
Österreichs Originale
Madame Maux und der Herr der Manege
Sie sind Österreichs Originale. Jennifer Režný porträtiert in ihrer Doku-Reihe Menschen, die aus dem Raster dessen fallen, was landläufig als „normal“ gilt. Menschen, die von Leidenschaft und der Lust an der Grenzüberschreitung getrieben sind. In einer neuen Ausgabe der Sendereihe geht es um zwei Menschen, die ihre Kraft aus dem Rampenlicht schöpfen, in dem sie stehen. Für sie ist die darstellende Kunst nicht bloß Leidenschaft, sondern eine Lebenseinstellung: Schauspielerin Inge Maux und Zirkusdirektor Alexander Schneller-Pikard.


In Mettmach im oberösterreichischen Innviertel wächst Ingeborg Christine Wöchtl – so Inge Maux´ bürgerlicher Name - in geordneten, von dem freiheitsliebenden Mädchen aber oft als beengend empfundenen Verhältnissen auf. Begeistert spielt sie Filmszenen nach, schlüpft in fremde Rollen und träumt von den großen Bühnen der Welt.

Alle Versuche ihrer Eltern, ihren Tatendrang zu zügeln, scheitern. Ihr Weg führt sie an die Schauspielschule Krauss und weiter an renommierte Theater im deutschsprachigen Raum. Musicals und Komödien werden zu ihrem Metier. Doch berufliche und private Umwege lassen den großen Durchbruch Jahrzehnte auf sich warten. Erst Ulrich Seidls Paradies: Liebe macht sie mit fast 70 Jahren einem breiten Publikum bekannt. Mit 80 erfüllt sich schließlich ihr größter Traum: Sie betritt die heiligen Hallen des Burgtheaters, den „Olymp für jeden Schauspieler, man kann es nicht anders sagen.“

Wenn sie nicht spielt, malt und fotografiert sie mit derselben Leidenschaft. Über die Jahre entsteht so eine beeindruckende Sammlung – Bilder, die fast mehr über sie erzählen als jede ihrer Rollen. Bis heute versteht sie sich als „altes spielendes Kind“ und ist überzeugt: „Die größte Kunst besteht darin, in einer Rolle vollkommen zu verschwinden.“

Alexander Schneller-Pikard wächst in Niederösterreich zwischen Wohnwagen, Zirkuszelt und Manege auf. Als einziger Sohn eines traditionsreichen Familienzirkus steht er früh im Schatten seines strengen Vaters. Tägliches Training, Disziplin und der Wunsch, eines Tages selbst Direktor zu sein, prägen seine Kindheit. „Egal, was alles Schlimmes passiert – im Zirkus geht es mir gut“, sagt er. Nach dem frühen Tod seines Vaters tritt er mit nur 27 Jahren erstmals als Zirkusdirektor vor sein Publikum. Heute, zwölf Jahre später, führt er einen der letzten traditionellen Familienzirkusse Österreichs und tourt mit ihm quer durch Niederösterreich.

Hinter jeder Vorstellung steckt ein enormer Kraftakt: als Direktor, kreativer Kopf, Manager und manchmal auch Mechaniker trägt er Verantwortung für Menschen, Tiere und den gesamten Betrieb. Mit seiner Offenherzigkeit, seiner Freizügigkeit und der Freude an der Selbstinszenierung polarisiert er immer wieder. „Ich mag es, wenn ich angeschaut werde. Ich sehe mich auch selbst gerne im Spiegel“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Und doch gilt für ihn vor allem eines: „Zirkus bedeutet Verzicht auf vieles. Aber er ist trotzdem mein Ein und Alles.“

Was Inge Maux und Alexander Schneller-Pikard verbindet, ist weit mehr als die Liebe zum Auftritt. Beide haben sich gegen Widerstände behauptet, Hürden in Kauf genommen und nie aufgehört, an ihren Weg zu glauben. Beide folgen unbeirrt ihrer Leidenschaft – mit einer kindlichen Begeisterung, die vielen längst verloren gegangen ist. Dort, wo andere nur Theater oder Manege sehen, beginnt für Madame Maux und den Herrn der Manege das eigentliche Leben.
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