
Dok 1
Schwieriges Nebeneinander: Islam in Österreich
Für fast jeden zweiten jungen Muslim stehen islamische Gesetze über dem Rechtsstaat. Ebenso viele sind der Ansicht, Musliminnen müssen ein Kopftuch tragen. Das sind die Zahlen aus einer 2026 veröffentlichten Studie des Sozialwissenschaftlers Kenan Güngör. Haben sich elf Jahre nach der großen Flüchtlingsbewegung 2015 die kulturellen Gräben also vertieft?

Vor dem Hintergrund des Kopftuchverbots an den Schulen für unter 14-Jährige, Debatten über ein Verbot des „politischen Islam“ und Sorge vor Radikalisierung geht Hanno Settele in dieser Dok 1 der Frage nach, wie sich die Situation unter den Jugendlichen, vor allem unter muslimischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund, darstellt.
Wie ist der Alltag an sogenannten Brennpunkt-Schulen? Welche Faktoren beeinflussen das Gelingen oder Scheitern von Integration?

Beim Besuch an einer NMS in Wien-Brigittenau ist Hanno Settele bei einem Demokratie-Workshop dabei. Die Schuldirektorin berichtet von Sprachproblemen – weniger von kulturellen Differenzen an ihrer Schule.

Anders schildern das eine Mittelschul-Lehrerin, die anonym bleiben möchte, sowie die Volksschuldirektorin und Buchautorin Susanne Wiesinger. Traditionelle Rollenbilder, Diskussionen um „Haram“- und „Halal“-Jausen und Wettfasten zu Ramadan gehören zum Alltag.

Der Kenner der syrischen Community, Nimer Nimer, berichtet, dass er oft Konflikte miterlebt hat, bei denen Eltern drohen, ihre Kinder nach Syrien zu schicken und zwangszuverheiraten, wenn sie nicht folgsam sind.
Die Islam-Influencerin und Feministin Nur El-Huda Chehade hatte mit Anfeindungen und Drohungen zu kämpfen, als sie demonstrativ ihr Kopftuch abgelegt hat und das auf ihrem Instagram-Kanal thematisiert.

Nicht alle der Zugewanderten sind radikal, vertreten anti-westliches oder salafistisches Gedankengut – aber erzkonservative Lehren, die in Hinterhofmoscheen oder über das Internet verbreitet werden, haben großen Einfluss in einigen Communities.

Ein anonymer Aussteiger, der mehrere Jahre im Umfeld einer salafistischen Moschee verbracht hat, berichtet von der Einstellung in diesem Milieu: „Demokratie ist ein Irrglaube, sie dürfen sich auch nicht wirklich an einem solchen Staat beteiligen, öffentliche Ämter bekleiden oder mitarbeiten. Hingegen ist es erlaubt, von Sozialhilfe zu leben und sich zu bereichern.“
Der an der Uni Wien tätige Koranwissenschafter Tuğrul Kurt erklärt, dass unter Muslimen viele unterschiedliche Auslegungen des Koran verbreitet sind – und im Gelehrtensystem Koranpassagen zitiert und gepredigt werden, die dann, aus ihrem Kontext gerissen, auch abspalterische Tendenzen nach sich ziehen.

Er und mehrere Kolleginnen der Universität Wien betreiben daher das Social-Media Projekt „Frag Imam“. Darin wird ein modernes, liberales Islamverständnis verbreitet. Auch diese Gruppe wurde schon mehrmals von radikalen Moslems bedroht. Die Mitglieder brauchen immer wieder Polizeischutz.

In einem sind sich alle Expertinnen und Fachkundigen einig: Bildung, Spracherwerb, Perspektiven möglich machen und Anpassung einfordern, zur Not auch mit Konsequenzen. Das braucht es unbedingt, wenn Integration gelingen soll. Gleichzeitig muss gegen staats- und demokratiefeindliche Tendenzen entschlossen vorgegangen werden.