens auch Christoph Waltz).

Daniel Kehlmann
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Wer ist GW Pabst?

Abgesehen von Tarantino ist das popkulturelle Weiterleben des Werks von Pabst bisher eher rar; auch wenn er mit der Rolle von Louise Brooks in „Die Büchse der Pandora“ das Bild des Flapper manifestiert, kennen nur wenige seinen Namen oder gar sein Gesicht. Es fällt auf, wenn man es mit dem seines Zeitgenossen Fritz Lang vergleicht, da hat man gleich auch das Bild vor Augen: Fritz Lang wahlweise mit Monokel oder Augenklappe. Pabst kennen vom Gesicht her wohl die Wenigsten. Daniel Kehlmann schafft jetzt mit seinem neuen Roman „Lichtspiel“ ein Bild von G.W. Pabst, ruft ihn - gänzlich unnostalgisch - in Erinnerung, aber „Lichtspiel“ ist weder Denkmalsetzung noch Demontage.

Lichtspiel
Rowohlt

Daniel Kehlmann: „Lichtspiel“
Erschienen am 10. Oktober
Rowohlt

Anhand des Filmemachers, der mal wegen seiner sozialkritischen Filme als der rote Pabst galt und dann während der NS-Zeit in Deutschland Filme drehte, stellt der Roman die Frage, was die Diktatur mit der Kunst macht und was Künstler:innen in einer Diktatur machen, wie biegsam die Moral ist, wie gut man sich selbst austricksen kann.

Pabst ist dabei eine eigentlich erstaunlich passive Romanfigur, eine Flipperkugel, die vom Weltgeschehen herummanövriert wird. Pabst fällt nicht mal von einer Leiter, er wird heruntergebeutelt, zumindest in seiner Erinnerung. Und woran wir uns erinnern und was wir lieber vergessen, auch das spielt eine Rolle in „Lichtspiel“. Nur am Filmset, da, wo es ja auch darum geht, Dinge kontrolliert ablaufen zu lassen, fühlt sich Pabst wohl, ja, nur da scheint er auch tatsächlich am Leben zu sein. Hier weiß er, wie er mit den Schauspieler:innen umzugehen hat, bei den meisten anderen Begegnungen mit Menschen im Alltag ist er überfordert, ungelenk oder auch desinteressiert. „... am Set hat er viel gelacht, aber wenn die Scheinwerfer ausgingen, war er oft wie ausgeleert. Wie ein Kostüm, das keiner trägt“, so beschreibt ihn in „Lichtspiel“ sein Kameramann Franz Wilzek. Dieser Wilzek ist eine Erfindung von Daniel Kehlmann.

Normalität in Kriegszeiten

„Um von der Vergangenheit zu erzählen, muss man erfinden“, hat Daniel Kehlmann einmal in einem Interview gesagt, und das gilt auch für seinen neuen Roman. Und so kann Kehlmann eine Begegnung zwischen Pabst und Joseph Goebbels ins Surreale gleiten lassen, der Propagandaminister als Knallcharge, bei der aber die ganze Perversion und der Größenwahn des Nationalsozialismus mittransportiert wird. „Bedenken Sie, was ich Ihnen bieten kann“, unterbrach der Minister, „zum Beispiel KZ. Jederzeit. Kein Problem. Aber das meine ich ja gar nicht. Ich meine, bedenken Sie, was ich Ihnen auch bieten kann, nämlich: alles, was Sie wollen. Jedes Budget, jeden Schauspieler. Jeden Film, den Sie machen wollen, können Sie
machen.“

Als der zweite Weltkrieg ausbricht, ist Pabst zu Besuch bei seiner Mutter in Österreich; eigentlich wollte er zurück nach Hollywood, jetzt kann er nicht mehr weg. Und er wird sich - zwar angewidert, aber nicht angewidert genug, um es nicht zu tun - mit dem NS-Regime arrangieren und in Deutschland Filme drehen; zwar keine Propagandafilme, aber doch welche, die linientreu sind. „Wenn man einen Film macht, ist man immer in einer Notlage, das ist der Normalzustand“, so Kehlmanns Pabst. Mit Kriegsausbruch ist nicht nur am Filmset eine Notlage Normalzustand. „Was mich betrifft, war ich zur Zeit auf dem besten Wege ein Meister im behaglichen Höllenleben zu werden“, so schreibt Heimito von Doderer in der Erzählung „Unter schwarzen Sternen“. Ein Auszug aus dieser Erzählung ist „Lichtspiel“ vorangestellt: „Wie man’s denn damals überhaupt machte, daß man morgens noch aufstand, und wieder und wieder? Emporgehoben und dahintreibend auf einer breiten Woge des Unsinns, obwohl wir es doch wußten und sahen, und um so
schlimmer!“

Die Kunst und die Umstände

G.W. Pabst lebt im Krieg, wird aber in Frieden gelassen. Wenn er Leni Riefenstahl bei den Dreharbeiten zu „Tiefland“ zur Seite stehen muss und erfährt, dass die Komparsen für den Film aus dem „Anhaltelager“ Maxglan sind, wird ihm zwar schwarz vor Augen und es pocht in der Schläfe, aber er stimmt Wilzek zu, als der sagt, dass sie nichts ändern können. Wichtig ist, Kunst zu machen unter den Umständen, die man vorfindet. Das hier sind jetzt meine Umstände, rechtfertigt sich Pabst vor seiner Frau Trude und dreht zwei Filme während des Krieges: „Komödianten“ und „Paracelsus“.

Allzu gern würde man den Film sehen, den Pabst bei seinem Aufenthalt in Hollywood bei Warner und bei einem Besuch bei Greta Garbo erfolglos umreißt: Die Passagiere eines Ozeanschiffs erreicht ein Funkspruch, dass Krieg ausgebrochen ist. Die Passagiere kämpfen (...) Aber dann stellt sich heraus, dass es nur ein Irrtum war (...) Und dann - Greta, das ist das Wichtigste - müssen aber alle weitermachen mit der Schmierenkomödie der Zivilisation. Als wäre nichts gewesen.
Eine groteske „Schmierenkomödie der Zivilisation“ beschreibt Kehlmann auch in „Lichtspiel“, es formt sich ein - oft parodistisches - Unsittenbild des NS-Kulturbetriebs. Das liest sich aber alles leichter, als es die zeitliche Verortung vermuten lässt, Kehlmann packt oft überraschend knappe Komik in den von Dialogen angetriebenen Roman über einen Mann, der vor der Politik, der Verantwortung und der Realität versucht in die Kunst zu fliehen.

Text: Pia Reiser, FM4

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