
Hollywood Babylon
Die USA in den Zwanzigerjahren: Bibelfeste Konservative ziehen gegen sexuelle Freizügigkeit, Drogenkonsum und die allgemeine Verlotterung der Sitten zu Felde. Besonders das liberale Hollywood, das immer wieder Grenzen gesellschaftlicher Konvention auslotet, ist ihnen ein Dorn im Auge. Es sind prüde, ja repressive Zeiten. Nicht von der Gegenwart ist hier die Rede, sondern von den 1920er-Jahren, den vielzitierten „Roaring Twenties“. Innerhalb nur eines Jahrzehntes hatte ein Immobilienprojekt namens „HOLLYWOODLAND“ an der Kalifornischen Küste die Metamorphose zur gigantischen Unterhaltungsmaschinerie vollzogen: das „LAND“ war aus dem Schriftzug verschwunden, was blieb, war schlicht „HOLLYWOOD“.

Der Alkohol floss trotz Prohibition in Strömen, auf den Filmsets staubte es nur so von – zunächst legalem – Kokain, die Party wollte kein Ende nehmen. Bis die katholische Kirche und protestantische Prediger in diesem „Sodom und Gomorrha“ hart durchgriffen und der Industrie einen strengen Moralkodex überstülpten. Die Regisseurinnen Clara & Julia Kuperberg zeichnen das Sittenbild einer Ära, in der die Mafia kräftig in der Traumfabrik mitmischte, Sexskandale auf der Tagesordnung standen und das Aufkommen des Tonfilms unzählige Karrieren ruinierte. Zu Wort kommt unter anderen Regisseur Damien Chazelle, der mit seinem Film „Babylon“ der Epoche ein Denkmal setzte. Der ORF zeigt die Doku anlässlich der 98. Oscarverleihung.

Der Ruf der Branche, er war zunächst nicht der beste. Das neue Massenmedium Film galt als vulgär und stand im Ansehen noch unter dem Tingeltangel des Varietés. Buster Keatons Vater war entsetzt, als sein Sohn beschloss, zum Film zu gehen, anstatt Varietékünstler zu bleiben. Nach dem Ersten Weltkrieg sehnten sich die Menschen nach Ablenkung, das Leben wollte bis zur Neige ausgekostet werden. Durch die Elektrifizierung wurde die Nacht zum Tag und ein Tabu fiel nach dem anderen. Frauen trugen mit einem Mal Bubikopf und kurze Kleider. Bein zu zeigen und Make-Up zu tragen war zuvor Domäne von Prostituierten gewesen.

Frauen waren aber auch im Kino tonangebend, noch bevor der Tonfilm Einzug hielt. Sie besetzten Regiestühle und Produzentinnen-Posten. Der Filmschnitt war ohnehin fest in weiblicher Hand. Zum ersten Mal entstand eine von der Jugend getriebene Popkultur. Doch der neue Lebensstil, der auch immer mehr sexuelle Freiheiten beinhaltete und in Hollywoodfilmen seinen Widerhall fand, blieb nicht ohne Gegenreaktionen.

An vorderster Front waren es die katholische Kirche und christliche Frauenvereine, die sich um den sittlichen Verfall der Jugend sorgten und immer lauter nach Zensur riefen. Dahinter stand allerdings nicht nur ein moralischer Impetus: Es waren vor allem jüdische Unternehmer wie Adolf Zuckor, Carl Laemmle oder Samuel Goldwyn, die die großen Hollywood-Studios gründeten. Hinter der anwachsenden Kritik an der Lasterhaftigkeit der Filme stand ein tiefgehender Antisemitismus. Die Studiobosse mussten handeln. Nach einer freiwilligen Selbstbeschränkung, die nichts weiter als eine PR-Aktion war, um Kritik zum Verstummen zu bringen, holten sie den US-Postminister an Bord.

Will Hays sah harmlos und etwas dümmlich aus, war aber tatsächlich ein Scharfmacher. Mit Einführung des nach ihm benannten Hays-Codes schliefen Amerikaner nur noch in Einzelbetten und küssten sich nie länger als für wenige Sekunden. Tarzans Lendenschurz wurde voluminöser und die frivolen Dialoge im neu aufkommenden Tonfilm wurden gänzlich harmlos. Erst in den 1960er-Jahren wurde Hollywood wieder freizügiger.
Regie
Clara Kuperberg
Julia Kuperberg
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