
Universum
Radioaktive Wölfe - Tschernobyls verbotene Wildnis
Aus Anlass des 40. Jahrestages dieses weltweit einzigartigen Ereignisses bringt der ORF ein besonderes Juwel aus seinem Archiv wieder ans Licht: „Radioaktive Wölfe – Zwischen Supergau und Krieg“ ist die aktualisierte Fassung einer mehrfach ausgezeichneten Natur-Dokumentation von Klaus Feichtenberger. Sie widmet sich einem wenig beachteten Aspekt der Todeszone – der Rückkehr der Natur in ein vom Menschen kontaminiertes Gebiet. Ein Raubtier ist dabei allen überlegen und steht an der Spitze des Ökosystems – der Wolf. Dieser Film schildert seine enorme Anpassungsfähigkeit und ist neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen auf der Spur.

1986 wurde aus dem stalinistischen Vorzeigeprojekt einer modernen Atomstadt schlagartig ein Niemandsland, größer als Luxemburg. Menschenleer. Auf unabsehbare Zeit verstrahlt, mit der tickenden Bombe eines geschmolzenen Reaktors unter einer Schutzhülle, die bezeichnenderweise „Sarkophag“ genannt wurde. Ein Grab- und Mahnmal für die Ewigkeit. Aber zugleich ein unbeabsichtigtes Freiluftlabor für die Wissenschaft.
Triumph der Wildnis nach nuklearer Katastrophe
Ab der Jahrtausendwende begannen sich mutige Biologen für „die Zone“ zu Interessieren. Mit Geigerzähler und Schutzanzügen im Gepäck, gingen sie einer zentralen Frage nach: wie entwickelt sich die Natur, wenn der Mensch „fehlt“. Wenn er keinen Einfluss mehr auf die Ökosysteme hat? In dem Kulturland von einst fanden sie nun ein Bioreservat für Pflanzen und Tiere vor. Eine Wildnis, von der, außer Gerüchten, kaum jemand etwas wusste. Sie sollte in den nachfolgenden Jahren der Wissenschaft spannende und überraschende Erkenntnisse liefern.

Die österreichischen Wolfsexperten Christoph und Barbara Promberger, besuchten 2009 die Zone, um ein Forschungsprojekt in Gang zu setzen, das die anscheinend zahlreiche Präsenz von Wölfen erklärte. Sie fingen und besenderten die ersten Wölfe, um Fakten über ihr Territorial- und Migrationsverhalten, den Grad der Verstrahlung und den Gesundheitszustand zu sammeln. Durch die intensive Zusammenarbeit ukrainischer und weißrussischer Experten stellte sich heraus, dass Wölfe – aber auch Wildpferde, Bisons oder Seeadler – in der Zone nahezu ideale Lebensbedingungen vorfanden.

Diese Initialzündung in der Erforschung radioaktiv belasteter Ökosysteme wurde von einem Filmteam im Auftrag des ORF und anderer Europäischer Sendeanstalten begleitet und gipfelte in einer vielbeachteten Doku, die dem internationalen TV-Publikum einen 360-Grad-Schwenk über das mittlerweile wohl wildeste Gebiet Europas veranschaulichte.
Ist Tschernobyl ein Fenster in eine Vergangenheit vor dem Menschen? Oder in eine Zukunft nach dem Kollaps unserer Zivilisation? Faszinierende Fragen, denen sich bald Wissenschaftler aus aller der Welt anschlossen.
Ukraine Krieg als Wendepunkt
Die UNIVERSUM Neuauflage der „Radioaktiven Wölfe“ beleuchtet – unter dem Motto „Wie ging es weiter? – eine neue Tragödie für die Zone: die Folgen des russischen Überfalls auf die Ukraine. Die hoffnungsvolle Suche nach Antworten aus der Natur wurde 2022 brutal unterbrochen. Das fruchtbare Forschungsfeld verwandelte sich in ein militärisches Sperrgebiet. Panzer wühlten radioaktive Erde auf, wissenschaftliches Equipment wurde gestohlen oder zerstört, gekühlte Genproben gingen wegen den landesweiten Stromausfällen für immer verloren. Ein massiver Schlag für die Forschung. Ein Schaden für die Menschheit.
Im Winter 2026 besuchte ein Filmteam neuerlich ukrainische Schauplätze von einst. Eine Herausforderung, die in dem kriegsgeschüttelten Land nur unter widrigsten Bedingungen und mehreren Sondergenehmigungen durchgeführt werden konnte.
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Die Fahrt mit der ukrainischen Biologin Maryna Schkwyrja in die Zone, die hier über mehr als ein Jahrzehnt Wolfspopulationen beobachtet und analysiert hatte, wurde zu einem Dokument schmerzlichster Gefühle. Frau Schkwyrja gab ihre Forschungstätigkeit gänzlich auf und widmet sich heute der Aufklärung über die Schäden, die Menschen durch ihr unbedachtes Handeln den Wildtieren zufügen. Ein notwendiger Schritt der Bewusstseinsbildung in einer Welt der Raketen und Drohnen.
Auch eine der vielleicht aufregendsten Erkenntnisse aus der Zone wurde filmisch eingefangen: Die amerikanische Wissenschaftlerin Cara Love, die Veränderungen im Blut der Wölfe von Tschernobyl festgestellt hatte, kann derzeit nicht einreisen. Ihre vielversprechenden Untersuchungen an mehreren Eliteuniversitäten der USA lassen auf Genmutationen schließen, die eine Krebs-Resistenz aufweisen. Ein möglicher Durchbruch für die Humanmedizin. Aber auch diese Forschungen müssen warten.
Die „Radioaktiven Wölfe“ sind mehr als eine TV-Doku. Sie sind eine sprechende Metapher dafür, dass die Natur alleine den Weg zum Besseren findet, der Mensch aber weitgehend blind dafür ist. Ohne uns entwickelten sich die Wölfe prächtig. Wir aber brauchen die Wölfe. Letztlich auch für unser Überleben.
Regie: Klaus Feichtenberger
Bearbeitung: Wolfgang Stickler